Jüdische Kunstsammler:innen und die Brüche der Moderne
Im Bucerius Kunst Forum in Hamburg geht es um jüdische Kunstsammler:innen und die moderne Kunst – und um eine Ausstellung, die laut dem Artikel „Ein mediokres Gauklerbild in Tempera ist schlicht zu wenig“ eine vergebene Chance bleibt. Gemeint ist die Schau „Von Monet bis Picasso – Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland“, die als enttäuschend kritisiert wird.
Das ist schade, weil die Geschichte weit über NS-Raubkunst, Entschädigungsforderungen und Restitution hinausreicht. Im öffentlichen Umgang mit jüdischen Kunstsammlungen aus dem frühen 20. Jahrhundert stehen diese Fragen häufig im Mittelpunkt. Dabei gerät die kulturhistorische Bedeutung der Sammlerinnen und Sammler teilweise aus dem Blick.
Ein Bürgertum als Rückgrat der Malerei
Das jüdische Bürgertum prägte im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik maßgeblich das kulturelle Leben. Gerade für zeitgenössische Kunst engagierte es sich früh und stark. Der Schriftsteller Arnold Zweig schrieb im Herbst 1933, jüdische Bilderkäufer seien in Deutschland während der vorangegangenen 30 Jahre ein Rückgrat der Malerei gewesen. Zweig stellte dieses Engagement dem jüdischen Publikumsanteil in den Theatern und der Nachfrage nach deutschen Büchern gegenüber.
Auch die Galerienlandschaft trug diese Handschrift. Zu den bedeutenden, überwiegend jüdischen Galeristen jener Zeit zählten Paul Cassirer, Alfred Flechtheim, Heinrich und Justin Thannhauser sowie Herwarth Walden. Ein Beispiel für die Bedeutung jüdischer Sammler ist Wladimir von Zabotins Gemälde „Sonntagmorgen in Danzig“. Es gelangte 1973 durch eine Schenkung William Landmanns aus Toronto in den Bestand der Kunsthalle Mannheim.
15 Sammlungen, rund 100 Werke – und ihre Brüche
Die Ausstellung rekonstruiert exemplarisch 15 Sammlungen. Rund 100 Werke führen vom Realismus und Impressionismus über den Expressionismus bis zur Neuen Sachlichkeit. Sie soll die prägende Rolle jüdischer Sammler:innen für die moderne Kunst sichtbar machen, erzählt aber ebenso von den Einschnitten in ihren Biografien: Verfolgung, Enteignung, Exil, Ermordung und die Zerstreuung der Kunstwerke.
Gefragt wird außerdem, wie mit diesen Geschichten bis heute umgegangen wird. Genau hier setzt die Tagung „Zwischen NS-Raubkunst, Restitution und Erinnern“ an, die am 18. und 19. Februar 2027 stattfindet. Forschung und Praxis kommen in einem fachübergreifenden Diskurs zusammen. Auf der Tagesordnung stehen Fragen danach, wie heute über „Moderne“ gesprochen wird, welche institutionellen Kontinuitäten und Zäsuren den Umgang mit jüdischen Sammler:innen vor und nach 1945 geprägt haben und welche Verantwortung Museen, Politik und Justiz bei NS-Raubgut und Restitution tragen.
In vier großen Panels diskutieren Expert:innen aus Politik, Museen, Journalismus, Universitäten, Kunsthandel und Recht. Es geht unter anderem um Provenienzforschung und Aufarbeitung, um Kanon und Deutungshoheit sowie um Erinnern und Verantwortung. Das interdisziplinäre Programm greift die Perspektiven der Ausstellung auf: Vorgesehen sind wissenschaftliche Panels, Impulsvorträge und Beiträge Hamburger Kultur- und Forschungseinrichtungen zu institutionellen Perspektiven und aktuellen Ausstellungsprojekten.
Begleitend gibt es Führungen durch die Ausstellung, eine Lesung von Dmitrij Kapitelman und am Ende des ersten Tages ein Konzert des Jewish Chamber Orchestra Hamburg. Der Early-Bird-Preis beträgt bis zum 15. Januar 2027 35 Euro. Ab dem 16. Januar 2027 kosten reguläre Tickets 75 Euro, Studierende zahlen 15 Euro. Online-Tickets sind verfügbar.
Vom geraubten Objekt zur Lebensgeschichte
Der Blick auf die Sammlungen führt unweigerlich in eine Zeit, in der viele Jüdinnen und Juden in Deutschland lebten und während der NS-Zeit verfolgt, vertrieben und ermordet wurden. Ihr Eigentum wurde gestohlen, darunter Kunstwerke und Bücher. Einige dieser Objekte befinden sich heute noch in Museen und Bibliotheken.
Diese Einrichtungen prüfen die Herkunft der Werke, um sie zurückzugeben. Bei den Untersuchungen werden zugleich Informationen über die verfolgten jüdischen Eigentümer und ihre Schicksale ermittelt. Das Projekt „Kunst, Raub und Rückgabe – Vergessene Lebensgeschichten“ erinnert an diese Menschen und informiert über ihre Lebensgeschichten, den Verbleib ihrer Kunstwerke und die Bedeutung der Rückgabe für ihre Familien.
An dem Projekt arbeiten die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, der Rundfunk Berlin-Brandenburg und der Bayerische Rundfunk zusammen. Für jede Lebensgeschichte gibt es eine eigene Website-Seite. Sie lässt sich über Namen oder Bilder auf der Startseite sowie über den Bereich „Lebens-Geschichten“ öffnen. Die Seiten enthalten Bilder, Hörtexte und einen Film; produziert wurden die Filme vom Bayerischen Rundfunk oder vom Rundfunk Berlin-Brandenburg.
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