Schellings dynamische Kunst: Wie Natur in der Form zur Gestalt wird
Am 28.10.2026 richtet sich der Blick an der TU Dresden auf einen Denker, bei dem Natur nie bloß Kulisse war: Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Im Zentrum steht seine Festrede „Über das Verhältnis der bildenden Künste zu der Natur“, die er 1807 hielt. Einige Jahre zuvor hatte Schelling umfangreiche Vorlesungen zur Kunst gehalten, einige Jahre später folgte seine „Freiheitsschrift“.
In der Rede entwickelt Schelling eine pseudo-platonische Neubestimmung des Verhältnisses von Kunst und Natur. Ein Kunstverständnis, das sich an der Mimesis, also an der Nachahmung, orientiert, weist er zurück: Es verfehle den dynamischen Charakter der Natur. Für Schelling ist Natur eine tätige Kraft. Sie begrenzt sich in der Form selbst und nimmt Gestalt an. Genau hier verbindet sich sein naturphilosophisches mit seinem idealistischen Projekt.
Kunst beginnt nicht erst beim fertigen Werk
Schellings Betonung der Tätigkeit eröffnet eine Kunstauffassung, in der die materielle Hervorbringung des Kunstwerks im Mittelpunkt steht. Das Werk soll demnach nicht nachträglich in ein ästhetisches Paradigma eingeordnet werden. Entscheidend ist vielmehr, wie etwas entsteht, wie Kraft Form gewinnt und wie aus Bewegung eine Gestalt wird.
Der Gedanke passt zu Schellings Naturphilosophie, die Natur nicht mechanistisch, sondern als dynamischen, organischen und sich selbst verändernden Prozess versteht. Endliche Naturprodukte sind für ihn vorläufige Gleichgewichtszustände verschiedener Kräfte. Natur ist „Causa sui“ – Grund und Folge ihrer selbst, Produktion und Produkt, Subjekt und Objekt. Ihre Entwicklung führt von einfachen zu komplexeren Formen und von unbewusster Natur zu selbstbewusstem Geist.
Die Kunstrede steht damit nicht isoliert. Schelling wollte erklären, wie Subjekt und Objekt überhaupt übereinstimmen können. Im „System des transzendentalen Idealismus“ von 1800 stellte er Naturphilosophie und Transzendentalphilosophie als gleichberechtigte Grundwissenschaften dar. Die Entwicklung des Selbstbewusstseins gliederte er unter anderem in Empfindung, Materie, Raum, Zeit, Kausalität, Wechselwirkung, Organismus und Wille. Hegel griff diese Idee einer Geschichte des Selbstbewusstseins später in der „Phänomenologie des Geistes“ auf.
Ein Philosoph zwischen Natur, Kunst und Freiheit
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling wurde am 27. Januar 1775 in Leonberg geboren und starb am 20. August 1854 in Ragaz. Neben Kant, Fichte und Hegel zählt er zu den bedeutenden Vertretern der klassischen deutschen Philosophie. Er stammte aus einer schwäbischen Pfarrersfamilie. Sein Vater Joseph Friedrich Schelling war Pfarrer, Lehrer und Orientalist; das Elternhaus war von protestantischer Mystik und pietistischer Innerlichkeit geprägt.
Nach der Lateinschule in Nürtingen besuchte Schelling die evangelische Klosterschule in Bebenhausen. Neben Griechisch und Latein lernte er dort Hebräisch, Arabisch und neuere Sprachen. 1790, mit 15 Jahren, wurde er in das Tübinger Evangelische Stift aufgenommen. Dort studierte er Theologie gemeinsam mit Friedrich Hölderlin und Georg Wilhelm Friedrich Hegel – die drei gingen als „Tübinger Drei“ in die Geistesgeschichte ein.
Theologische Aufklärung, Französische Revolution, Kant und der Pantheismusstreit um Spinoza prägten ihre philosophische Entwicklung. Schellings frühe Philosophie wurde außerdem stark von Fichte beeinflusst; 1801/02 kam es zur philosophischen Entfremdung und zum Bruch. Bereits 1792 verfasste Schelling eine Magisterarbeit über den Ursprung des Bösen. Nach dem Theologiestudium 1795 arbeitete er zunächst als Hauslehrer in Stuttgart.
Von 1796 bis 1798 studierte er in Leipzig Mathematik, Naturwissenschaften und Medizin – Studien, die später Grundlagen seiner Naturphilosophie bildeten. 1796 lernte er über Schiller Johann Wolfgang von Goethe kennen. Ein Jahr später veröffentlichte er mit den „Ideen zu einer Philosophie der Natur“ seine erste naturphilosophische Schrift. 1798 kam er in Dresden mit dem Kreis der Frühromantiker um August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Novalis, Friedrich Tieck und Schleiermacher in Kontakt. Ebenfalls 1798 wurde er mit Unterstützung Goethes außerordentlicher Professor in Jena.
