Ringvorlesung in Münster untersucht Angriffe auf Wissenschaft, Vielfalt und Gleichstellung
Am 28. Oktober 2026 beginnt an der Universität Münster eine öffentliche Ringvorlesung zu Diskriminierungsformen. Unter dem Titel „Diskriminierungsformen an der Universität begegnen“ geht es um sogenannte „Anti-Diskurse“: Anti-Feminismus, Wissenschaftsfeindlichkeit und Angriffe auf Diversität. Die Veranstaltungen finden anschließend mittwochs von 16 bis 18 Uhr im Hörsaal S2 im Schloss, Schlossplatz 2, Münster, statt. Wer nicht vor Ort dabei sein kann, kann die Vorträge per Livestream verfolgen.
Die Reihe fragt danach, wie sich solche Tendenzen zeigen und welche Faktoren ihre Verbreitung begünstigen. Im Blick stehen dabei auch Vorstellungen von Normalität, Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Ordnung. Organisiert wird die Ringvorlesung von den Fachbereichen Erziehungswissenschaft und Sozialwissenschaften, Geschichte/Philosophie, Philologie sowie der Islamisch-Theologischen Fakultät.
Von antidemokratischen Tendenzen bis „Anti-Wissenschaft“
Am 11. November spricht Prof. Dr. Nikita Dhawan von der Technischen Universität Dresden über antidemokratische Tendenzen. Prof. Dr. Francis Seeck von der Technischen Hochschule Nürnberg widmet sich am 2. Dezember dem Thema „Anti-Wissenschaft“. Den Abschluss bildet am 20. Januar ein Podiumsgespräch unter dem Titel „Antidiskriminierung zwischen Anspruch und Wirklichkeit“.
Wie ernst die Debatte ist, zeigt auch der Blick über Münster hinaus. Die LakoF Berlin setzt sich für geschlechtergerechte und diskriminierungsfreie Hochschulen ein und erklärt sich solidarisch mit Wissenschaftlerinnen, die antifeministischen oder wissenschaftsfeindlichen Angriffen ausgesetzt sind. Wissenschaft beruht aus ihrer Sicht auf offenem Austausch, vielfältigen Perspektiven und der Freiheit, unabhängig zu forschen und zu lehren.
Die LakoF beobachtet einen Anstieg antifeministischer und wissenschaftsfeindlicher Tendenzen, die wiederholt die Wissenschaftsfreiheit angreifen. Gerade angesichts gesellschaftlicher Herausforderungen und Krisen sei diese Freiheit nötig, um zukunftsfähige Antworten und Lösungen zu entwickeln. Verankert ist sie in Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes; die LakoF beschreibt sie als Säule der Demokratie. In ihrer Stellungnahme zur Bundestagswahl 2025 verwies sie ebenfalls auf diese Bedeutung.
Wenn Forschung zur Zielscheibe wird
Antifeminismus richtet sich gegen die Gleichstellung von Frauen und greift feministische Ansätze sowie deren Vertreterinnen gezielt an oder bedroht sie. Forschung und Projekte zu Gender-, Gleichstellungs- und Diskriminierungsfragen wird dabei laut LakoF ihre gesamtgesellschaftliche Relevanz abgesprochen. Werden ganze Disziplinen, Fachrichtungen oder Forschungsfragen systematisch angegriffen, steht demnach die Wissenschaftsfreiheit insgesamt infrage – und derartige Angriffe werden als antidemokratisch eingeordnet.
Besonders in der Geschlechterforschung braucht es wissenschaftliche Freiheit, um Ungleichheitsverhältnisse zu untersuchen und Lösungen für eine gerechtere Zukunft zu entwickeln. An Hochschulen zeigt sich die Auseinandersetzung allerdings nicht nur in Debattenräumen. Betroffen sind Studiengänge und Einrichtungen der Gender Studies und Geschlechterforschung, Gleichstellungsmaßnahmen sowie Bemühungen um eine vielfältige und geschlechtergerechte Hochschule.
Zielscheiben sind Wissenschaftlerinnen und Mitarbeiterinnen. Angegriffen werden wissenschaftliche Positionen, Forschungsfelder und Forschungsergebnisse ebenso wie Aufgabenbereiche, Aktivitäten und die persönliche Integrität. Das kann mit Droh- und Hassnachrichten geschehen, etwa durch die massenhafte Flutung von E-Mail-Postfächern, aber auch mit Beleidigungen in sozialen Medien, bei Tagungen oder in der Presse. Hinzu kommen persönliche Bedrohungen, das Anzweifeln der Wissenschaftlichkeit von Lehre und Forschung und die pauschale Abwertung ganzer Studiengänge als „Quatsch“.
