Michel Foucault: Wie Macht, Wissen und Widerstand unser Denken prägen
Michel Foucault war vieles zugleich: Philosoph, Historiker, Anthropologe, Soziologe und Aktivist. Ein unkonventioneller Professor, der öffentlich auch mal im Rollkragenpullover auftrat, während er hochakademisch über das Verhältnis von Macht und Gesellschaft arbeitete. Diese Mischung aus Theorie und Einmischung wirkt bis heute nach.
Am 15. Oktober 2026 wäre Foucault 100 Jahre alt geworden. Heute, am 14. Oktober, richtet sich der Blick deshalb noch einmal auf den Denker, der auf die Straße ging, Gefängnisinsassen selbst zu Wort kommen lassen wollte und zugleich fragte, wie historisch geprägte Kategorien unser Denken bestimmen. Der SWR-Beitrag untersucht, warum seine Werke weiterhin Einfluss haben – und wie die Person hinter dem Namen zu verstehen ist.
Ein Denker zwischen Archiv und Straße
Zu Wort kommen Philipp Felsch, Kulturwissenschaftler an der Humboldt-Universität zu Berlin, Jens Kastner, Soziologe und Kunsthistoriker aus Wien, sowie Cord Riechelmann, Biologe und Philosoph. Das Gespräch führte Antje Allroggen. Veröffentlicht wurde der Beitrag am 9. Oktober 2026; für den 13. Oktober 2026 war er im Programm „Forum“ von SWR Kultur angekündigt.
Foucault wurde am 15. Oktober 1926 in Poitiers als Paul-Michel Foucault geboren. Seine Eltern waren der Chirurg und Anatomieprofessor Paul-André Foucault und Anne-Marie Foucault. Zur Familie gehörten außerdem seine ältere Schwester Francine und sein jüngerer Bruder Denys. Die wohlhabenden Foucaults beschäftigten ein Kindermädchen, eine Köchin und einen Chauffeur. Medizin zu studieren, wie es die Familientradition nahelegte, interessierte ihn trotzdem nicht sonderlich: Geschichte und Literatur zogen ihn stärker an.
Nach dem Abitur 1943 besuchte Foucault Vorbereitungsklassen für die École normale supérieure. Der erste Aufnahmeversuch 1945 scheiterte; in Paris bereitete er sich am Lycée Henri IV erneut vor. Dort lernte er den Hegel-Interpreten Jean Hyppolite kennen. 1946 bestand er die Aufnahmeprüfung an der École normale supérieure und studierte Philosophie, unter anderem gemeinsam mit Louis Althusser. Ab 1947 besuchte er Vorlesungen von Maurice Merleau-Ponty und lernte bei Georges Canguilhem.
1948 unternahm Foucault einen ersten Suizidversuch; weitere Suizidversuche und -inszenierungen folgten. Gleichzeitig studierte er intensiv Platon, Kant, Hegel, Marx, Heidegger und die deutsche Sprache. Besonders Heidegger prägte sein frühes Denken. 1949 erwarb er an der Sorbonne einen Abschluss in Psychologie, 1951 bestand er die französische Hochschullehrerprüfung in Philosophie und wurde Nachfolger Merleau-Pontys. Zu seinen damaligen Hörern gehörten Paul Veyne, Jacques Derrida und Gérard Genette.
Parallel absolvierte Foucault psychologische Praktika im psychiatrischen Krankenhaus Sainte-Anne und im Gefängnis Fresnes. 1952/53 kam eine psychiatrische Zusatzausbildung hinzu. Bereits 1950 war er der Kommunistischen Partei Frankreichs beigetreten, die er später wieder verließ. Er besuchte Seminare von Jacques Lacan und beschäftigte sich verstärkt mit Sigmund Freud. Von 1952 bis 1955 arbeitete er als Assistent für Psychologie an der Universität Lille. Während eines Italienaufenthalts 1953 las er intensiv Friedrich Nietzsche – eine Lektüre, die ihn nachhaltig prägte.
Von der Wissensarchäologie zur Machtanalyse
1954 veröffentlichte Foucault gemeinsam mit Jacqueline Verdeaux eine französische Übersetzung von Ludwig Binswangers Traum und Existenz. Sein umfangreiches Vorwort setzte sich mit Freud, Heidegger und Husserl auseinander. Im selben Jahr erschien seine erste eigene Schrift Geisteskrankheit und Persönlichkeit, die er später in Psychologie und Geisteskrankheit umbenannte und teilweise überarbeitete.
