Med Berlin, 10.10.2026 – Trotz der politischen Spannungen zwischen Deutschland und Russland sind die deutschen Prothesenexporte nach Russland im ersten Halbjahr 2026 deutlich gestiegen. Ihr Wert legte gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 um knapp 19 Prozent auf 112 Millionen Euro zu.

Seit 2020 wurden damit in keinem Jahr so viele Prothesen nach Russland exportiert wie 2026. Das wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: Während die Beziehungen politisch weiter abkühlen, laufen bestimmte Lieferungen sogar auf Rekordniveau. Die deutschen Gesamtexporte nach Russland gingen im selben Zeitraum hingegen um 2,9 Prozent zurück.

Medizintechnik und Medikamente bleiben gefragt

Auch die deutschen Pharmaexporte erreichten im ersten Halbjahr 2026 einen Rekordwert. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum stiegen sie um etwa 18 Prozent auf rund 1,5 Milliarden Euro. Bei den Landmaschinen ging es ebenfalls nach oben: Der Wert wuchs von rund 61 Millionen auf etwa 89 Millionen Euro – ein Anstieg von ungefähr 61 Prozent.

EU-Sanktionen lassen Lieferungen bestimmter Waren aus humanitären Gründen weiterhin zu. Dazu zählen Arzneimittel und Medizintechnik wie Prothesen; Pharmazeutika, Prothesen und bestimmte weitere Güter sind weitgehend von den Beschränkungen ausgenommen, wenn sie als humanitär notwendig gelten. Für Unternehmen ist das die rechtliche Grundlage, ihre Geschäfte in Russland fortzuführen.

Bayer erklärt, dort ausschließlich unverzichtbare Agrar- und Gesundheitsprodukte zu vertreiben, darunter HIV-Medikamente. Merck und Boehringer Ingelheim verweisen bei ihren Russland-Geschäften auf die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten. Der Landmaschinenhersteller Claas begründet seine Lieferungen mit ihrem Beitrag zur weltweiten Nahrungsmittelversorgung. Auf dem Papier klingt das nüchtern. Dahinter stehen allerdings Medikamente, Ersatzteile und Hilfsmittel, die für Menschen nicht einfach austauschbar sind.

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Zwischen Ausnahme und politischem Druck

Die steigenden Exportzahlen fallen in eine Zeit, in der die EU ihre Sanktionen wegen der zunehmenden und systematischen Repression in Russland ausgeweitet hat. Als interne Repression gelten unter anderem Folter sowie grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung und Bestrafung, willkürliche oder Schnell-Hinrichtungen, das Verschwindenlassen von Personen, willkürliche Verhaftungen sowie weitere schwere Verletzungen von Menschenrechten und Grundfreiheiten.

Der Hohe Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik schlug die neuen Maßnahmen nach dem Tod des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny in einem sibirischen Gefängnis im Februar 2024 vor. Die Rechtsgrundlagen wurden am 27. Mai 2024 geschaffen: der Beschluss (GASP) 2024/1484 über restriktive Maßnahmen angesichts der Lage in Russland und die Verordnung (EU) 2024/1485 über restriktive Maßnahmen angesichts der Lage in Russland.

Nachträgliche Änderungen wurden in die jeweiligen Originaltexte eingefügt; die konsolidierten Fassungen dienen ausschließlich der Dokumentation. Im Zusammenhang verweist die EU auch auf ihre Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Hinzu kommt die militärische Dimension des Krieges: Nach westlichen Schätzungen wurden seit Beginn des russischen Angriffskriegs weit mehr als eine Million russische Soldaten getötet oder verwundet. Während in Brüssel also über Repression, Sanktionen und den Krieg gegen die Ukraine entschieden wird, passieren auf der anderen Seite weiterhin Lieferungen, die nach den geltenden Ausnahmen als medizinisch oder humanitär notwendig gelten. Ein ziemlich sperriger Widerspruch – aber einer, der sich in den Exportstatistiken für das erste Halbjahr 2026 in Millionenbeträgen ablesen lässt.