Hilfe, Empfehlungen und Gegenstrategien
Die LakoF ist mit weiteren Akteurinnen aus Wissenschaft und Gesellschaft vernetzt und arbeitet an Netzwerken gegen Antifeminismus und Wissenschaftsfeindlichkeit. Die bukof bietet Handlungsempfehlungen zum Umgang mit diskriminierenden Angriffen im Hochschulkontext an – in einer Version für Wissenschaftlerinnen und in einer weiteren für Hochschulleitungen.
In einem Positionspapier fordert die bukof Hochschulleitungen, Wissenschaftsorganisationen, Bundes- und Landesministerien sowie die Politik auf, antifeministischen Angriffen gemeinsam und solidarisch entgegenzutreten und sich zu einer strukturell abgesicherten Gleichstellungsarbeit zu bekennen. Außerdem sammelt sie Argumentationshilfen, wissenschaftliche Publikationen, Portale, Infotheken und Beratungsstellen zum Thema Antifeminismus.
Unterstützung bietet auch Scicomm-Support. Die Organisation berät Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftskommunikatorinnen bei Angriffen, veröffentlicht fortlaufende Bilanzen ihrer Beratungsanfragen und -tätigkeiten und bietet Workshops an. Dazu kommt ein Leitfaden mit Tipps und Strategien für den Umgang mit Angriffen.
Eine gemeinsame Veröffentlichung von bukof und afg gibt Handlungsempfehlungen und Impulse zum Selbstverständnis von Wissenschaft und Bildung, zu Verfahren bei antifeministischen und diskriminierenden Vorfällen, zur Prävention und zum kulturellen Wandel an Hochschulen. Die Empfehlungen richten sich insbesondere an Hochschulleitungen sowie Verwaltungseinheiten wie Pressestellen und Justiziariate. Behandelt wird auch, welche Rolle Hochschulleitungen bei antifeministischen Vorfällen einnehmen und wie Verwaltungsstellen Betroffene unterstützen können.
Material für Hochschulen – und darüber hinaus
Herausgeberinnen sind die Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen e. V. (bukof) und die Arbeitsgemeinschaft der Frauen- und Geschlechterforschungseinrichtungen Berliner Hochschulen (afg). Die bukof beschreibt sich als geschlechterpolitische Stimme im wissenschafts- und hochschulpolitischen Diskurs und als Zusammenschluss zur geschlechtergerechten Gestaltung von Hochschulen. Die afg setzt sich für die nachhaltige Förderung und Verankerung der Geschlechterforschung an Berliner Hochschulen ein und organisiert Veranstaltungen.
Die Veröffentlichung wurde am 15. Mai 2023 veröffentlicht; eine aktualisierte Fassung ist auf den 14. Juli 2026 datiert. Die Empfehlungen sind online verfügbar und auch auf Universitäten sowie andere Institutionen mit vergleichbarer Organisationsstruktur übertragbar. Hochschulische Gleichstellungsbüros und Gleichstellungsbeauftragte, unter anderem an der TU Dortmund und am Karlsruher Institut für Technologie, haben sie geteilt.
Adressiert sind Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsbeauftragte, Fachexpertinnen, Forschende und Lehrbeauftragte sowie Betroffene. Als Schlagworte nennt die Veröffentlichung Gleichstellung, Handlungsstrategien und Wissenschaft; das Format sind Argumentationshilfen und Gegenstrategien. Anbieter ist bukof e. V., die Lizenz lautet „All rights reserved“.
Verwandte Veröffentlichungen ergänzen das Material: „Handlungsempfehlungen Diskriminierende Angriffe im Hochschulkontext – Handlungsempfehlungen für Wissenschaftlerinnen und ihr Umfeld“ vom Oktober 2021 beschreibt konkrete Schritte und Anlaufstellen für diskriminierte Wissenschaftler*innen und ist über den Antifeminismus hinaus anwendbar. „Gemeinsam für eine geschlechtergerechte, vielfältige Wissenschaft: Antifeministischen Positionen entgegentreten!“ vom September 2019 behandelt Angriffe auf eine vielfältige Wissenschaft, mögliche Gegenmaßnahmen und daraus abgeleitete Forderungen. „Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie: Argumente im Streit um Geschlechterverhältnisse“ vom Januar 2014 versammelt gängige Gender-Diskurse und mögliche Gegenargumente zum Umgang mit antifeministischen Angriffen.
Die Ringvorlesung in Münster setzt damit bei Fragen an, die längst nicht nur auf dem Papier stehen. Am Schlossplatz geht es ab dem 28. Oktober um 16 Uhr um die Begriffe, Muster und Folgen solcher Angriffe – im Hörsaal S2 oder, wenn der Weg durch die Stadt gerade nicht drin ist, im Livestream.
