Wer in Cottbus oder den Landkreisen Südbrandenburgs nachts oder am Wochenende in eine psychische Krise gerät, findet keinen spezialisierten psychiatrischen Krisendienst mit Rund-um-die-Uhr-Besetzung. Erste Anlaufstelle ist der Sozialpsychiatrische Dienst (SpDi) der Gesundheitsämter – doch erreichbar ist er nur während der regulären Öffnungszeiten.

In Cottbus wenden sich jährlich rund 600 Menschen an den SpDi. Die Mitarbeitenden beraten nicht nur in ihren Räumen, sondern machen auch Hausbesuche. Außerhalb der Öffnungszeiten bleibt allerdings eine Lücke. Auch Spree-Neiße, Oberspreewald-Lausitz, Elbe-Elster und Dahme-Spreewald bieten keinen rund um die Uhr erreichbaren psychiatrischen Krisendienst an. Der SpDi in Oberspreewald-Lausitz versteht sich ausdrücklich als Beratungsstelle und nicht als kurzfristige Notfallhilfe. Elbe-Elster hat keinen Bereitschaftsdienst.

Nachts übernehmen andere Strukturen

In Dahme-Spreewald ist nachts, am Wochenende und an Feiertagen der Rettungsdienst zuständig. Bei Bedarf wird der diensthabende Amtsarzt hinzugezogen. Im ersten Halbjahr 2026 kam es dort zu insgesamt 34 Kriseneinsätzen des SpDi.

Die Stadt Cottbus erklärt, dass es für die Zeit außerhalb der Öffnungszeiten in Brandenburg keine gesetzliche Regelung gibt. Einen eigenen Krisendienst könne eine einzelne Kommune finanziell und organisatorisch nicht stemmen. Nach Einschätzung der Stadt brauchen Menschen in akuten Krisen jedoch sofortige, verbindliche und zuverlässige fachkundige Hilfe. Bereitschaftsdienste und Notaufnahmen böten häufig keine individuell ausgerichtete Unterstützung.

Ein spezialisierter Krisendienst könnte schneller passende Hilfen vermitteln und womöglich unnötige Klinikeinweisungen vermeiden. Der Bedarf wirkt umso dringlicher, weil die Zahl der psychiatrischen Unterbringungen an der Medizinischen Universität Lausitz laut Stadt in den vergangenen fünf Jahren deutlich gestiegen ist. Das Gesundheitsministerium des Landes wurde zu möglichen Plänen für einen Krisendienst befragt.

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Außerhalb der SpDi-Öffnungszeiten sind Krankenhaus-Notaufnahmen rund um die Uhr erreichbar. In Senftenberg sind laut Sana Kliniken jederzeit Fachärztinnen und Fachärzte im Dienst. Das Krankenhaus Spremberg kann auch nachts stationär aufnehmen. Im Landkreis Elbe-Elster haben die Notaufnahmen an allen drei Krankenhausstandorten geöffnet.

Bei unmittelbarer Gefahr gilt der Notruf 112. Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter 116 117 erreichbar. Die Telefonseelsorge berät anonym, kostenfrei und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Kinder und Jugendliche können sich unter 116 111 an die Nummer gegen Kummer wenden. Das Krankenhaus Spremberg rät Angehörigen, bei akuten Krisen oder unmittelbarer Gefahr den Notruf zu wählen oder die betroffene Person in eine Notaufnahme zu bringen.

Was der Sozialpsychiatrische Dienst leisten kann

Der SpDi berät und unterstützt Menschen mit psychischen Erkrankungen, Suchterkrankungen oder seelischen Krisen – ebenso Angehörige und andere Personen aus dem sozialen Umfeld. Das Angebot ist kostenlos, niedrigschwellig und für alle zugänglich. Eine offizielle Diagnose oder Krankenversicherung ist nicht nötig, die Beratung kann anonym erfolgen. Die Mitarbeitenden unterliegen der Schweigepflicht.

Je nach Bedarf kommt der Dienst auch nach Hause, besonders wenn Betroffene über andere Hilfsangebote nur schwer erreichbar sind. Zuständig ist der SpDi am Wohn- oder Aufenthaltsort der betroffenen Person. Zu finden ist er meist über das örtliche Gesundheitsamt; das zuständige Gesundheitsamt lässt sich auch über die Website des Robert Koch-Instituts anhand der Postleitzahl ermitteln. Die erste Kontaktaufnahme läuft in der Regel telefonisch, manche Dienste bieten offene Sprechstunden ohne Termin an.

Zum Team gehören unter anderem Psychiaterinnen und Psychiater, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Psychologinnen und Psychologen, Pflegekräfte sowie Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten. Gearbeitet wird mit niedergelassenen Psychiatern, Hausärzten, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. Teilweise bringen auch Menschen mit eigener Psychiatrieerfahrung ihre Perspektive in einer speziellen Peer-Beratung ein.

