Mainzer Studie: Filme mit Drehbuchautorinnen erzielen höhere Renditen
Wer im Film schreibt, bekommt offenbar oft weniger Geld – kann damit aber mehr verdienen. Das zeigt eine Studie der Universität Mainz, die in Frontiers in Communication veröffentlicht wurde. Untersucht wurden knapp 200.000 Spielfilme mit mindestens 60 Minuten Länge aus den Jahren 1994 bis 2023. Die Daten stammen aus IMDb und umfassen Kino- wie Nicht-Kinoveröffentlichungen, überwiegend aber kommerziell ausgewertete, vor allem US-amerikanische Produktionen.
Für mehr als 4.200 Filme – in der Auswertung der Finanzdaten teils auch mit rund 4.000 angegeben – lagen zusätzlich Produktionsbudgets und weltweite Brutto-Kinoeinnahmen vor. Erfasst wurden unter anderem Regie- und Drehbuchbeteiligungen, Publikumsbewertungen, die Zahl der Bewertungen, Produktionsbudgets und Kinoerlöse. Marketing- und Vertriebskosten, Streamingerlöse, Starbesetzungen sowie die Zugehörigkeit zu Filmreihen blieben außen vor. Der vereinfachte Gewinn wurde als Kinoeinnahmen minus Produktionsbudget berechnet.
Weniger Budget, mehr Rendite
Filme mit mindestens einer Drehbuchautorin, aber ausschließlich männlicher Regie, erzielten im Schnitt die besseren finanziellen Ergebnisse. Ihr medianer Gewinn lag bei rund 35,9 Millionen US-Dollar – etwa 34 Prozent mehr als bei Produktionen mit ausschließlich männlicher Beteiligung, die auf rund 26,8 Millionen US-Dollar kamen. Der Return on Investment, also der Gewinn im Verhältnis zum Produktionsbudget, lag bei 1,1 gegenüber 0,88. Das entspricht ungefähr 25 Prozent mehr.
Der typische Gewinn dieser Filme lag laut Studie damit etwa ein Drittel über dem rein männlicher Produktionen. Ihre Rendite war im Median ungefähr ein Viertel höher. Der ROI berücksichtigt allerdings weder Marketing- und Vertriebskosten noch andere Einnahmequellen. Das ist kein kleiner Haken, sondern ein wichtiger – die Rechnung bleibt bewusst grob.
Saßen Frauen sowohl am Drehbuch als auch auf dem Regiestuhl, lag der mediane ROI ungefähr auf dem Niveau rein männlicher Produktionen. Die Budgets waren im Durchschnitt jedoch nur etwa halb so hoch. Mit weniger Geld also ähnlich viel Rendite. Klingt nach einem Argument, das in manchen Vorstandsetagen ruhig einmal auf einem großen Zettel hängen dürfte.
Über den gesamten Zeitraum hatten fast drei Viertel der Filme weder eine Frau in der Regie noch im Drehbuch. Der Anteil der Filme mit mindestens einer Regisseurin oder Drehbuchautorin stieg zwar von 21,5 Prozent im Jahr 1994 auf 29,4 Prozent im Jahr 2023. Trotzdem enthielt 2023 noch weniger als ein Drittel der Filme eine Frau in einer dieser Rollen. Nach der #MeToo-Bewegung ab 2017 nahm die Beteiligung weiter zu, beschleunigte sich aber nicht dauerhaft.
Je teurer der Film, desto männlicher die Spitze
Mit wachsendem Produktionsbudget wurden Frauen in Drehbuch- und Regie-Credits seltener. In den obersten zehn Prozent der Budgetverteilung waren 74,8 Prozent der Filme rein männlich besetzt, in den obersten fünf Prozent 78,6 Prozent. Im obersten Prozent stieg der Anteil auf 88,6 Prozent.
Diese Spitzengruppe bestand aus 44 Filmen. Keiner hatte eine Regisseurin; 39 waren sowohl beim Drehbuch als auch bei der Regie ausschließlich männlich besetzt. Fünf Filme waren von Frauen geschrieben, aber nicht von ihnen inszeniert. Trotz leicht niedrigerer Medianbudgets erzielten diese fünf Produktionen einen um rund 113 Millionen US-Dollar höheren Mediangewinn als Filme mit ausschließlich männlicher Beteiligung.
Auch die engeren Budgetsegmente liefern auffällige Zahlen: In den obersten fünf Prozent kamen Filme mit einer Drehbuchautorin ohne Regisseurin auf einen medianen Gewinn von 556 Millionen US-Dollar – rund 86 Millionen mehr als rein männliche Filme. In den obersten zehn Prozent lag ihr Median bei etwa 452 Millionen US-Dollar, ungefähr 134 Millionen über dem Vergleichswert rein männlicher Produktionen.
Die Studie beweist allerdings keine Kausalität. Sie zeigt nicht, dass weibliche Drehbuchbeteiligung den finanziellen Erfolg verursacht. Studienautorin Anja Huwiler nennt mögliche Einflussfaktoren wie Marketing, Besetzung, persönliche Netzwerke und etablierte Arbeitsweisen. Frühere Forschung legt zudem nahe, dass Entscheidungsträger wegen des finanziellen Risikos vertraute Personen und bekannte Abläufe bevorzugen könnten. Gerade bei teuren Produktionen wird offenbar lieber auf das gesetzt, was schon einmal funktioniert haben soll.
