Was bedeutet es für die Menschen in Deutschland, an ihre eigene Gestaltungskraft zu glauben? Eine Langzeitstudie von Dr. Theresa M. Entringer von der Universität Greifswald und ihren Kolleg*innen aus Berlin und den USA beschäftigt sich genau mit dieser Frage. Im Rahmen dieser Studie wurden über 42.000 Personen zwischen 16 und 98 Jahren untersucht, wobei die Daten auf dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) basieren. Die Ergebnisse, die im European Journal of Personality veröffentlicht wurden, zeigen, dass das Gefühl von Kontrolle und Selbstwirksamkeit in der Bevölkerung wächst, allerdings in unterschiedlichem Maße zwischen verschiedenen sozialen Gruppen.

Eine besonders interessante Erkenntnis ist, dass jüngere Generationen ein stärkeres Gefühl der Kontrollüberzeugung zeigen. Dieses Gefühl bleibt bis ins höhere Alter erhalten und hängt eng mit den Lebensbedingungen zusammen. So war es für die Befragten in den letzten Jahrzehnten möglich, durch Zugewinn an Ressourcen, Bildung und technologischem Fortschritt ihre Lebensqualität zu verbessern.

Unterschiede zwischen Ost und West

Der Ost-West-Vergleich zeigt jedoch alarmierende Unterschiede. Menschen aus Ostdeutschland berichten von geringeren Kontrollüberzeugungen, was sich durch bestehende Einkommensunterschiede erklären lässt. Beschäftigte im Osten verdienen bei gleicher Qualifikation im Durchschnitt 14% weniger als ihre westdeutschen Kollegen. Das mag zum Teil an geringerer Tarifbindung liegen, die in vielen Regionen Ostdeutschlands vorherrscht. In einigen ostdeutschen Regionen liegt das Einkommensniveau am unteren Ende, während in Süddeutschland, wie zum Beispiel in München, Menschen nahezu doppelt so viel verdienen können.

Diese Ungleichheiten haben auch Einfluss auf das gesellschaftliche Klima. 39% der einkommensarmen Personen leben in den neuen Bundesländern, obwohl diese nur ein Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmachen. Solche ökonomischen Unsicherheiten begünstigen Ängste vor einem sozialen Abstieg und können von rechtspopulistischen Parteien, wie der AfD, ausgenutzt werden.

Gesellschaftliche Implikationen

Die Studie von Entringer et al. hebt hervor, dass trotz eines wachsenden Vertrauens in die eigene Gestaltungskraft, die Vorteile ungleich verteilt sind. Viele Menschen in Ostdeutschland erleben großer Herausforderungen durch Lebensereignisse wie Arbeitslosigkeit oder gesundheitliche Einschränkungen. Diese Erfahrungen führen oft zu einem spürbaren Verlust von Kontrolle. In der aktuellen Debatte über die sozioökonomischen und politischen Spannungen zwischen Ost- und Westdeutschland besteht also ein klarer Zusammenhang zwischen Einkommen, sozialen Gefügen und dem individuellen Gefühl von Handlungsfähigkeit.

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Gezeigt wird auch, dass die Abstände zwischen Männern und Frauen in vielen Bereichen im Osten geringer sind. Dies spricht für eine bessere Gleichstellung und eine höhere Erwerbstätigkeit von Frauen. Dennoch ist der Weg zur vollständigen Gleichheit noch weit.

Zusammengefasst bringt die Gesamtheit der Forschungsergebnisse eine gesellschaftliche Frage auf, die auch politische Relevanz hat: Wer fühlt sich in Deutschland als handlungsfähig und wer nicht? Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik wird entscheidend sein, um ein besseres Verständnis für die Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland zu fördern und gezielte Ansätze zur Verbesserung der Lebensbedingungen zu entwickeln.

Die Debatte um die Ost-West-Unterschiede hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen und die Forschung zeigt, dass die Spaltung nicht nur zwischen den beiden Teilen Deutschlands besteht, sondern andere sozialräumliche Unterschiede auch relevant sind. Diese Themen werden unter anderem in einem speziellen Heft der Fachzeitschrift „Raumforschung und Raumordnung“ behandelt und bieten einen tieferen Einblick in die zugrunde liegenden Strukturen.

Durch die gezielte Ansprache dieser sozialen Probleme können innovative Konzepte entwickelt werden, die dem Osten überdurchschnittlich zugutekommen würden, wie zum Beispiel die Vorschläge der Hans-Böckler-Stiftung.

Für eine moderne Gesellschaft bleibt die Herausforderung, die sozialen und ökonomischen Unterschiede abzubauen und allen Menschen das Gefühl zu geben, dass sie die Kontrolle über ihr eigenes Leben haben können.

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