An der Universität des Saarlandes richtet sich der Blick an diesem 26. Oktober 2026 auf ein Virus, das lange weit weg schien: Sieben Menschen haben sich in diesem Jahr bislang innerhalb Deutschlands mit dem West-Nil-Virus infiziert. Die Betroffenen sind zwischen 28 und 83 Jahre alt. Wahrscheinliche Infektionsorte liegen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Berlin, Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Zehn weitere Menschen wurden registriert, die sich im Ausland angesteckt haben. Todesfälle gab es in Deutschland 2026 laut Robert Koch-Institut nicht. Die Zahlen entsprechen dem Stand vom 26. Oktober 2026. In Europa sieht die Lage deutlich größer aus: Bis zum 23. Oktober wurden 1.965 lokal erworbene Fälle gemeldet – mehr als in den meisten vergangenen Gesamtjahren.

Ein Virus zwischen Vogel und Mücke

Das West-Nil-Virus, kurz WNV, gehört zur Familie der Flaviviridae und wird in die Subtypen 1 und 2 eingeteilt. Es zählt zu den weltweit am weitesten verbreiteten Flaviviren. West-Nil-Fieber ist eine Zoonose, die in vielen Regionen endemisch vorkommt; betroffen sind alle Kontinente in unterschiedlichem Ausmaß.

Der natürliche Kreislauf läuft vor allem zwischen wildlebenden Vögeln und Stechmücken. Vögel dienen als Amplifikationswirte und können zur Virusvermehrung beitragen. Zugvögel bringen den Erreger aus tropischen Regionen in den Mittelmeerraum und nach Europa. In Südeuropa wird WNV seit Langem saisonal im Sommer übertragen und kann dort überwintern. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten, ECDC, veröffentlicht Übersichten zu Gebieten mit aktueller oder früherer WNV-Zirkulation.

Infizierte Mücken stechen allerdings nicht nur Vögel. Auch Menschen und andere Säugetiere, vor allem Pferde, können sich anstecken. In Deutschland gelten die weit verbreiteten Culex-Mücken als wichtigste Überträger. Menschen und Pferde sind dabei Fehlwirte: In ihrem Blut steigt die Virusmenge nur niedrig an, sie werden deshalb nicht zu einer relevanten Virusquelle für weitere Mücken.

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Ausbrüche hängen eng mit günstigen Bedingungen für Stechmücken zusammen. In Deutschland ist die Übertragung vor allem im Spätsommer möglich, bei anhaltender Wärme auch im Frühherbst. In Südeuropa werden Übertragungen häufig bis November beobachtet. Neben Mückenstichen sind Organtransplantationen, Bluttransfusionen und eine Übertragung während der Schwangerschaft als weitere mögliche Wege bekannt.

Deutschland holt auf – langsam, aber sichtbar

2018 wurde in Deutschland erstmals eine WNV-Zirkulation bei Vögeln und Pferden festgestellt. Seit 2018 melden Behörden während der Mückensaison Funde des Subtyps 2 bei Tieren; eine Übersicht ist im TierSeuchenInformationssystem, kurz TSIS, abrufbar. Das Bernhard-Nocht-Institut, das Friedrich-Loeffler-Institut und Veterinärbehörden untersuchen dafür Wildvögel und Stechmücken in Monitoring-Programmen.

Im Spätsommer 2019 wurden in Ostdeutschland erstmals fünf lokal durch heimische Mücken übertragene menschliche Infektionen bekannt. Seither sind in den Sommer- und Herbstmonaten jedes Jahr autochthone Fälle im ein- bis niedrigen zweistelligen Bereich gemeldet worden. Zunächst lagen die Fälle überwiegend in Ostdeutschland, seit 2024 wurden einzelne Infektionen auch aus anderen Bundesländern registriert.

Dass sich das Virus über mehrere Jahre hinweg zeigt, deutet darauf hin, dass es in Deutschland überwintern kann und im Sommer passende klimatische Bedingungen findet. Fachleute erwarten im Zusammenhang mit dem Klimawandel steigende Fallzahlen sowie eine Ausweitung der Gebiete mit WNV-Vorkommen. Weil nur ein kleiner Teil der Infizierten Beschwerden entwickelt und ungefähr eine von 100 infizierten Personen schwer erkrankt, dürfte es außerdem weitere unerkannte Infektionen geben.

Zum Vergleich die europäischen Zahlen vom 23. Oktober 2026: Italien meldete 770 lokale Fälle, Griechenland 457, Frankreich 173, Spanien 145 und Rumänien 125. Bis zum 7. Oktober wurden in Europa 130 Todesfälle gemeldet. Zusätzlich treten in Deutschland einzelne WNV-Fälle bei Reisenden aus betroffenen Ländern auf.

