Korbachs Archivschatz macht August Biers Medizin sichtbar
Im Stadtarchiv Korbach lagert Geschichte nicht nur in sauber beschrifteten Mappen. Manchmal steckt sie auf der Rückseite eines alten Briefes oder in einem handschriftlichen Zettel, dessen Tinte längst etwas blasser geworden ist. Genau solche Unterlagen des Chirurgen August Bier hat der Historiker Tobias Kindel entdeckt – während seiner einjährigen ehrenamtlichen Arbeit an der Erfassung des Nachlasses von Margarethe Baldamus, Biers ältester Tochter.
Unter den Papieren befinden sich handschriftliche Fallzettel mit Diagnosen und Behandlungsverläufen von Patienten aus Biers Berliner Klinikzeit, Manuskripte wissenschaftlicher Aufsätze und Texte auf den Rückseiten historischer Briefe. Zu den verwendeten Briefen gehört auch ein Schreiben der früheren Kaiserin Auguste Viktoria aus ihrem niederländischen Exil von 1920. Für die Medizingeschichte sind das seltene Zeitdokumente: Sie versprechen Einblicke in Biers Arbeitsalltag und in die Art, wie er über Krankheiten und Therapien nachdachte.
Von Korbach nach Berlin
Die besonders wertvollen Dokumente sollen nun dorthin, wo Biers Berliner Wirken bis heute nachhallt: an die Charité. Archivleiter Wolfgang Kluß und Biers Urenkelin Anette Pries entschieden sich dafür, weil medizinhistorische Unterlagen im Stadtarchiv nicht gezielt von der Forschung gesucht werden. Die fünf Archivkartons sind inzwischen in Berlin eingetroffen und sollen dort von der medizinhistorischen Forschung ausgewertet werden.
Die regionalgeschichtlich relevanten Teile des Nachlasses bleiben dauerhaft in Korbach. Das ist kein kleiner Restposten. Biers Tochter Margarethe Baldamus (1908–1980) hatte Publikationen, Zeitungsartikel, Briefwechsel und Vortragsmanuskripte ihres Vaters bewahrt; dieser Nachlass war dem Stadtarchiv Korbach überlassen worden.
August Bier wurde am 24. November 1861 in Helsen geboren. Sein Vater war der Geometer Theodor Bier. Von 1870 bis 1881 besuchte August Bier das Waldeckische Landesgymnasium in Korbach und legte 1881 an der Alten Landesschule Korbach das Abitur ab. Anschließend studierte er von 1881 bis 1886 Humanmedizin in Berlin, Leipzig und Kiel. Nach Staatsexamen und Medizinalassistentenzeit arbeitete er zunächst als Landarzt und reiste als Schiffsarzt nach Mittel- und Südamerika.
Der Mann hinter den Fallzetteln
1888 wechselte Bier als Assistent an die Kieler Chirurgie unter Friedrich von Esmarch. Ein Jahr später habilitierte er sich im Alter von 28 Jahren mit einer Arbeit über Darmnähte. Ebenfalls 1889 begann er mit der Erforschung der Hyperämietherapie, die er 1903 als Behandlungsmethode einführte. 1894 wurde er Extraordinarius.
In Kiel widmete er sich außerdem der Lokalanästhesie durch die Injektion von Kokain in den Wirbelkanal. 1898 führte er gemeinsam mit seinem Assistenten August Hildebrandt gegenseitige Spinalanästhesien mit 0,5-prozentiger Kokainlösung durch eine Lumbalpunktion durch. Die Methode beruhte auf der 1891 von Heinrich Irenaeus Quincke beschriebenen Lumbalpunktion. Bei den Versuchen wurden selbst starke Schläge gegen das Schienbein sowie starkes Drücken und Ziehen am Hoden nicht als schmerzhaft empfunden. Danach bekamen Bier und Hildebrandt starke postspinale Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen – die weniger glamouröse Seite eines medizinischen Durchbruchs.
August Bier und Théodore Tuffier führten die Spinalanästhesie 1898/1899 in die medizinische Praxis ein. Der US-Amerikaner James Leonard Corning hatte allerdings bereits 1885 ähnliche Versuche mit Kokaininjektionen in rückenmarksnahen Strukturen unternommen. Bis heute ist umstritten, ob Corning dabei eine Spinalanästhesie erzielte, ob die Substanz nur in Bandstrukturen gelangte oder ob er versehentlich eine Periduralanästhesie durchgeführt hatte. Nach Biers Veröffentlichung entbrannte ein Streit darüber, wer das erste erfolgreiche Anästhesieverfahren dieser Art durchgeführt hatte. Bier zerstritt sich später mit Hildebrandt, weil dieser nicht als Mitautor genannt worden war. Heute werden Corning die experimentellen und theoretischen Voraussetzungen zugeschrieben, Bier dagegen die erfolgreiche klinische Anwendung und Etablierung der Spinalanästhesie.