Konflikte in der Kommunistischen Partei und seine Freundschaft mit Georges Dumézil trugen dazu bei, dass Foucault Frankreich verließ. Im August 1955 übernahm er ein Lektorat für Romanistik in Uppsala bei Stockholm. Dort begann er mit seiner Dissertation über die Geschichte des Wahnsinns; als er Schweden 1958 verließ, war das Manuskript nahezu abgeschlossen. Danach arbeitete er in Warschau als Lektor und Kulturattaché des Centre culturel français. 1959/60 leitete er das Institut Français in Hamburg. Sein Vater starb im September 1959 im Alter von 66 Jahren. Im Sommer 1960 kehrte Foucault nach Frankreich zurück und wurde Privatdozent für Psychologie an der Universität Clermont-Ferrand.
1961 erschien seine Dissertation unter dem Titel Folie et déraison. Histoire de la folie à l’âge classique, auf Deutsch Wahnsinn und Gesellschaft. Das Buch untersucht, wie Vorstellungen von geistiger Gesundheit und Krankheit historisch entstanden und wie gesellschaftliche Ausgrenzung funktioniert. Georges Canguilhem betreute die Dissertation und würdigte ihre Dokumentation und philosophische Argumentation. In Clermont-Ferrand lernte Foucault Daniel Defert kennen, mit dem er bis zu seinem Tod eine offene Beziehung führte. Außerdem verband ihn eine enge Freundschaft mit Gilles Deleuze.
1963 wurde Foucault gemeinsam mit Roland Barthes und Michel Deguy Redaktionsmitglied der Zeitschrift Critique. Im selben Jahr erschien Die Geburt der Klinik, eine Untersuchung der Entwicklung moderner Medizin und der Klinik. Mit Die Ordnung der Dinge wurde Foucault 1966 in Frankreich und international bekannt. Das Buch fragt nach den historischen Grundlagen von Philologie, Ökonomie und Biologie und beschreibt zwei grundlegende Wissensumbrüche: im 17. Jahrhundert und um 1800. Für die jeweiligen Wissensordnungen verwendete Foucault den Begriff Episteme.
1966 übernahm er einen Philosophie-Lehrstuhl an der Universität Tunis und lebte zwei Jahre in Sidi Bou Saïd. Ende 1968 kehrte er nach Frankreich zurück, wurde Dozent und Leiter der Philosophieabteilung an der Universität Paris VIII in Vincennes. 1969 erschien Archäologie des Wissens, in dem er seine zuvor angewandte archäologische Methode systematisierte. Im selben Jahr hielt er am Collège de France den Vortrag Was ist ein Autor?
1970 wurde Foucault als Nachfolger von Jean Hyppolite auf den Lehrstuhl für die Geschichte der Denksysteme am Collège de France berufen. Diesen Lehrstuhl behielt er bis zu seinem Tod 1984. In seiner Antrittsvorlesung Die Ordnung des Diskurses verband er die Wissensarchäologie mit seinen späteren Machtanalysen. Die öffentlichen Vorlesungen wurden zu bedeutenden Ereignissen der Pariser Intellektuellenszene.
In den 1960er-Jahren entwickelte Foucault die Methode der Wissensarchäologie, die heute meist als Diskursanalyse bezeichnet wird. Ab den 1970er-Jahren untersuchte er zunehmend Machtmechanismen. Zu seinen zentralen Begriffen zählen die von Friedrich Nietzsche inspirierte Genealogie, das Dispositiv, Gouvernementalität, Bio-Macht, Disziplinierung und Subjektivierung. Foucault verstand seine Theorien als „Werkzeugkisten“ und wehrte sich gegen eine eindeutige Einordnung. Heute wird er häufig dem Poststrukturalismus zugerechnet.
Gefängnisse, Körper und politische Einmischung
Anfang 1971 war Foucault maßgeblich an der Gründung der Groupe d’information sur les prisons beteiligt. Die Gruppe, kurz GIP, verteilte heimlich Fragebögen in Gefängnissen, damit Gefangene selbst über ihre Haftbedingungen berichten konnten. Das war keine akademische Übung mit sauberem Rand – es ging um Stimmen, die sonst kaum jemand hören wollte. Foucault trat öffentlich für Gefangene und bessere Haftbedingungen ein.
1971 und 1972 nahm er mit Jean-Paul Sartre an Demonstrationen für aus Algerien eingewanderte Menschen teil. Er arbeitete in einem Komitee gegen Rassismus und trat gemeinsam mit Angehörigen von Gefangenen auf. Außerdem unterstützte er sowjetische Dissidenten, vietnamesische Boatpeople und später die polnische Solidarność. Nach der Verhängung des Kriegsrechts in Polen organisierte er 1981 einen Hilfsfonds und brachte Medikamente nach Danzig. 1984 setzte er sich trotz schwerer Erkrankung für Menschen aus Mali und dem Senegal ein, die aus ihren Wohnungen vertrieben worden waren.