Oft kaum zu merken, manchmal gefährlich

Die meisten Infektionen verlaufen ohne erkennbare Beschwerden. Etwa 20 Prozent der Infizierten entwickeln West-Nil-Fieber, eine meist drei bis sechs Tage dauernde fieberhafte, grippeähnliche Erkrankung. Die Inkubationszeit beträgt zwei bis 14 Tage. Typisch sind ein plötzlicher Beginn mit Fieber, manchmal ein zweiphasiger Fieberverlauf, Schüttelfrost, Kopf- und Rückenschmerzen, Abgeschlagenheit sowie geschwollene Lymphknoten.

Bei etwa der Hälfte der Erkrankten kommt ein blasses, makulopapulöses Exanthem hinzu, das sich vom Rumpf auf Kopf und Gliedmaßen ausbreiten kann. Etwa eine von 100 infizierten Personen entwickelt eine schwere neuroinvasive Form. Meist handelt es sich um eine Meningitis, die oft gutartig verläuft; selten kommt es zu einer Enzephalitis.

Dann können mentale Veränderungen, Muskelschwäche, schlaffe Lähmungen, Ataxie, extrapyramidale Symptome, eine Optikusneuritis, Störungen weiterer Hirnnerven, eine Polyradikulitis oder epileptische Anfälle auftreten. Selten wurden Herz- oder Leberentzündungen beobachtet. Das West-Nil-Fieber heilt meist komplikationslos aus, bei Menschen mit Enzephalitis bleiben jedoch relativ häufig Spätfolgen zurück – etwa bei der Hälfte der Betroffenen.

Bei fünf bis zehn Prozent der Patientinnen und Patienten mit neuroinvasiver Erkrankung verläuft die Infektion tödlich. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Personen mit kardiovaskulären Vorerkrankungen oder Immunsuppression. Eine spezifische antivirale Therapie gibt es nicht; behandelt werden die Beschwerden.

Was Schutz und Diagnostik leisten können

Konsequenter Mückenschutz kann das Risiko senken, besonders für ältere Menschen und Personen mit Immunschwäche. Dazu gehören langärmelige Kleidung und lange Hosen bei hoher Mückenbelastung, geschlossene oder klimatisierte Räume am Abend, Repellents und Insektizide, Moskitonetze und Fliegengitter. Auch Mückenbrutplätze im Wohnumfeld sollten beseitigt werden. Einen Impfstoff für Menschen gibt es bisher nicht.

Bei erkrankten Reiserückkehrern aus WNV-Gebieten sollte das Virus diagnostisch berücksichtigt werden. In betroffenen deutschen Regionen gilt das auch für ungeklärte Enzephalitiden und für gehäufte Fälle ungeklärten Fiebers mit oder ohne Hautausschlag. Da sich WNV- und FSME-Risikogebiete zunehmend überschneiden, sollten bei einer Meningoenzephalitis beide Erreger abgeklärt werden – besonders bei älteren Menschen sowie bei bestimmten Vorerkrankungen oder Immunschwäche.

Die Labordiagnostik sollte möglichst durch ein Speziallabor erfolgen. In den ersten Tagen nach Symptombeginn kann virale RNA mittels RT-PCR in Vollblut, Serum oder Liquor nachgewiesen werden. Später sind IgM- und IgG-Antikörper in Serum oder Liquor mittels WNV-ELISA sinnvoll. Weil IgM möglicherweise lange nachweisbar bleibt, empfehlen sich Verlaufsproben, um eine Serokonversion oder einen vierfachen Anstieg des spezifischen Antikörpertiters zu bestätigen.

Andere Flavivirusinfektionen oder Impfungen – etwa gegen FSME, Gelbfieber, Dengue, Japanische Enzephalitis oder Usutu – können Kreuzreaktionen auslösen. Zur Bestätigung kann ein Plaque-Reduktions-Neutralisationstest, kurz PRNT, eingesetzt werden. Alternativ oder ergänzend lässt sich WNV-Nukleinsäure noch mehrere Wochen nach der Infektion mittels RT-PCR oder Next-Generation-Sequencing in Vollblut oder Urin nachweisen. Differenzialdiagnostisch kommen auch andere virale, etwa FSME, sowie bakterielle Meningoenzephalitis-Erreger infrage.

Nach § 7 Absatz 1 des Infektionsschutzgesetzes besteht eine Meldepflicht für den direkten oder indirekten Nachweis des Erregers. WNV kann außerdem durch nicht virusinaktivierte Blutprodukte übertragen werden und schwere Erkrankungen verursachen. Nach der EU-Richtlinie 2004/33/EG werden potenzielle Blutspender 28 Tage nach dem Verlassen eines Gebiets mit fortlaufender WNV-Übertragung zurückgestellt oder auf WNV-RNA getestet, wenn aus der Spende nicht virusinaktiv