Was Deutschland aus der Bildungsgeschichte lernen kann, ohne das Kaiserreich zu kopieren
Am 1.10.2026 geht es an der Uni Bonn um eine unbequeme Frage: Was kann Deutschland aus seiner Bildungsgeschichte lernen, ohne sie zu verklären? Anlass sind die im September veröffentlichten Ergebnisse der neuen Pisa-Studie. Die Leistungen der 15-Jährigen sind in Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2000 gefallen. In allen drei Bereichen liegt Deutschland nur noch im internationalen Mittelfeld.
Rund ein Drittel der Jugendlichen verfehlt die Mindestanforderungen in Lesen und Mathematik. Fast ein Fünftel verfügt in keinem Fach über grundlegende Basiskompetenzen. Und der Bildungserfolg hängt weiterhin besonders stark vom sozioökonomischen und familiären Hintergrund ab. Für viele Familien entscheidet sich also schon früh, wie weit ein Kind später kommt – nicht nur am Schreibtisch, sondern auch am Küchentisch.
Bildung als wirtschaftlicher Rohstoff
Der Beitrag von Armin Fuhrer, Journalist, Historiker und Buchautor, ordnet die Zahlen im Rahmen der Open-Source-Initiative der Berliner Zeitung historisch ein. Seine Ausgangsthese: Bildung ist ein zentraler Rohstoff Deutschlands. Innovationskraft, Patente, eine starke Industrie und viele mittelständische Weltmarktführer prägten den bisherigen wirtschaftlichen Erfolg. Hohe Produktqualität und neue Produkte ermöglichten den Export, obwohl deutsche Waren vergleichsweise teuer waren.
Der Fachkräftemangel verschärft die Lage. Jährlich verlassen viele junge Menschen die Schule mit unzureichenden Rechen- und Lesefähigkeiten. Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sinken. Gleichzeitig muss Deutschland stärker mit gut ausgebildeten ausländischen Fachkräften konkurrieren, während der Wirtschaft zunehmend qualifizierte Nachwuchskräfte aus dem Inland fehlen. Eine schwächere Wirtschaft gefährdet laut dem Artikel schließlich auch die finanzielle Grundlage des deutschen Sozialstaats.
Ein Blick ins Kaiserreich soll zeigen, dass wirtschaftlicher Aufstieg und Bildungsreformen schon einmal eng zusammenspielten. Nach der Reichsgründung 1871 wuchs die deutsche Wirtschaft stark und wurde international bewundert. Der Außenhandel stieg von sechs Milliarden Goldmark im Jahr 1880 auf 16,4 Milliarden im Jahr 1910. Die Zahl der exportierten Produktgruppen erhöhte sich von 248 im Jahr 1880 auf 782 im Jahr 1913.
Beginnende Globalisierung, Hochindustrialisierung, ein einheitlicher Wirtschaftsraum und niedrigere Löhne als in Großbritannien trugen dazu bei. Als besonders wichtigen Faktor hebt Fuhrer jedoch das damals international führende Bildungssystem hervor.
Ein Schulsystem mit klaren Wegen
Die achtjährige Volksschule vermittelte Lesen, Schreiben, Rechnen und Geschichte. Es galt Schulpflicht; der Artikel nennt einen Alphabetisierungsgrad von 100 Prozent. Mittlere Schulen, etwa Realschulen, richteten sich vor allem an Kinder des aufsteigenden Mittelstands. Auf dem Stundenplan standen unter anderem Fremdsprachen, Mathematik und Naturwissenschaften.
Höhere Schulen wie Gymnasien und Realanstalten bereiteten überwiegend Kinder aus Adel und Bürgertum auf die Universität vor. Humanistische Gymnasien konzentrierten sich auf Griechisch und Latein, Realgymnasien auf moderne Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften. Das war ein System mit deutlichen Grenzen – und mit einer ziemlich klaren Vorstellung davon, wer wohin gehörte.
Später entwickelten sich Fortbildungsschulen zu Berufsschulen. Lehrlinge mussten an ein bis zwei Tagen pro Woche theoretischen und staatsbürgerlichen Unterricht besuchen. Die Verbindung von betrieblicher Ausbildung und Berufsschule setzte laut Artikel internationale Maßstäbe.
Technische Hochschulen bildeten gezielt akademische Fachkräfte für die Industrie aus. 1899 wurden sie den traditionellen Universitäten gleichgestellt. Dort wurden Ingenieure, Chemiker und Erfinder ausgebildet, die wissenschaftliche Erkenntnisse unmittelbar in industrielle Anwendungen überführten. Hinzu kam der hohe Ausbildungsstandard der damaligen Lehrer.
Aus dem Zusammenspiel von Lehre und Fortbildungsschule entstand eine breite Schicht qualifizierter Facharbeiter. Deutschland setzte stärker als die USA und Großbritannien auf ausgebildete Handwerker und Industriearbeiter statt auf überwiegend ungelernte Fließbandarbeiter. Das steigerte die Produktqualität; „Made in Germany“ wurde zum Gütesiegel. Das Bildungssystem versorgte die Wirtschaft zugleich mit qualifizierten Industriearbeitern und akademischen Spitzenkräften.
