Zum Studienstart läuft selten alles nach Plan. Manche wählen zunächst das falsche Fach, lassen Vorlesungen aus oder treten ein geplantes Auslandsstudium gar nicht erst an. Der Tagesspiegel hat deshalb Prominente aus Wissenschaft, Politik und Literatur nach ihren Erfahrungen gefragt – darunter den Virologen Christian Drosten, die Politikerin Gesine Schwan und die Bestsellerautorin Nina Kolleck.

An der Universität Potsdam ist Kolleck heute Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie. Ihr eigener Weg dorthin begann nicht schnurgerade: Von 2001 bis 2007 studierte sie in Potsdam Politikwissenschaft, Psychologie, Soziologie und Volkswirtschaftslehre. Zuvor hatte sie an der Université de Caen ein Diplom in Europastudien erworben. Unterbrochen wurde das Studium durch Mutterschutz und Elternzeit.

Vier Fächer und viel thematischer Freiraum

Schon früh interessierte sich Kolleck für Menschen und Politik – dafür, wie Menschen denken und handeln, wie sie aufwachsen und ihr Zusammenleben gestalten. Im Studium verband sie diese Interessen, indem sie parallel Politikwissenschaft mit Volkswirtschaftslehre sowie Psychologie und Erziehungswissenschaft studierte. Den dadurch möglichen thematischen Freiraum schätzte sie besonders.

Ihr Weg nach Caen führte zunächst über die Normandie: Von 2000 bis 2001 absolvierte Kolleck dort einen sozialen Dienst bei einer sozialpädagogischen Organisation und unterrichtete unter anderem Analphabeten. Während ihrer Potsdamer Studienzeit war sie außerdem in Ecuador, beim Deutschen Bundestag und in Kamerun tätig.

Die heute 1981 geborene Bildungsforscherin und Politikwissenschaftlerin promovierte 2010 am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. 2018 habilitierte sie sich am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität. Dazwischen und danach folgten viele Stationen: 2010 bis 2013 war sie Postdoktorandin an der Freien Universität Berlin, 2013 bis 2014 Postdoktorandin und Nachwuchsgruppenleiterin an der Universität Heidelberg und der Hertie School.

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Von Berlin über Leipzig nach Potsdam

Von 2014 bis 2019 hatte Kolleck eine W1-Professur für Bildungsforschung mit Schwerpunkt Modellierung und Analyse sozialer Systeme an der Freien Universität Berlin inne. 2018 und 2019 war sie außerdem W3-Professorin an der RWTH Aachen. Es folgten von 2019 bis 2023 eine W3-Professur für Politische Bildung und Bildungssysteme an der Universität Leipzig und seit 2023 die Professur für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam.

International blieb sie ebenfalls unterwegs. Zwischen 2016 und 2023 arbeitete sie als Gastwissenschaftlerin beziehungsweise Gastprofessorin an der University of British Columbia, der University of California, Berkeley, der Hebräischen Universität Jerusalem, der Universität Tel Aviv und am University Institute of Lisbon.

Zu ihren Aufgaben zählt unter anderem die Mitarbeit im wissenschaftlichen Beirat der Steuerungsgruppe „Feststellung der Leistungsfähigkeit des Bildungswesens im internationalen Vergleich“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Kultusministerkonferenz. 2024 wurde Kolleck als Expertin in die „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“ berufen. Schirmherr ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier; initiiert wurde die Initiative von Thomas de Maizière, Julia Jäkel, Peer Steinbrück und Andreas Voßkuhle.

Seit 2026 gehört sie dem Bundesjugendkuratorium an, das die Bundesregierung in Fragen der Kinder- und Jugendpolitik berät. Kolleck ist außerdem Mitglied der Arbeitsgruppe „Bürgerrecht auf Bildung“ der ZEIT-Stiftung, im wissenschaftlichen Beirat der Stiftung Kinder forschen, im Beirat des GIZ-Projekts Sure-Online, im wissenschaftlichen Beirat von Lions Quest und im wissenschaftlichen Beirat des ERC-Projekts STUDACT. Dazu kommen der Vorstand der Sektion Empirische Bildungsforschung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, die ständige Mitgliedschaft in der Tenure-Track-Kommission der Universität Hamburg sowie Tätigkeiten als externe Gutachterin bei Berufungs- und Tenure-Track-Verfahren an internationalen Universitäten.

Forschung, Förderung und ein Sachbuch über TikTok

Von 2019 bis Januar 2025 leitete Kolleck das Metavorhaben MetaKLuB zur Förderlinie „Kulturelle Bildung in ländlichen Räumen“. Als Antragstellerin war sie an Teilprojekten der DFG-Forschergruppe FOR 1745 „Internationale Verwaltung“ beteiligt. 2022 erhielt sie für das Projekt „The Emergence of Global Non-Governmental Spaces in Education“ (EmergEd) einen ERC Starting Grant in Höhe von rund 1,5 Millionen Euro.

Zu ihren Förderungen und Auszeichnungen zählen ein Promotionsstipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung, die Teilnahme am Programm „Berlin der Begegnung“ des Genshagener Kreises und am hochschulübergreifenden ProFiL-Programm zur Führungskräfteentwicklung. Hinzu kommen der Preis für beste Lehre der Freien Universität Berlin 2016, ein DAAD-Stipendium für einen Forschungsaufenthalt an der University of British Columbia 2016, der ARCHES Award der Minerva-Stiftung der Max-Planck-Gesellschaft 2017/2018 gemeinsam mit Miri Yemini, dotiert mit 200.000 Euro, sowie ein DAAD-Stipendium für einen Forschungsaufenthalt an der Hebräischen Universität Jerusalem 2017. 2021 erhielt sie den Zentralen Lehrpreis der Universität Leipzig, 2022 den ERC Starting Grant.

Ihre Veröffentlichungen reichen von Global governance, corporate responsibility und die diskursive Macht multinationaler Unternehmen aus dem Jahr 2011, zugleich ihre Dissertation, über die Mitherausgeberschaft von Soziale Netzwerkanalyse in Bildungsforschung und Bildungspolitik (2014) und Auf dem Weg zu nachhaltigen Bildungslandschaften (2015) bis zu Bildungsreformen: Fortschritt oder Innovation? (2015, mit Inka Bormann und Klaus Hurrelmann). 2022 erschien Politische Bildung und Demokratie. Eine Einführung in Anwendungsfelder, Akteure und internationale Ansätze.

Ihr Buch Der Kampf in den Köpfen. Wie TikTok, Instagram & Co unsere Kinder manipulieren steht 2026 auf Platz zwei der Sachbuchbestenliste von DIE ZEIT, ZDF und Deutschlandfunk Kultur. Kolleck veröffentlicht außerdem Beiträge und Interviews zu Schulpolitik, Frauen in Führungspositionen, Verschwörungstheorien auf TikTok und Mediennutzung.

Für Erstsemester an der Uni Münster bleibt von dieser Biografie vor allem ein ziemlich beruhigender Eindruck: Ein Studienweg darf Kurven haben. Mehrere Fächer, ein sozialer Dienst, Aufenthalte in Ecuador und Kamerun, Familienzeiten und später Professuren an verschiedenen Hochschulen – das passt nicht in den sauberen Stundenplan eines einzigen Morgens. Vielleicht ist genau das der Punkt, wenn zum Studienstart über Fehlentscheidungen, ausgelassene Vorlesungen und verpasste Chancen gesprochen wird: Manches lässt sich später nachholen, anderes führt auf Umwegen zu einer Richtung, die vorher niemand auf dem Zettel hatte.