Die Krefelderin Dr. Friederike Charlotte Hechler hat den Better World Award UP 2026 der Universitätsgesellschaft Potsdam erhalten. Verliehen wurde der mit 3.333 Euro dotierte Preis in Potsdam; die Laudatio hielt Brandenburgs Landtagspräsidentin Prof. Dr. Ulrike Liedtke.

Hechler ist Linguistin und Kognitionswissenschaftlerin und forscht zu Autismus. Dabei betrachtet sie Autismus nicht primär aus einer Defizitperspektive. Gemeinsam mit autistischen Menschen entwickelte sie Forschungsansätze weiter, die deren eigene Erfahrungen stärker berücksichtigen. Ihre Arbeit trägt den Titel „Transforming Autism Research Through Participation, Inclusion and Evidence“ und setzte sich gegen fünf weitere Bewerberinnen und Bewerber durch.

Von Krefeld über Berlin nach Potsdam

Geboren wurde Friederike Charlotte Hechler 1990 in Olpe, aufgewachsen ist sie in Krefeld. Ihre Eltern leben weiterhin dort. Ihr Abitur machte sie an der Marienschule. Danach studierte sie Linguistik und Geschichte im Zweifach-Bachelor an der Humboldt-Universität zu Berlin und anschließend Linguistics im Master an der Universität Potsdam.

Zu ihrer Ausbildung gehörte außerdem ein mehr als einjähriger Aufenthalt an der Macquarie University in Sydney, Australien. Mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung promovierte Hechler 2025 in Potsdam und Sydney. Die Promotion erfolgte im internationalen Programm IDEALAB, einer Graduiertenschule der Universitäten Potsdam, Newcastle, Groningen und Macquarie.

Ihre Dissertation trägt den Titel „Perceptual and Psychological Mechanisms of Gaze-Based Communication across Virtual, Artificial and Neurodiverse Social Interactions“. Die ausgezeichnete Arbeit entstand auf Grundlage ihrer Dissertation in Sydney. Darin untersuchte Hechler unter anderem, wie autistische und nicht-autistische Menschen Blicksignale in der sozialen Kommunikation nutzen.

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Ähnliche Hinweise, andere Annahmen

In Experimenten zur Blickkommunikation nutzten autistische und nicht-autistische Erwachsene sehr ähnliche Hinweise, um die Absichten anderer Menschen zu erkennen. Die Ergebnisse widersprechen damit der pauschalen Annahme, autistische Menschen hätten grundsätzlich Schwierigkeiten, kommunikative Signale zu verstehen.

Hechler weist darauf hin, dass defizitbasierte Modelle negative Auswirkungen auf Bildung, Gesundheitswesen und öffentliche Diskurse haben können. Aus der Zusammenarbeit mit Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern entstand deshalb ein partizipatives Forschungsprojekt. Es beteiligt autistische Menschen stärker an der Entwicklung wissenschaftlicher Untersuchungsinstrumente — nicht erst am Ende, wenn die Ergebnisse schon feststehen.

Ein konkretes Ergebnis ist das gemeinsam mit autistischen Menschen überarbeitete Forschungsinstrument „Comprehensive Autistic Trait Inventory – Revised“ (CATI-R). Es wurde zunächst auf Englisch und anschließend auf Deutsch validiert. Türkische und polnische Versionen sind in Arbeit. Die Forschungsergebnisse werden über Open Science und internationale Kooperationen zugänglich gemacht.

Forschung mit Blick auf die Gesellschaft

Der Better World Award wird von der Universitätsgesellschaft Potsdam e.V. und der LAND BRANDENBURG LOTTO GmbH vergeben. Die Universitätsgesellschaft verleiht ihn jährlich an junge Akademikerinnen und Akademiker, deren Masterarbeiten oder Dissertationen zur Weiterentwicklung der Gemeinschaft beitragen und Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Fragen liefern.

Der Preis steht unter der Schirmherrschaft der Lotto GmbH des Landes Brandenburg und orientiert sich an Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. Dazu zählen Gesundheit und Wohlergehen, hochwertige Bildung, weniger Ungleichheiten, Geschlechtergleichheit und internationale Zusammenarbeit.

Lotto-Geschäftsführerin Anja Bohms verwies auf diese Bezüge. Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke würdigte Hechlers Arbeit außerdem als Beitrag zur Auseinandersetzung mit Verständigung, unterschiedlichen Reaktionen sowie möglichen Grenzen und Chancen künstlicher Intelligenz.

Hechlers Erkenntnisse fließen inzwischen in das internationale U21 Autism Research Network und in ein von ihr entwickeltes Lehrmodul zu Neurodiversität und partizipativer Forschung an der Universität Potsdam ein. Für Hechler selbst ging es nach der Promotion weiter: Sie ist inzwischen E-STEEM Postdoctoral Fellow in der Clinical Social Neuroscience Unit an der Universität Wien.

Heute, am 22.10.2026, bleibt von der Preisverleihung in Potsdam also mehr als eine Urkunde und ein Preisgeld. Ein Forschungsinstrument liegt bereits in mehreren Sprachversionen vor, weitere werden vorbereitet; die Ergebnisse wandern in internationale Kooperationen, Lehre und offene Wissenschaft. Und irgendwo zwischen Krefeld, Potsdam, Sydney und Wien wird weiter daran gearbeitet, wie Forschung über Autismus aussehen kann, wenn die Menschen, um die es geht, nicht nur untersucht werden, sondern von Anfang an mitreden.