Vorbild mit Schattenseiten
Das deutsche Modell blieb im Ausland nicht unbeachtet. Amerikanische Bildungsreformer bereisten Deutschland und nutzten das preußisch-deutsche Schulmodell als Vorbild für das US-amerikanische Public-School-System. Britische Ökonomen stellten nach 1880 fest, dass deutsche Waren nicht mehr nur günstig, sondern technisch überlegen waren. Britische Experten empfahlen in den 1880er-Jahren, technische Bildung und Realschulen nach deutschem Vorbild auszubauen.
Der historische Blick darf allerdings nicht weichgezeichnet werden. Zum System gehörten nationalistische Erziehung, Prügelstrafe und die Benachteiligung von Mädchen beim Bildungszugang. Bildungsbarrieren für Kinder aus ärmeren und bildungsfernen Familien bestehen bis heute; sie sind in Deutschland höher als in fast allen anderen an Pisa teilnehmenden Ländern. Die heutigen Herausforderungen sind zudem andere als im Kaiserreich – etwa Schulen mit sehr hohem Migrantenanteil.
Die PISA-2022-Daten der Bundeszentrale für politische Bildung erlauben dabei einen breiteren Vergleich. Untersucht wird der Zusammenhang zwischen dem Mathematik-Leistungsniveau und sozialer Bildungsungleichheit in den OECD-Ländern. Verglichen werden die Mathematik-Kompetenzen von 15-Jährigen sowie der Anteil der Leistungsunterschiede, der statistisch auf die soziale Herkunft zurückgeführt wird.
Als Maß für diese Herkunft dient der Index of Economic, Social and Cultural Status, kurz ESCS. Er berücksichtigt unter anderem die Bildungsdauer und die berufliche Stellung der Eltern sowie bildungsrelevante Güter im Haushalt. Kanada erreicht im nationalen Mathematik-Mittelwert 484 Punkte, Griechenland 436 Punkte. Der durch soziale Herkunft erklärte Anteil der Leistungsunterschiede liegt in Kanada bei 10,2 Prozent, in Griechenland bei 11,8 Prozent. In der Slowakei beträgt er 25,7 Prozent – der höchste Wert innerhalb der OECD.
| Ländergruppe | Beispiele |
|---|---|
| Überdurchschnittliche Leistungen, geringe Ungleichheit | Japan, Kanada, Korea und Estland |
| Überdurchschnittliche Leistungen, hohe Ungleichheit | Tschechien, Österreich, Deutschland und Schweiz |
| Unterdurchschnittliche Leistungen, hohe Ungleichheit | unter anderem Kolumbien und Israel |
| Unterdurchschnittliche Leistungen, geringe Ungleichheit | Mexiko, Griechenland, Island und Norwegen |
Ein tatsächlicher Zielkonflikt zwischen Leistung und Chancengleichheit würde bedeuten, dass Länder mit geringer Ungleichheit typischerweise niedrigere Leistungen und Länder mit hoher Ungleichheit höhere Leistungen aufweisen. Die PISA-Verteilung zeigt diesen systematischen Zusammenhang jedoch nicht. Unter den leistungsstärksten Ländern finden sich sowohl Länder mit hoher als auch – häufiger – Länder mit geringer sozialer Ungleichheit. Japan, Kanada, Korea und Estland machen damit deutlich, dass Chancengleichheit nicht zwangsläufig zulasten der leistungsstärksten Schüler:innen gehen muss.
Reformen statt Kopie
Der damalige Reformansatz wird im Artikel als Beispiel genannt: Reformen seien stärker an Ergebnissen als an politischen Ideologien ausgerichtet gewesen. Das heißt nicht, dass jemand heute die Schulbank des Kaiserreichs zurückholen sollte. Schon die gesellschaftlichen Bedingungen sind andere, und die alten Ausschlüsse wären schlicht nicht akzeptabel.
Deutschland müsse aus der Vergangenheit lernen, ohne das Bildungssystem des Kaiserreichs zu kopieren. Zielgerichtete Reformen könnten helfen, die Schulen an heutige Anforderungen anzupassen, die wirtschaftliche Zukunft zu sichern und die Bildungschancen junger Menschen zu verbessern. Der mitgelieferte Text der PISA-2022-Zusammenfassung der Technischen Universität München besteht allerdings ausschließlich aus PDF-Rohdaten und komprimierten Binärdaten; ein Nachrichtenartikel ist daraus nicht lesbar.
Im Raum der Uni Bonn bleibt damit ein Gedanke hängen: Gute Leistungen und mehr Chancengleichheit schließen einander nicht aus. Die Zahlen aus Kanada, Japan, Korea und Estland stehen da ziemlich nüchtern – und lassen wenig Platz für die bequeme Ausrede, man müsse sich eben zwischen beidem entscheiden.
