HU Berlin zwischen Koalitionsverhandlungen und Hochschulverträgen: Wer bestimmt Berlins Wissenschaftspolitik?
Berlin, 6. November 2026. An der Humboldt-Universität zu Berlin wird der Blick derzeit ungewöhnlich weit über den Campus hinaus gerichtet: Nach Eklats und Verzögerungen haben die Koalitionsverhandlungen zwischen Linken, SPD und Grünen begonnen. Die Berliner Wissenschaft verfolgt den Ausgang mit großer Aufmerksamkeit.
Der Grund liegt auch im Geld. Unter der vorherigen Regierung aus CDU und SPD mussten die Hochschulen massive Einsparungen leisten, während die Haushaltslage Berlins angespannt bleibt. Mit dem künftigen Senat müssen sie neue Hochschulverträge für die Jahre 2029 bis 2033 aushandeln. Für die Hochschulleitungen geht es damit nicht bloß um politische Schlagzeilen, sondern um konkrete Bedingungen für Forschung, Lehre und Planung.
Wenn Hochschulen Politik mitgestalten
Der Streitpunkt reicht allerdings über die nächste Vertragsrunde hinaus: Wie weit darf Lobbying der Wissenschaft gehen? In Berlin und Bayern nehmen Hochschulleitungen Einfluss auf die Landespolitik. Als Beispiel gilt die Präsidentin der Humboldt-Universität, die an den Koalitionsverhandlungen beteiligt ist. Dazu kommen Einflussnahmen und Wechsel zwischen Wissenschaft und Politik in Berlin, Brandenburg und Bayern.
Das ist ein schmaler Grat. Hochschulen müssen ihre Interessen vertreten, gerade wenn Einsparungen drücken und langfristige Entscheidungen anstehen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie sichtbar solche Einflussnahmen sein sollen und wo wissenschaftliche Beratung endet, während politische Mitgestaltung beginnt. Hinter verschlossenen Türen wird darüber ebenso geredet wie in den Sitzungsräumen der Parteien.
Verträge mit langer Vorgeschichte
Berlin führte 1997 als eines der ersten Bundesländer Hochschulverträge ein. Ihr Ziel war, den Berliner Hochschulen Planungssicherheit und Kontinuität bei der Finanzierung zu gewährleisten. Seitdem wurden die Verträge kontinuierlich eingesetzt, erweitert und weiterentwickelt.
Dabei hat sich auch die Logik der Finanzierung verändert. Die frühere Input-Steuerung wurde durch eine Output-Steuerung ersetzt: Die Höhe der Landeszuschüsse hängt von der Erfüllung konkreter Zielvorgaben ab. Diese Vorgaben werden zwischen dem Land und den Hochschulen ausgehandelt. Ob sie erreicht wurden, dokumentieren die Hochschulen in jährlichen Leistungsberichten.
Bevor ein Vertrag unterschrieben werden kann, braucht er die Zustimmung des Senats und des Berliner Abgeordnetenhauses. Auf der Website des Landes sind Vertragsfassungen für die Zeiträume 2006–2009, 2010–2013, 2014–2017, 2018–2022 und 2024–2028 aufgeführt. Die nächste Runde, 2029 bis 2033, steht also bereits im politischen Vorraum — und genau dort wird jetzt um Einfluss, Prioritäten und Spielräume gerungen.
Für die HU Berlin ist die Beteiligung ihrer Präsidentin an den Koalitionsverhandlungen deshalb mehr als eine Randnotiz. Sie zeigt, wie eng Hochschulpolitik und Landespolitik inzwischen miteinander verbunden sind. Und sie macht sichtbar, was sonst gern im Kleingedruckten der Haushaltspläne verschwindet: Wer über Wissenschaft entscheidet, verhandelt immer auch über die Zukunft der Stadt.