1899, kurz nach seiner Berufung an die Königliche Universität Greifswald, entfernte Bier beim jungen Hansjoachim von Rohr auf dem Küchentisch des Gutshofs Demmin den Blinddarm; als Assistentin half eine „Mamsell“. Nach der Emeritierung Esmarchs am 1. April 1899 wurde Heinrich Helferich Direktor der chirurgischen Klinik, während Bier Helferichs Stelle als ordentlicher Professor der Chirurgie übernahm.
1903 wechselte Bier auf den chirurgischen Lehrstuhl der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität. In Bonn operierte er im St.-Johannes-Hospital, weil die Universität noch keinen eigenen Operationssaal besaß. 1907 übernahm er in Berlin die Leitung der Chirurgischen Universitätsklinik in der Ziegelstraße – jener Klinik, die heute zur Charité gehört. Von 1907 bis 1932 stand er an ihrer Spitze.
Anästhesie, Stahlhelm und ein Waldgut
1909 entwickelte Bier den nach ihm benannten Bier-Block, eine intravenöse Lokalanästhesie beziehungsweise intravenöse Regionalanästhesie. Bei blutleerer Extremität injizierte er 0,5-prozentige Novocainlösung in eine Extremitätenvene. In mehr als 100 Fällen erreichte er damit eine vollständige Betäubung der zu operierenden Extremität. Für seine operationstechnischen Neuerungen wurde Bier mehrfach für den Nobelpreis nominiert.
Im Ersten Weltkrieg war er Marinegeneralarzt und beratender Chirurg des XVIII. Armee-Korps. Seine zahlreichen Lazarettbesuche führten zur Entwicklung des deutschen Stahlhelms M1916, der viele Soldaten vor schweren Kopfverletzungen schützte. Der Stahlhelm löste die Pickelhaube ab und wurde weltweit verbreitet. Bier erfand außerdem einen Schröpfkopf, bei dem der Unterdruck mithilfe einer Saugglocke statt durch Erwärmung und anschließende Abkühlung erzeugt wurde. Das Gerät hieß „Biersche Glocke“.
In der Weimarer Republik engagierte sich Bier für Heilgymnastik und Sport. Er beschäftigte sich kritisch-naturwissenschaftlich mit der Homöopathie und der Seele. 1920 wurde er erster Leiter der Hochschule für Leibesübungen in Berlin, Carl Diem sein Stellvertreter. Bier operierte unter anderem Hugo Stinnes 1924 und Friedrich Ebert 1925. Von 1930 bis zu seiner Emeritierung 1932 war er Vorsitzender der Berliner Chirurgischen Gesellschaft.
Schon 1912 hatte Bier das 500 Hektar große Waldgut Sauen bei Beeskow gekauft; später wurde es auf 807 Hektar erweitert. Das Gut besaß den Status eines Ritterguts und wurde vom Pächter Ludwig Swoboda betreut. Nach seiner Emeritierung 1932 beschäftigte sich Bier dort mit Forstwirtschaft. Aus der heruntergewirtschafteten Kiefernheide machte er einen standortgerechten Mischwald. Kiefernreinbestände ersetzte er unter anderem durch Traubeneiche, Rotbuche, Bergahorn, Linden, Fichten und Douglasien. Es entstanden Mischbestände aus Laub- und Nadelhölzern mit Sträuchern und Bodenpflanzen.
Besonders wichtig waren ihm die Waldmäntel, die er den „warmen Rock des Waldes“ nannte. Seine forstwirtschaftlichen Versuche erregten in Fachkreisen große Aufmerksamkeit; Sauen wurde zum Ziel zahlreicher Besucher. Von 1931 bis 1948 war Bier Kuratoriumsmitglied der Fürst-Donnersmarck-Stiftung.
Ein widersprüchener Lebenslauf
Nach der Emeritierung stand Bier dem Nationalsozialismus zunächst nahe. Am 3. und 4. April 1932 veröffentlichte er im „Völkischen Beobachter“ einen Aufruf zugunsten der NSDAP. 1937 erhielten Bier und Ferdinand Sauerbruch beim Reichsparteitag den mit 100.000 Reichsmark dotierten Deutschen Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft. Laut Verordnung sollte dieser Preis als Ersatz für den Nobelpreis dienen. Am 18. August 1942 ernannte Adolf Hitler Bier zum außerordentlichen Mitglied des wissenschaftlichen Senats des Heeressanitätswesens. Bier war außerdem Mitherausgeber der „Münchener Medizinischen Wochenschrift“.
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