Scholastizid in Gaza und deutsche Hochschulkooperationen im Schatten des Krieges
Göttingen, 26. September 2026 – An der Universität Göttingen läuft eine Kooperation mit israelischen Forschenden weiter, während der Krieg in Gaza das dortige Bildungswesen nahezu vollständig zerstört hat. Laut dem Artikel von Etos wurden durch israelische Angriffe mehr als 20.000 Schüler:innen und mehr als 240 Wissenschaftler:innen getötet, darunter drei Universitätspräsidenten. Rund 92 Prozent der Bildungsinfrastruktur in Gaza seien innerhalb eines Jahres beschädigt, 85 Prozent vollständig zerstört worden.
Keine Universität in Gaza sei noch funktionsfähig. Unterricht findet demnach in Zelten oder Ruinen statt. Seit dem 7. Oktober sind die Schulen geschlossen: 625.000 Schüler:innen können nicht regulär lernen, 22.564 Lehrer:innen nicht unterrichten. Studierende und Forschende können ihre Arbeit nicht normal fortsetzen. Gaza verfügte über zwölf Hochschuleinrichtungen, darunter acht Universitäten und vier Colleges – laut Interview von DisOrient wurden alle zerstört.
Wenn Bildung selbst zum Ziel wird
Für diese systematische Zerstörung hat sich der Begriff „Scholastizid“ etabliert. Die Oxford-Professorin Karma Nabulsi prägte ihn laut den vorliegenden Quellen 2009, um die Zerstörung palästinensischer Bildungseinrichtungen während israelischer Militäroperationen zu beschreiben. Seit Oktober 2023 wird das Wort verstärkt verwendet – von Akademiker:innen, Aktivist:innen, UN-Beamt:innen, Medien und humanitären Organisationen.
Gemeint ist mehr als eine Nebenfolge des Krieges. Scholastizid soll ausdrücken, dass Institutionen, Wissenssysteme, Studierende und Lehrende sowie die Zukunfts- und Entwicklungsmöglichkeiten einer Gesellschaft gezielt getroffen werden. Bildung hat in Gaza für viele Familien mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit, wirtschaftlicher Lähmung und fehlendem Zugang zu natürlichen Ressourcen einen sehr konkreten Wert: Sie gilt als wichtigster Weg zu Beschäftigung und finanzieller Stabilität.
Die Angriffe auf Universitäten begannen laut Interview bereits am 8. Oktober 2023, einen Tag nach Beginn des Krieges. Die Islamische Universität und die Al-Azhar-Universität, die größten Hochschuleinrichtungen Gazas, gehörten zu den ersten getroffenen Einrichtungen. Universitätsgelände in Khan Younis und Rafah dienten zeitweise als Notunterkünfte für Vertriebene und wurden später ebenfalls zerstört.
Als getötete, öffentlich auftretende Akademiker werden Dr. Refaat Alareer und Wiesam Essa genannt. Hunderte Akademiker:innen sowie Tausende Studierende und Lehrkräfte kamen ums Leben. Einige Wissenschaftler:innen veröffentlichten trotz der Zerstörungen weiter und baten internationale Kolleg:innen um Unterstützung – ein intellektueller Widerstand, der zwischen Trümmern und Stromausfällen stattfindet.
Ein interviewter Wissenschaftler erklärte, nicht speziell wegen seiner akademischen Tätigkeit angegriffen worden zu sein. Er habe sich aber stark darin eingeschränkt gefühlt, öffentlich Stellung zu nehmen. Auch Journalist:innen seien gefährdet, wenn sie sich äußerten. Die Gefahr betreffe nicht nur Widerstandsaktivitäten, sondern ebenso das Aufdecken von Informationen und die Ausübung der Meinungsfreiheit. Schreiben, Sprechen und wissenschaftliche Arbeit werden im Interview als Formen des Widerstands beschrieben.
Zahlen, die hinter den Trümmern stehen
UN-Expertinnen äußerten am 18. April 2024 große Besorgnis über Angriffe auf Schulen, Universitäten, Lehrkräfte und Studierende. Mehr als 80 Prozent der Schulen im Gazastreifen seien beschädigt oder zerstört worden. Nach sechs Monaten militärischer Angriffe wurden laut der Palästina-Mission in Österreich 5.479 Studierende, 261 Lehrkräfte und 95 Universitätsprofessorinnen getötet. 7.819 Studierende und 756 Lehrkräfte wurden verletzt.
Mindestens 60 Prozent der Bildungseinrichtungen, darunter 13 öffentliche Bibliotheken, seien beschädigt oder zerstört worden. Mindestens 625.000 Schülerinnen haben keinen Zugang zu Bildung. Die Israa-Universität, laut dem Artikel die letzte verbliebene Universität in Gaza, wurde am 17. Januar 2024 vom israelischen Militär zerstört. Schulen seien gezielt angegriffen worden; Klassenräume, Infrastruktur und Ressourcen seien weitgehend nicht mehr vorhanden.