Das Spektrum reicht von Suchterkrankungen, Wahnvorstellungen, sozialen Ängsten, Demenz und depressiven Symptomen bis zu Problemen im Haushalt, bei Mietzahlungen, Behördenangelegenheiten oder der medizinischen Versorgung. Auch der Rückzug aus sozialen Kontakten kann Anlass sein. Hilfe suchen können Betroffene selbst, Angehörige, gesetzliche Betreuer, Freunde und Nachbarn, Arbeitsstellen und Kollegen, Vermieter, Behörden wie Polizei oder Arbeitsagentur sowie medizinisches Personal, etwa Hausärzte.

Nach einem Hinweis kann der SpDi selbst Kontakt zur betroffenen Person aufnehmen – telefonisch, mit einer schriftlichen Einladung, über einen angekündigten oder unangekündigten Hausbesuch. Die Wohnung dürfen Mitarbeitende allerdings nicht gegen den Willen der betroffenen Person betreten. Angehörige, Freunde oder Nachbarn müssen die Situation also nicht allein aushalten, wenn sie sich um jemanden sorgen und nicht mehr weiterwissen.

Beratung und Unterstützung sind telefonisch, in der Beratungsstelle oder bei einem Hausbesuch möglich. Der Dienst kann Hilfen koordinieren, eine Anschlussbehandlung organisieren, bei Anträgen und Behördengängen helfen oder zu Terminen begleiten. Eine eigene psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung bietet der SpDi nicht an, bei der Suche nach einem Therapieplatz oder einer psychiatrischen Fachpraxis kann er aber unterstützen.

Zwischen Beratung, Krise und Notfall

In vielen Regionen übernimmt der SpDi auch Aufgaben in psychischen Krisen und Notfällen, einschließlich der Einschätzung möglicher Gefahren für Betroffene oder andere Personen. Meist wird zunächst versucht, die Lage durch Gespräche zu beruhigen und Zwangsmaßnahmen oder eine Krankenhauseinweisung zu vermeiden. Bei akuter Gefahr – etwa wenn Selbst- oder Fremdgefährdung angekündigt wird – können solche Maßnahmen dennoch erforderlich werden.

Wie lange die Unterstützung dauert, hängt vom Bedarf ab: Manchmal bleibt es bei einem einmaligen Gespräch, manchmal folgt eine längerfristige Begleitung oder es gibt in einer Krise häufigere Termine. Eine längere Unterstützung kommt insbesondere infrage, wenn Betroffene andere Therapieangebote krankheitsbedingt nicht wahrnehmen können. Je nach Region koordiniert der SpDi zusätzlich die Versorgungsangebote einer Kommune.

Die Psychiatriekoordination Cottbus/Chóśebuz sichert und entwickelt das Hilfesystem für psychisch kranke, seelisch behinderte und suchtkranke Menschen. Rechtsgrundlage ist § 7 BbgPsychKG. Ziel ist eine wohnortnahe und bedarfsgerechte Versorgung.

Zu ihren Aufgaben gehören bessere Übergänge zwischen stationären, ambulanten und komplementären Angeboten sowie zwischen Kinder- und Jugendpsychiatrie und Erwachsenenpsychiatrie. Außerdem sollen Strukturen für Integration und gesellschaftliche Teilhabe entstehen – einschließlich Bildung und Arbeitsmarkt. Die Koordination erarbeitet eine psychiatrische Berichterstattung, sensibilisiert für die Bedürfnisse psychisch und suchtkranker Menschen und unterstützt den Abbau von Vorurteilen.

Vermittelt wird zwischen Psychiatrieerfahrenen und ihren Angehörigen, Leistungserbringern wie psychiatrischen Kliniken, Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation und Angeboten der Eingliederungshilfe sowie Leistungsträgern, etwa gesetzlichen Krankenversicherungen und der Agentur für Arbeit. Eng arbeitet die Psychiatriekoordination mit der PSAG Cottbus/Chóśebuz zusammen.

Der SpDi kann helfen, die Bereitschaft für Therapie- und Hilfsangebote zu stärken, die Lebensqualität zu verbessern, ein selbstbestimmtes und möglichst selbstständiges Leben zu fördern, medizinische Behandlung einzuleiten und psychischen Krisen oder Krankenhausaufenthalten vorzubeugen. Auch gesellschaftliche Teilhabe und die Wiedereingliederung ins Arbeitsleben gehören zu den möglichen Zielen. Die konkreten Aufgaben unterscheiden sich je nach Bundesland und Region.

Heute, am 10.10.2026, ist die Lage für Studierende und Beschäftigte an der TU Cottbus damit ziemlich praktisch – und zugleich unbequem: Tagsüber kann der SpDi beraten, begleiten und Hausbesuche machen. Nachts bleibt bei unmittelbarer Gefahr die 112, bei medizinischen Fragen die 116 117, dazu kommen Notaufnahmen und Telefonseelsorge. Dazwischen liegt jene Lücke, über die in Brandenburg weiter gesprochen wird.