Liturgie zwischen Bildschirm und Sakrament: Wie digitale Räume religiöse Gemeinschaft verändern
Digitale Gottesdienste, Gebets-Apps und virtuelle Chöre klingen heute fast selbstverständlich. 2019 waren sie bereits Gegenstand eines öffentlichen Abendvortrags an der Universität Münster: Prof. Dr. Dr. Teresa Berger von der Yale Divinity School in New Haven sprach am Mittwoch, 11. Dezember 2019, um 18 Uhr c.t. im KTh I, Johannisstraße 8–10, über „Liturgie digital – digitale Liturgie: Reflexionen zu gottesdienstlichen Vollzügen in Bits & Bytes“.
Eingeladen hatte die Katholisch-Theologische Fakultät der WWU Münster. Berger forscht zu liturgischen Praktiken in digitalen Welten – also zu dem, was passiert, wenn Gottesdienst nicht nur in Kirchen, Kapellen oder unter freiem Himmel stattfindet, sondern auch auf Bildschirmen: als Live-Streaming, in „Pray-as-you-go“-Anwendungen, digitalen Gebetskapellen, virtuellen Chören und Online-Wallfahrten. Im Cyberspace gibt es außerdem Glaubensgemeinschaften, die vollständig online organisiert sind.
Eine Liturgie zwischen Bildschirm und Sakrament
Am selben Tag war bereits um 12 Uhr s.t. im KTh I ein Brownbag-Meeting angesetzt. Der Titel: „#new_fields_of_research: Liturgische Vollzüge im digitalen Zeitalter“. Die Fragen dahinter sind durchaus handfest: Bilden Menschen in einer Online-Kapelle tatsächlich eine betende Gemeinschaft? Und empfangen Avatare, die digitales Brot und digitalen Wein erhalten, die Kommunion?
Berger veröffentlichte 2017 das Buch „@ worship. Liturgical Practices in Digital Worlds“. Es gilt als erste wissenschaftliche Monografie zu liturgischen Online-Praktiken, die seit der Einführung von Web 2.0 entstanden sind – beziehungsweise als erste Monografie, die sich ausschließlich mit solchen Online-Liturgien befasst. Das Buch untersucht konkrete digitale Praktiken und verbindet Liturgiewissenschaft, konstruktive Theologie und Theorien zu digitalen Medien.
Die Untersuchung ist in vier Schwerpunkte gegliedert: digitale Präsenz, virtuelle Körper und Online-Teilnahme; kirchliche Gemeinschaften im Cyberspace; digitale Materialität, Visualität und Klanglandschaften; sowie sakramentale Vermittlung im Internet. Ein abschließendes Kapitel bündelt die Ergebnisse und entwickelt Perspektiven für die weitere Reflexion. Gedacht ist das Buch für Forschende der Theologie und Religionswissenschaft ebenso wie für die Soziologie und digitale Kultur.
Berger, Münster und Yale
Teresa Berger promovierte zunächst an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Eine weitere Promotion absolvierte sie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der WWU Münster; ihre Arbeit trug den Titel „Theologie in Hymnen? Zum Verhältnis von Doxologie und Theologie“. An der WWU Münster habilitierte sie sich ebenfalls.
Heute ist sie Professorin für Liturgiewissenschaft und Thomas E. Golden Jr. Professorin für Katholische Theologie an der Yale University. Sie arbeitet am Yale Institute of Sacred Music und an der Yale Divinity School. Gastprofessuren führten sie nach Mainz, Münster, Berlin und Uppsala. Außerdem verfasste und gab sie mehrere Bücher zu liturgiewissenschaftlichen und gender-theologischen Themen heraus und schreibt regelmäßig für den Liturgieblog „Pray Tell“.
Was nach der Pandemie bleibt
Wie weit solche Fragen reichen, zeigt ein Beitrag, der am 13.02.2024 auf religion.ch erschien: „Religiöse Praxis in post-digitalen Zeiten“ von Thomas Schlag, Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich und Direktor des Forschungsschwerpunkts „Digital Religion(s)“. Digitale Räume ermöglichen dort nicht nur Pfarrer:innen, Priester:innen und Theolog:innen, sondern auch Laien, religiöse Auffassungen öffentlich zu verbreiten. Damit vervielfachen sich die Gestaltungsmöglichkeiten religiöser Praxis – und bisherige religiöse Fachautoritäten bekommen Konkurrenz.
In einer post-digitalen Kultur gehören digitale Medien und Kommunikation generationenübergreifend zum alltäglichen „On-life“. Einen kräftigen Schub erhielten religiöse Onlineangebote während der Corona-Pandemie: Kontaktbeschränkungen führten zunächst dazu, dass Pfarrer:innen Predigten online oder als Podcasts bereitstellten. Kurz darauf wurden Gottesdienste mit Pfarrpersonen, Kirchenmusiker:innen und professionellerer Technik live aus Kirchen übertragen. Inhalt und Ablauf blieben dabei häufig an den etablierten kirchlichen Formen orientiert. Trotz technischer Weiterentwicklung veränderten sich religiöse Botschaft und Gottesdienstgestaltung meist kaum.