Eine Rechnung mit Grenzen
Die Finanzdaten stammen überwiegend aus US-amerikanischen Kinoproduktionen. Einige Gruppen, insbesondere Regisseurinnen, waren klein; bestimmte Ergebnisse haben deshalb vor allem beschreibenden Charakter. Im Gesamtdatensatz wurde das Geschlecht anhand von Vornamen geschätzt. Frauen aus bestimmten Hintergründen könnten dadurch untererfasst sein.
Auch die Studie selbst untersuchte nicht, welche Maßnahmen langfristig Veränderungen bewirken. Ihr Vorschlag fällt dennoch ziemlich konkret aus: Bei Personal-, Finanzierungs- und Budgetentscheidungen sollte systematisch über vertraute Netzwerke hinausgeblickt werden.
Frühere Untersuchungen aus Deutschland und Frankreich kamen laut dem Bericht zu ähnlichen Ergebnissen: Frauen erhalten geringere Budgets, obwohl ihre Filme künstlerisch und finanziell nicht schlechter abschneiden. Für die Mainzer Auswertung wurden weder Marketingkosten noch Streamingerlöse, Starbesetzungen oder die Einbindung in Filmreihen berücksichtigt – Faktoren, die den Erfolg eines Films ebenfalls kräftig verschieben können.
Was deutsche Studien längst zeigen
In Deutschland gibt es dazu bereits eine ganze Reihe von Untersuchungen. Im Februar 2022 erschien „Sichtbarkeit und Vielfalt: Fortschrittsstudie zur audiovisuellen Diversität – Gender & Kino“. Die Untersuchung der Universität Rostock entstand mit der MaLisa Stiftung und weiteren Partnerinstitutionen. Geleitet wurde sie von Professorin Elizabeth Prommer, dem Institut für Medienforschung der Universität Rostock. Ergebnis: Der Frauenanteil auf der Leinwand ist seit 2017 gestiegen, Frauen werden aber weiterhin weniger vielfältig dargestellt.
Im März 2021 befragte das Bündnis Vielfalt im Film mehr als 6.000 Filmschaffende aus 440 Berufen. Die Online-Umfrage „Vielfalt im Film“ untersuchte Vielfalt und Repräsentation vor und hinter der Kamera in der deutschsprachigen Film- und Fernsehbranche. Es ging um die Repräsentation verschiedener Gruppen, Ausschlüsse und Diskriminierungserfahrungen, prekäre Arbeitsverhältnisse und Möglichkeiten für eine gerechtere Filmbranche.
Bereits im Februar 2020 sprach Professorin Elizabeth Prommer beim Berlinale-Brunch der ARD-Filmintendantin über „Produzentinnen in Deutschland: Relevanz und Strukturdaten“. Im Juni 2017 folgte die bis dahin umfassendste Studie zu Geschlechterdarstellungen in deutschen Fernseh- und Kinoproduktionen: „Audiovisuelle Diversität? Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland“. Initiiert wurde sie von Maria Furtwängler, durchgeführt vom Institut für Medienforschung der Universität Rostock unter Leitung von Professorin Elizabeth Prommer.
Gefördert wurde diese Untersuchung von ARD Degeto für die ARD, dem ZDF, der Film- und Medienstiftung NRW, ProSiebenSat.1, dem FilmFernsehFonds Bayern, der Filmförderungsanstalt, der Mediengruppe RTL Deutschland und der MaLisa Stiftung.
Ebenfalls im Februar 2017 veröffentlichte die Filmförderungsanstalt „Gender und Film – Rahmenbedingungen und Ursachen der Geschlechterverteilung von Filmschaffenden in Schlüsselpositionen in Deutschland“. Erstmals wurden sämtliche zentralen Tätigkeiten unter dem Gesichtspunkt der Geschlechtergerechtigkeit untersucht: Drehbuch, Regie, Produktion, Kamera, Szenenbild, Kostüm, Schnitt und Ton. Grundlage waren persönliche Interviews und umfangreiche Onlinebefragungen zu Arbeitsbedingungen, Stereotypisierungen und beruflichen Herausforderungen. Behandelt wurden auch branchenkulturelle Herausforderungen für Frauen und Männer.
Parallel dazu entstand im Februar 2017 „Gender und Fernsehfilm“ im Auftrag von ARD und ZDF. Die Studie war methodisch an die FFA-Studie „Gender und Film“ angelehnt und untersuchte die Geschlechterverteilung in kreativen Positionen der Fernsehfilmproduktion. Interviews und Onlinebefragungen widmeten sich möglichen Zugangsbarrieren zu Berufen und Gewerken sowie brancheninternen Herausforderungen. Diese Barrieren beeinträchtigen Frauen im Berufsleben stärker als Männer.
Schon im Juni 2016 hatte der Deutsche Kulturrat im Auftrag der Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit „Frauen in Kultur und Medien“ die Situation von Frauen im deutschen Kultur- und Medienbereich untersucht. Die Studie gab einen Überblick über aktuelle Tendenzen und Entwicklungen und enthielt Lösungsvorschläge. Auf dem Campus der Uni Mainz bleibt davon vor allem eine Zahl hängen: Mehr Frauen in den Credits sind
