Im November 2000 legte Helmut Schönenberger an der Technischen Universität München (TUM) eine 109-seitige Diplomarbeit vor. Ihr Thema: Universitäten als Motor von Gründungsnetzwerken. Nach Recherchen an der Stanford University entwickelte der damals 28-Jährige daraus die Idee für ein Start-up-Gründerzentrum. Es sollte UnternehmerTUM heißen.

Heute, am 1.10.2026, sitzt Schönenberger noch immer an der TUM München – als Vizepräsident der Universität und Geschäftsführer von UnternehmerTUM. Aus dem damals umstrittenen Konzept ist ein Kernstück der Münchner Gründerszene geworden. Unterstützt wurde Schönenberger seinerzeit vom TUM-Präsidenten, der Unternehmerin Susanne Klatten, Bayerns damaligem Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und dessen Nachfolgern bis Markus Söder. Wissenschaft, Kapital und Politik bündelten sich um die Jahrtausendwende mit einem Ziel: München sollte Gründerstadt werden.

Vom Flyer in der Mensa zum Start-up-Zentrum

In den Anfangsjahren war die Idee alles andere als selbstverständlich. Schönenberger verteilte Flyer in TUM-Vorlesungen und an der Mensa. Sein erster Businessplankurs füllte sich mit 30 Teilnehmern. Die Studierenden wollten wissen, wo sie Drehbänke finden oder Kontakte zu Siemens bekommen könnten. Solche Fragen prägten später das Angebot. In den ersten zehn Jahren, erzählt Schönenberger, sei UnternehmerTUM vielfach belächelt worden.

Gegründet wurde UnternehmerTUM 2002. Nach eigenen Angaben hat das Zentrum seither mehr als 1000 Start-ups unterstützt; jährlich nehmen mehr als 17.000 Menschen an den Seminaren teil. Zum Angebot gehören Trainings, Finanzierung, Büros, Maschinen sowie Kontakte zu Kunden und Investoren. Rund 500 Menschen arbeiten inzwischen für die gemeinnützige GmbH. 60 Prozent ihres Budgets stammen von Unternehmen, die für Kooperationen zahlen.

Zwölf thematische Venture Labs decken unter anderem Food, Agro und Biotech, Aerospace und Defense sowie Robotics und künstliche Intelligenz ab. Die Labore liegen an verschiedenen Standorten, nahe kooperierender Unternehmen wie BayWa, Hensoldt und Isar Aerospace. Dazu kommen BayStartUP, Werk1, das Strascheg Center for Entrepreneurship und das LMU Innovation & Entrepreneurship Center. Gemeinsam mit der TUM und der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), mit Fraunhofer-, Helmholtz- und Max-Planck-Instituten bilden sie das Gerüst des Ökosystems.

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Studierende treffen dort auf Unternehmen wie Allianz, BMW und Siemens – und auf Kapitalgeber. Auch Amazon, Apple und OpenAI haben Niederlassungen in München eröffnet; Microsoft ist schon länger vor Ort. München liegt heute bei Start-up-Gründungen pro Einwohner bundesweit an der Spitze. Laut Stadtverwaltung gibt es rund 1700 Start-ups, etwa 70 Prozent davon gehören zum Technologiesektor.

Kapital, Gründer und ein Fonds mit Flix im Portfolio

2010 gründete UnternehmerTUM den Fonds UVC Partners und sammelte zunächst 25 Millionen Euro ein. Eines der frühen Investments war Flix. Das Unternehmen beschäftigt inzwischen 5500 Menschen und überschritt 2023 erstmals zwei Milliarden Euro Umsatz. UVC Partners verwaltet heute rund 800 Millionen Euro.

Inzwischen sind in München internationale Investoren wie General Atlantic und Vsquared Ventures aktiv, dazu Unternehmensfonds von Allianz und BMW sowie die Family Offices der Familien Strüngmann und Schörghuber. Die US-Bank JP Morgan eröffnete im Vorjahr ein Büro an der Maximilianstraße. Deutschland-Chef Alexander Mayer nannte Münchens Wirtschaftskraft und die Deeptech-Start-up-Szene als Gründe für die Standortwahl. Zu den von JP Morgan betreuten Unternehmen gehört das Drohnen-Start-up Quantum Systems.

Schönenberger führt den Erfolg auch auf Gründer zurück, die nach erfolgreichen Unternehmensgründungen in München bleiben und die nächste Generation unterstützen. Felix Haas, ein früher Teilnehmer von UnternehmerTUM, gründete das jährliche Gründerfestival Bits & Pretzels. Bastian Nominacher besuchte Kurse am Zentrum und gründete 2011 Celonis. Das erste Produkt entstand aus einem Projekt mit dem Bayerischen Rundfunk und beschleunigte IT-Prozesse wie Passwortvergaben. Heute gilt Celonis als Pionier im Bereich Process Mining, beschäftigt mehr als 3000 Menschen und wird mit mehr als 13 Milliarden US-Dollar bewertet. Aus Celonis seien laut Nominacher rund 20 Start-ups hervorgegangen; selbst investiert er in Münchner Gründungen.