Gerade dadurch wurde aber sichtbar, was fehlte: die versammelte Gemeinde. Ähnliche Erfahrungen machten während der Pandemie auch andere Religionsgemeinschaften. Rund vier Jahre nach ihrem Beginn nahm die starke digitale Hochkonjunktur religiöser Kommunikation wieder ab. Die Sorge vieler Pfarrer:innen, den realen Kontakt zu Gemeindemitgliedern und körperbezogene Erfahrungen gemeinsamer Gottesdienste zu verlieren, ist damit nicht einfach verschwunden.
Neue Räume, neue Autoritäten
In den vergangenen Jahren entstanden zahlreiche Experimente mit digitaler Religion und digitaler Theologie. Religionsgemeinschaften erproben, wie Religion im Netz anschaulich, attraktiv, zeitgemäß und inhaltlich stimmig vermittelt werden kann. Für die Forschung sind vor allem jene Angebote interessant, die digitale Medien nicht bloß als Leitung für eine bereits bestehende Veranstaltung verwenden, sondern neue Formen religiöser Kommunikation schaffen.
Gebetsstreams, Chatforen und Influencer:innen-Kanäle ermöglichen gemeinsame Gebetszeiten in Echtzeit, Seelsorge und theologischen Austausch außerhalb klassischer kirchlicher Lehrautoritäten. Partizipative Netzwerke öffnen neue Kommunikationsräume für religiöse Identität und Zugehörigkeit – „believing and belonging“. Religiöse Zugehörigkeit kann so auch ohne regelmäßige analoge Treffen entstehen. Welche Formen daraus werden, handeln Nutzer:innen und Religionsgemeinschaften miteinander aus; zugleich prägt religiöse Nutzung den Charakter digitaler Medien und treibt deren Weiterentwicklung an.
Im Metaversum entstehen Gottesdienstinszenierungen, teilweise auch digitale Taufen. Für bestimmte Zeiträume kann das Internet für Nutzer:innen die Funktion einer Gemeinde übernehmen. Der audiovisuelle und soziale Charakter digitaler Medien verleiht solchen Angeboten eine lebensrelevante, „reale“ Bedeutung. Die selbstbewusste theologische Produktivität von unten stellt dabei die Deutungskompetenz bisheriger kirchlich-theologischer Autoritäten infrage. Religiöse Autoritäten verschiedener Traditionen müssen neue theologisch-digitale Raumgestalter:innen berücksichtigen und ernst nehmen.
Künftig könnten virtuelle Liturgieformate für Predigten, Abendmahlsfeiern und andere religiöse Handlungen entstehen. Bei digital gestalteten Trauergottesdiensten können Angehörige weltweit teilnehmen und durch ihre Präsenz Anteil nehmen. Solche Entwicklungen werden als „religious shaping of technology“ bezeichnet. Mit künstlicher Intelligenz könnten außerdem liturgische Formate entstehen, die nicht mehr ausschließlich von klassisch ausgebildeten Fachleuten gestaltet werden.
Verkündigung erscheint in digitalen religiösen Angeboten zunehmend als dialogischer Prozess zwischen Anbieter:innen und Teilnehmenden. Religiöse Kommunikation umfasst dann nicht nur die Botschaft, sondern auch Austausch und Resonanz. Damit stellt sich die Frage, wer in den neuen digitalen Räumen religiöse Deutungshoheit übernimmt. Influencer:innen – darunter auch Pfarrer:innen – treten zu unterschiedlichen Zeiten, an verschiedenen Orten und zu vielfältigen Anlässen öffentlich religiös auf. Für Religionsgemeinschaften und theologische Forschung wachsen dadurch neue Herausforderungen und Forschungsfelder.
Ganz ohne analoge Welt geht es allerdings oft nicht. Digitalisierung führt religiöse Praxis häufig in hybride Formen, die digitale und analoge Begegnungen verbinden. Online-Kaffees können theologischen Austausch und Gemeinschaft über Grenzen hinweg ermöglichen; Teilnehmende digitaler religiöser Netzwerke treffen sich teilweise zusätzlich persönlich. Ob religiöse Gemeinschaft dauerhaft ausschließlich digital entstehen und bestehen kann, bleibt offen. Die nachhaltige Bedeutung digitaler Angebote zeigt sich vermutlich vor allem dann, wenn sie regelmäßig mit realen Begegnungen verbunden werden.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentümliche Spannung digitaler Liturgie: Anwesenheit und Abwesenheit stehen gleichzeitig im Raum. Ein Bildschirm kann eine Stimme übertragen, einen Chor versammeln, eine weltweite Trauergemeinde verbinden – und dennoch bleibt die leere Kirchenbank spürbar.