Es folgten der „Erste Entwurf zu einem System der Naturphilosophie“ von 1799 und 1800 das „System des transzendentalen Idealismus“. Von 1800/01 gab Schelling die „Zeitschrift für spekulative Physik“ heraus; darin erschien 1801 die „Darstellung meines Systems der Philosophie“, das Grundwerk seiner Identitätsphilosophie. Ab 1802 arbeitete er mit Hegel zusammen, gemeinsam gaben sie das „Kritische Journal der Philosophie“ heraus. In diesen Jahren erschienen auch „Bruno oder über das natürliche und göttliche Princip der Dinge“ (1802) und die „Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums“ (1803).
1803 wurde Schelling an die katholisch geprägte Universität Würzburg berufen. Dort entstanden unter anderem „Philosophie und Religion“ (1804) sowie das umfangreiche System der gesamten Philosophie und Naturphilosophie. Wegen privater und beruflicher Schwierigkeiten dauerte seine Würzburger Zeit nur etwa drei Jahre. 1806 wechselte er nach München, trat in den bayerischen Staatsdienst ein und wurde Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Dort arbeitete er mit Franz von Baader und Johann Wilhelm Ritter zusammen. Baaders Beschäftigung mit Jakob Böhme beeinflusste Schellings Freiheits- und Weltalterphilosophie.
1809 veröffentlichte Schelling die „Philosophischen Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit“, die sogenannte Freiheitsschrift. 1810 hielt er in Stuttgart die Stuttgarter Privatvorlesungen und arbeitete ab diesem Jahr an der unvollendet gebliebenen „Philosophie der Weltalter“. 1818 wurde er Generalsekretär der neu gegründeten Akademie der Bildenden Künste in München; 1823 trat er von diesem Amt zurück. Von 1820 bis 1826 lehrte er als Honorarprofessor in Erlangen. In den Erlanger Vorlesungen skizzierte er erstmals eine Philosophie der Mythologie und unterschied zwischen negativer und positiver Philosophie.
1827 wurde Schelling ordentlicher Professor an der neu gegründeten Universität München. Von 1827 bis 1842 war er Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und erster Generalkonservator der naturwissenschaftlichen Sammlungen der Akademie. Von 1835 bis 1840 unterrichtete er den bayerischen Kronprinzen und späteren König Maximilian II. Joseph.
1841 berief man Schelling auf den vakanten Lehrstuhl Hegels nach Berlin. Vor zahlreichen Intellektuellen – darunter Bakunin, Kierkegaard, Engels, Burckhardt, Ranke und Alexander von Humboldt – hielt er Vorlesungen über Religionsphilosophie, Mythologie und Offenbarung. Zunächst war das Interesse groß, später nahm es deutlich ab. Eine Mitschrift seiner Vorlesungen zur Philosophie der Offenbarung wurde ohne seine Zustimmung veröffentlicht und von Heinrich E. G. Paulus kritisch bearbeitet. Schelling zog sich anschließend aus der Lehrtätigkeit zurück, blieb aber in Berlin.
1842 erhielt er den Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste. Im Sommer 1854 hielt er sich zur Kur in Ragaz in der Schweiz auf und starb dort am 20. August. Sein Grabmal in Ragaz schuf Georg Friedrich Ziebland 1855. Die Inschrift lautet: „Dem ersten Denker Deutschlands“.
Vom absoluten Ich zur positiven Philosophie
Eine zentrale Frage Schellings lautete, wie das Absolute als etwas jenseits der Vernunft durch Vernunft begründet werden kann. In seiner Frühphilosophie setzte er sich vor allem mit Kant auseinander. In „Über die Möglichkeit einer Form der Philosophie überhaupt“ (1794) suchte er nach einem einzigen obersten Grundsatz der Philosophie – unbedingt und nicht aus einem höheren Satz ableitbar. Seine Formel dafür lautete: „Ich ist Ich“.
„Vom Ich als Princip der Philosophie“ (1795) untersuchte den Begriff des Unbedingten. Es könne weder als Objekt noch als bedingbares Subjekt aufgefasst werden, sondern transzendiere jede Subjekt-Objekt-Beziehung. Schelling bezeichnete es als absolutes Ich oder Absolutes. Dieses sei nicht diskursiv beweisbar, sondern nur durch intellektuelle Anschauung zugänglich.
In den „Briefen