Ein anderes Beispiel ist Orbem. Pedro Gómez kam 2013 für eine Informatik-Promotion aus Mexiko nach München. In seiner Doktorarbeit entwickelte er Methoden, um die MRT-Bildgebung zu beschleunigen und zu automatisieren. 2019 gründete er das Medizintechnikunternehmen Orbem und verlegte seinen Lebensmittelpunkt wegen der US-Expansion mit seiner Familie nach München.

Orbems System untersucht unter anderem Eier per MRT. Ein Ei wird in das Gerät eingezogen, die Untersuchung dauert etwa eine Sekunde – statt rund 20 Minuten bei einer vergleichbaren Krankenhausanwendung. Eier mit männlichen Embryonen können vor dem Schlüpfen aussortiert werden. Auch Avocados, Wassermelonen und anderes Obst und Gemüse soll die Technologie auf innere Schäden prüfen. Orbem arbeitet nach eigenen Angaben mit internationalen Geflügelkonzernen sowie Obst- und Gemüseproduzenten.

Der erste Kapitalgeber war der UnternehmerTUM-Fonds. Über eine Veranstaltung von UnternehmerTUM kam Orbem mit der Bill-and-Melinda-Gates-Stiftung und anschließend mit dem niederländischen Tiergenetikunternehmen Hendrix Genetics in Kontakt. Aus drei Beschäftigten wurden mehr als 200; seit dem Markteintritt 2023 sei Orbem profitabel. Zu den Investoren zählen unter anderem Celonis-Gründer Nominacher und Personio-Gründer Hanno Renner.

Deeptech, Kernfusion und die Grenzen des Modells

Francesco Sciortino gründete 2023 Proxima Fusion. Er war vom Tokamak-Ansatz zur Kernfusion überzeugt und beschäftigte sich am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching mit Stellaratoren. Proxima Fusion entwickelt einen Stellarator, der heißes Plasma einschließen und so Energie durch Kernfusion gewinnen soll.

In der letzten Finanzierungsrunde nahm das Unternehmen 411 Millionen Euro auf und wurde mit 2,4 Milliarden Euro bewertet. Der UnternehmerTUM-Fonds gehörte zu den ersten Investoren. Laut Sciortino vermittelte Schönenberger Kontakte zu politischen Entscheidungsträgern. Ministerpräsident Markus Söder erklärte die Kernfusion zur politischen Schwerpunktaufgabe.

In Garching soll mit „Alpha“ eine Test- und Demonstrationsanlage entstehen. Mit Unterstützung von RWE und Google ist für die 2030er-Jahre außerdem ein rund zwei Milliarden Euro teures Fusionskraftwerk auf dem Gelände des früheren Kernkraftwerks Gundremmingen bei Augsburg geplant. Proxima Fusion beschäftigt derzeit 170 Menschen; in den 2030er-Jahren sollen es mehr als 5000 sein.

Das Ökosystem produziert allerdings nicht nur Erfolgsgeschichten. Das Flugtaxi-Unternehmen Lilium meldete Insolvenz an. Sciortino bezeichnete die Technik als herausragend, verwies aber auf den Wettbewerb mit staatlich unterstützten Konkurrenten. Schönenberger soll sein Münchner Gründerzentrum im Auftrag von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche in zehn weitere deutsche Städte übertragen. UnternehmerTUM kooperiert inzwischen auch mit Google X; Schönenberger ist Mitglied im Start-up-Council der Bayerischen Staatsregierung.

Susanne Klatten sagte 2023, zehn Zentren nach dem Vorbild von UnternehmerTUM könnten Deutschland ähnlich gründungsstark wie die USA machen. Beim Münchner Start-up-Festival Ende Juli trafen sich zahlreiche Akteure der Szene. Der Unternehmer und Dean-&-David-Gründer David Baumgartner berichtete über den Aufbau seines Unternehmens und bot sich als Investor und Ansprechpartner an. Auf den Plakaten stand: „The next Unicorn starts here“.

München führt – Bayern wächst weiter

Der „Startup & Scaleup Monitor Bayern 2026“ wurde vom Startup Verband, den bayerischen Industrie- und Handelskammern und dem Bayerischen Wirtschaftsministerium veröffentlicht. Danach gibt es in Bayern rund 4.400 aktive Start-ups, mehr als 2.400 davon in München und Umgebung. Im vergangenen Jahr wurden im Freistaat 785 Start-ups gegründet – 46 Prozent mehr als im Vorjahr. Bundesweit lag der Anstieg bei 29 Prozent.

München kommt auf 114,3 Start-ups je 100.000 Einwohner und damit auf die höchste Start-up-Aktivität Deutschlands. Berlin folgt mit 114,2, Potsdam mit 84,4. Nürnberg, Augsburg, Regensburg und Würzburg werden ebenfalls als wichtige bayerische Standorte genannt. Nürnberg ist nach München das zweitgrößte bayerische Start-up-Ökosystem und hat einen besonders hohen Anteil an Hardware-Start-ups; Augsburg folgt