Die Einstellungs-Verhaltens-Schere: Warum gute Vorsätze oft nicht ins Handeln führen
Gute Vorsätze kennt fast jeder: mehr Bewegung, weniger Plastik, klimafreundlicher leben. Und dann ist der Tag lang, der Kopf voll, das Sofa weich. Genau in diesem Spalt zwischen dem, was Menschen für richtig halten, und dem, was sie tatsächlich tun, liegt die „Einstellungs-Verhaltens-Schere“.
Bewegung gilt als gesund, trotzdem gewinnt nach einem langen Tag oft die Couch. Einwegplastik möchte man vermeiden, greift im Supermarkt aber doch zum eingeschweißten Gemüse oder zur Milchtüte. Fliegen gilt als klimaschädlich – die Wintersonnenreise klingt dennoch verlockend. Gewohnheiten, Zeitdruck, Bequemlichkeit, soziale Erwartungen und die jeweiligen Entscheidungsbedingungen schieben sich zwischen Überzeugung und Handlung. Gute Vorsätze allein reichen deshalb oft nicht aus.
Wie Veränderung im Alltag wahrscheinlicher wird
Am 26. November geht es beim Herrenhausen Xchange „Mehr als gute Vorsätze: Wie gelingt Veränderung im Alltag?“ um genau diese Lücke. Veranstaltungsort ist das Tagungszentrum des Schlosses Herrenhausen. Diskutiert werden die Ursachen der Diskrepanz zwischen Überzeugungen und Verhalten sowie der Einfluss von Gewohnheiten, sozialen Normen und gesellschaftlichen Strukturen.
Experten aus Wissenschaft und Praxis sprechen mit dem Publikum darüber, welche Faktoren Verhalten beeinflussen und welche kleinen Alltagsschritte tatsächlich wirken können. Besucher können in kurzen Beiträgen eigene Erfahrungen, Hindernisse und Lösungsvorschläge einbringen. Vorgesehen ist eine interaktive Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Melanie Jaeger-Erben, Fachgebiet Technik- und Umweltsoziologie an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (tbc), Ingo Reinhold vom Stromspar-Check der AWO Region Hannover und PD Dr. Timur Sevinçer vom Institute of Sustainability Psychology der Leuphana Universität Lüneburg. Moderiert wird der Abend vom Journalisten Jan Sedelies.
Der entscheidende Hebel liegt dabei nicht nur im Kopf. Verhalten verändert sich eher, wenn das Umfeld mitzieht und nachhaltige oder andere gewünschte Entscheidungen erleichtert. Ein leicht erreichbares Angebot, ein konkreter Plan oder Menschen, die etwas vormachen, können mehr bewirken als der nächste Appell an die Vernunft.
Was Modelle über Verhalten erklären können
Gesundheitspsychologische Theorien und Modelle fragen, warum Menschen sich gesundheitsförderlich verhalten, weshalb sie eine Veränderung erwägen, umsetzen oder eben nicht umsetzen. Gute Theorien ermöglichen Vorhersagen über Gesundheitsverhalten. Werden Verhaltensdeterminanten erkannt, können sie als Ansatzpunkte für Interventionen dienen – Maßnahmen setzen dann gezielt an diesen Faktoren an, um Gesundheitsverhalten günstig zu beeinflussen.
Der Beitrag „Erklärungs- und Veränderungsmodelle 1: Einstellungs- und Verhaltensänderung“ von Emily Finne und Hanna Paul aus dem Jahr 2025 stellt mehrere häufig eingesetzte Theorien vor und illustriert sie, sofern möglich, anhand von Anwendungsbeispielen. Er erschien als Lexikonbeitrag in „Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention“ des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), DOI: 10.17623/BIOEG:Q4-i012-3.0.
Gesundheitsverhalten beeinflusst maßgeblich die Entstehung chronischer, nicht übertragbarer Krankheiten. Präventions- und Gesundheitsförderungsmaßnahmen zielen deshalb häufig auf Verhaltensänderungen. Dafür müssen soziale, kognitive und emotionale Einflussfaktoren verstanden werden. Psychologische Theorien untersuchen unter anderem Lernprozesse, Erwartungen und Motivation.
Erste Modelle zum Gesundheitsverhalten entstanden in den 1950er-Jahren. Spätere Ansätze bezogen zunehmend soziale und physische Umweltfaktoren ein. Unterschieden werden kontinuierliche Modelle, die über den gesamten Veränderungsprozess dieselben Einflussfaktoren annehmen, und Stadienmodelle, die qualitativ unterschiedliche Veränderungsphasen beschreiben. Besonders wichtig ist die Trennung zwischen motivationalen Phasen, in denen eine Verhaltensabsicht entsteht, und volitionalen Phasen, in denen diese Absicht umgesetzt wird.
Von der Absicht bis zum Tun
Die Theorie des geplanten Verhaltens, kurz TPB, beschreibt Beziehungen zwischen Überzeugungen, Verhaltensabsichten und Verhalten. Entwickelt wurde sie von Martin Fishbein und Icek Ajzen und mehrfach erweitert. Die Verhaltensintention gilt als direktester Prädiktor verschiedener Verhaltensweisen – allerdings wird Verhalten vor allem dann wahrscheinlicher, wenn eine starke Intention besteht und die Person das Verhalten auch kontrollieren kann.