Auch UN-Schulen, in denen vertriebene Zivilistinnen Schutz suchten, wurden bombardiert – darunter Einrichtungen in Gebieten, die das israelische Militär als „sichere Zonen“ bezeichnete. Frauen und Mädchen seien ohne sichere Schulen zusätzlichen Risiken einschließlich geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt. Mehr als eine Million palästinensische Kinder im Gazastreifen benötigen laut dem Bericht psychische und psychosoziale Unterstützung.
Die Angriffe haben Folgen, die weit über den Unterrichtsausfall hinausreichen. Studierende mit internationalen Stipendien werden daran gehindert, Universitäten im Ausland zu besuchen. Die Expert*innen warnten vor langfristigen Auswirkungen auf das Recht auf Bildung und freie Meinungsäußerung. Zudem wurden 195 historische Stätten, 227 Moscheen und drei Kirchen beschädigt oder zerstört. Betroffen ist auch das Zentralarchiv von Gaza mit Dokumenten aus 150 Jahren Geschichte.
Der interviewte Wissenschaftler hält die Zerstörung von Schulen und Universitäten nicht mit dem Ziel für erklärbar, die Hamas zu bekämpfen. Er sieht darin eine politische und zerstörerische Logik. Scholastizid stehe eng mit „De-Entwicklung“ beziehungsweise „Ent-Zivilisierung“ in Verbindung. Unter Verweis auf die Harvard-Forscherin Sara Roy wird die Zerstörung von Universitäten als Teil einer umfassenderen Untergrabung nachhaltiger Lebensbedingungen beschrieben. Armut verschärft sich, weil Zugänge zu Arbeit und finanzieller Stabilität wegbrechen.
Auch israelische Vorwürfe, palästinensische Schulbücher und kulturelle Materialien förderten antiisraelische Aufwiegelung oder Indoktrination, hätten das palästinensische Bildungssystem beeinflusst. Besonders betroffen sei die von UNRWA verwaltete Grundschulbildung, die zugleich mit erheblichen finanziellen Kürzungen durch wichtige Geber konfrontiert sei.
Universitäten als Teil der Besatzungsstruktur?
Der Etos-Artikel stellt die Zerstörung palästinensischer Bildungseinrichtungen und die Besatzung in Zusammenhang mit israelischer Militär- und Rüstungsforschung. Die Anthropologin Maya Wind beschreibt in „Towers of Ivory and Steel“ israelische Hochschulen als Institutionen, die Waffensysteme für die israelische Armee entwickeln, Offiziere ausbilden und juristische sowie politische Argumentationen für Besatzung und Vertreibung bereitstellen. Zugleich werde die Beteiligung palästinensischer Studierender eingeschränkt.
Auch im Westjordanland verschärfe sich die Lage durch die israelische Besatzung. Der Internationale Gerichtshof stellte laut Artikel 2024 fest, dass die seit 1967 bestehende Besatzung völkerrechtswidrig sei. Drittstaaten dürften sie demnach weder anerkennen noch zu ihrer Aufrechterhaltung beitragen. Die Linke im Bundestag wirft Deutschland dennoch vor, weiterhin an israelischer Besatzungs- und Militärpolitik mitzuwirken, und fordert Sanktionen.
Deutsche Wissenschaftsminister solidarisierten sich 2024 laut Artikel ausschließlich mit Israel, obwohl zu diesem Zeitpunkt alle Universitäten und Hochschulen in Gaza zerstört gewesen seien. Im Juni 2025 sprach sich Walter Rosenthal, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, für eine vertiefte Zusammenarbeit mit israelischen Forschungseinrichtungen aus. Deutsche Forderungen nach Kritik an der Zerstörung palästinensischer Hochschulen, nach Wiederaufbauhilfen und Schutzprogrammen für palästinensische Forschende fehlten demnach.
Die Universität Göttingen kooperierte zuletzt mit Forschenden der Ariel-Universität. Diese liegt in einer israelischen Siedlung im Westjordanland und unterstützt laut Artikel Siedleraktivitäten. Vom EU-Programm Horizon ist sie ausgeschlossen. Trotzdem lief die Zusammenarbeit weiter.
Auch die Hebrew University of Jerusalem steht im Mittelpunkt der Kritik. Ihr Campus auf dem Mount Scopus liegt auf Land, das israelische Behörden 1968 von palästinensischen Eigentümern konfisziert hätten. Die Universität stelle Räumlichkeiten für Militär und Polizei bereit, die von dort aus das palästinensische Viertel Issawiya betreten und dort Einsätze durchführten. Die Freie Universität Berlin unterhält seit 1986 eine Partnerschaft mit der Hebrew University; 2011 wurde sie zu einer strategischen Partnerschaft ausgebaut.
Die Bar-I