Drei Determinanten prägen die Intention: die Einstellung, also Überzeugungen über positive und negative Folgen, gewichtet nach ihrer persönlichen Bedeutung; die subjektive Norm, also wahrgenommene Erwartungen wichtiger Personen und die Motivation, diese zu erfüllen; sowie die wahrgenommene Verhaltenskontrolle, die Einschätzung von Barrieren und der eigenen Fähigkeit, sie zu bewältigen. Die TPB beruht damit auf einer Erwartungs-Wert-Konzeption: Überzeugungen werden mit ihrer persönlichen Bedeutung verknüpft.
Metaanalysen zeigen allerdings, dass Intentionen meist besser vorhergesagt werden als das daraus folgende Verhalten. Diese Differenz heißt Intentions-Verhaltens-Lücke. Bewegung und Ernährung lassen sich durch die TPB besser vorhersagen als etwa Risikoverhalten, Abstinenz von Suchtstoffen, Früherkennung oder Safer Sex. Überzeugungen sind über die Zeit stabiler als Intentionen. Eine positive Veränderung der Absicht führt also nicht automatisch zur tatsächlichen Verhaltensänderung.
TPB-basierte Interventionen versuchen, relevante Überzeugungen der Zielgruppe zu verändern und damit Einstellung, subjektive Norm und wahrgenommene Kontrolle zu beeinflussen. In einer US-Studie zur Kondomnutzung bei Studierenden wurden Einstellungen durch Botschaften zu den Vorteilen von Kondomen angesprochen, die Verhaltenskontrolle durch Schritt-für-Schritt-Anleitungen verbessert und subjektive Normen durch personalisiertes Feedback im Vergleich zur Peergruppe bearbeitet. Die theoriebasierte Intervention war einer reinen Informationsvermittlung überlegen.
Auch in Deutschland wurde die TPB unter anderem zur Entwicklung einer Kampagne für mehr Bewegung im höheren Alter genutzt. Bei der Planung sollen die Überzeugungen der Zielgruppe und relevante Bezugspersonen berücksichtigt werden. Strukturelle und kulturelle Faktoren enthält die TPB nicht ausdrücklich. Der Reasoned Action Approach ergänzt sie deshalb um weitere Konstrukte sowie gesellschaftliche und direkte Umweltfaktoren.
Die sozial-kognitive Theorie Albert Banduras erweitert klassische Lerntheorien, die Verhalten vor allem als Reiz-Reaktions-Mechanismus erklärten. Kognitive Erwartungen vermitteln zwischen Umweltreiz und Verhalten. Menschen gelten als aktiv handelnde Personen, die ihr Verhalten steuern und ihre Umwelt beeinflussen. Person, Verhalten und Umwelt wirken wechselseitig zusammen – Bandura nennt das reziproken Determinismus.
Beim Ernährungsverhalten können persönliche Vorlieben, Einstellungen und Gewohnheiten eine Rolle spielen. Nötig sind außerdem Fähigkeiten, gesunde Lebensmittel zu erkennen und zuzubereiten. Kulturelle Akzeptanz und die Verfügbarkeit von Lebensmitteln wirken als Umweltfaktoren; individuelles Konsumverhalten kann wiederum soziale Normen und die Umwelt mitgestalten.
Menschen lernen aus eigenen Erfahrungen und durch die Beobachtung anderer. Dieses stellvertretende Lernen oder Modelllernen lässt sich in Gesundheitsprogrammen nutzen: Vorbilder zeigen den Umgang mit Herausforderungen und erwartete positive Ergebnisse. Zentral ist die Selbstwirksamkeitserwartung – die Überzeugung, ein bestimmtes Verhalten erfolgreich ausführen und ein gewünschtes Ergebnis erreichen zu können.
Wer sich die Umsetzung zutraut, setzt sich eher anspruchsvolle Ziele, erwartet mehr positive Ergebnisse und bleibt länger dran. Ergebniserwartungen können materiell sein, etwa finanzielle Kosten, körperlich wie bessere Fitness, sozial wie Anerkennung oder selbstevaluativ wie Stolz. Hindernisse, Gelegenheiten und soziale Unterstützung gehören ebenfalls zu den soziostrukturellen Bedingungen. Geringe Selbstwirksamkeit lässt Barrieren kaum überwindbar erscheinen; hohe Selbstwirksamkeit erhöht die Bereitschaft, sie mit größerer Anstrengung anzugehen.
Als Grundlage von Präventionsprogrammen beschreibt die sozial-kognitive Theorie konkrete Strategien: Rollenmodelle einsetzen, eigene Erfolgserlebnisse durch realistische Teilziele ermöglichen und Selbstregulation fördern. Für „Komm mit in das gesunde Boot!“ in Kindergärten und Grundschulen wurden Selbstwirksamkeit und Modelllernen genutzt. Das Programm zielt auf die Vermeidung von Übergewicht durch mehr Bewegung und gesunde Ernährung. Eine Schwäche der Theorie: Im Bereich Gesundheitsverhalten wurde sie selten in ihrer Gesamtheit untersucht, das Zusammenspiel ihrer Konstrukte bleibt teilweise unklar.
Stufen, Pläne und Rückfälle
Das transtheoretische Modell, kurz TTM, nimmt die zeitliche Entwicklung von Veränderungsprozessen stärker in den Blick. Es entstand Ende der 1970er-Jahre in den USA und verbindet Prinzipien verschiedener
