In Göttingen wird heute, am Mittwoch, 4. November 2026, gestreikt: Die IG Metall hat zu einem Warnstreiktag in Südniedersachsen aufgerufen. Der Schwerpunkt liegt in Göttingen, beteiligt sind Beschäftigte aus Göttingen, Hann. Münden und Bovenden. Hunderte Menschen sollen dabei sein.

Los geht es ab 11 Uhr am Gänseliesel vor dem Alten Rathaus. Zuvor sind Sternmärsche in die Innenstadt geplant. Für die Kundgebung werden Beschäftigte aus zehn Betrieben mobilisiert – von Multi-Color in Hann. Münden über Robert Bosch Power Tools, mehrere Sartorius-Gesellschaften, Gotion Germany Battery, Novelis Deutschland, Carl Zeiss CMP und Mahr in Göttingen bis zu Minebea Intec in Bovenden.

Warnstreik mitten in der Tarifrunde

Die Aktion ist Teil eines bundesweiten Warnstreiks in der Metall- und Elektroindustrie. Die Friedenspflicht endete nach Angaben der IG Metall in der Nacht zum Sonntag, 1. November, um Mitternacht. Danach legten erste Belegschaften die Arbeit nieder. Seitdem beteiligten sich in den ersten drei Tagen rund 100.000 Beschäftigte aus mehr als 500 Betrieben. Bis Ende der Woche sind Warnstreiks in über 2.000 Betrieben geplant.

Am Donnerstag beginnt die dritte Runde der Tarifverhandlungen. Die IG Metall will parallel schnell weiterverhandeln. Betroffen sind bundesweit rund 3,7 Millionen Beschäftigte. In Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg waren die Gespräche zuvor ohne Annäherung beendet worden. Auch in Nordrhein-Westfalen sollte über das weitere Vorgehen beraten werden; dort wollte die Tarifkommission am Samstag entscheiden.

Der niedersächsische IG-Metall-Bezirksleiter und Verhandlungsführer Thorsten Gröger sagte, die Arbeitgeber hätten sich nur in kleinen Schritten bewegt. Warnstreiks seien ab dem 1. November unausweichlich gewesen. Das erste bundesweit abgestimmte Arbeitgeberangebot lehnte die Gewerkschaft nach zwei Verhandlungsrunden als unzureichend ab.

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1,3 Prozent ab Juli 2028

Das Angebot sieht zunächst acht Monate ohne Erhöhung vor. Im Juli 2027 soll es eine einmalige Zahlung von einem Prozent des durchschnittlichen Jahresbruttoentgelts geben – je nach Tarifgebiet etwa 555 bis 800 Euro. In Baden-Württemberg wären das nach Angaben der Arbeitgeber ungefähr 700 Euro. Die Zahlung könnte allerdings ausgesetzt oder angepasst werden, wenn die wirtschaftliche Lage des jeweiligen Betriebs schlecht ist.

Im Juli 2028 sollen die Monatsentgelte dauerhaft um 1,3 Prozent steigen. Der Tarifvertrag hätte eine Laufzeit von 26 Monaten und würde bis Ende Dezember 2028 gelten. Wegen der 20-monatigen Wartezeit entspricht das nach Berechnung der IG Metall nur etwa 0,6 Prozent mehr pro Jahr.

Die Gewerkschaft kritisiert, das Angebot beginne zu spät, falle zu niedrig aus, laufe zu lange und enthalte zu wenig Maßnahmen für die Zukunft. Nach ihrer Einschätzung gleicht es die Preissteigerungen nicht aus und führt zu weiteren Reallohnverlusten. Verhandlungsführerin Nadine Boguslawski sagte, die Beschäftigten würden trotz steigender Inflation nicht ausreichend berücksichtigt. Gröger bezeichnete das Angebot als gering und die zusätzlichen Ausnahmen und Pflichten als unverhältnismäßig. Die IG Metall nennt den Vorschlag nicht ausreichend und nicht verhandelbar.

Streit über Ausnahmen, Krankheit und KI

Im Gegenzug verlangen die Arbeitgeber eine dauerhafte und ausgeweitete Möglichkeit zur Differenzierung von Zahlungen. Unternehmen mit geringen oder keinen Gewinnen sollen die Einmalzahlung aussetzen können. Die sogenannte automatische Differenzierung soll ebenfalls erweitert werden, sodass Betriebe in wirtschaftlichen Schwierigkeiten tarifliche Zahlungen verschieben oder ausfallen lassen könnten.

Nach Angaben von Südwestmetall wären in Baden-Württemberg rund 45 Prozent der Betriebe von der Zahlung befreit, weil sie Verluste machten oder unter einer festgelegten Ertragsgrenze lägen. Außerdem soll eine neue Verhandlungsmöglichkeit auf Betriebsebene entstehen, wenn Investitionen, Innovationen, Standorte oder Arbeitsplätze gesichert werden sollen. Künftig wären dabei Betriebsräte statt der Gewerkschaft zuständig.

Weitere Forderungen der Arbeitgeber betreffen tarifliche Gespräche über Krankenstände und Maßnahmen zur Senkung von Krankheitskosten sowie Gespräche über den Einsatz künstlicher Intelligenz. Außerdem soll KI schneller eingeführt werden. Die IG Metall-Vertreter sehen darin den Versuch, eine bisherige Ausnahmeregelung zum Regelfall zu machen. Sie warnen vor einer Schwächung des Flächentarifvertrags und weisen die Forderung zurück, Beschäftigte für die wirtschaftliche Lage ihrer Unternehmen verantwortlich zu machen.

Gewerkschaft fordert fünf Prozent

Die IG Metall fordert fünf Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von zwölf Monaten, nach Angaben aus der laufenden Runde ab November. Hinzu kommen Vereinbarungen zur Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten, eine tarifliche Gewinnbeteiligung in wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen sowie eine soziale Komponente für Beschäftigte mit niedrigen Einkommen und Auszubildende. In gut laufenden Branchen verlangt die Gewerkschaft tarifliche Zuschläge. Auf diese Forderung nach zusätzlichen Zahlungen in besonders profitablen Branchen gingen die Arbeitgeber bislang nicht ein.

Die Arbeitgeber hatten die wirtschaftliche Lage der Branche in den bisherigen Verhandlungen als schwierig beschrieben. Gesamtmetall begründet das Angebot mit dem Ziel, die Deindustrialisierung und den Verlust von Arbeitsplätzen zu bremsen. Südwestmetall nannte den Vorschlag ausgewogen und eine Möglichkeit für eine Lohnerhöhung trotz der wirtschaftlichen Krise.

Ganz so einheitlich ist das Bild allerdings nicht. Wirtschaftsinstitute korrigierten ihre Prognosen zuletzt nach oben. Nach Umfragen der IG Metall verfügen 62 Prozent der Betriebe wieder über eine gute oder sehr gute Auslastung. Die Auto- und Zulieferindustrie ist schwach, während Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik, Elektrotechnik und Wehrtechnik eine starke Nachfrage verzeichnen. Eine Mehrheit der Betriebsräte bewertet die Aussichten für die kommenden sechs Monate als gut oder sehr gut – auch in der Autoindustrie.

Gleichzeitig drücken die hohen Preise auf die Beschäftigten. Die IG Metall will die Kaufkraft sichern und damit den privaten Konsum stützen, der mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Weitere Verhandlungen sind für Mittwoch in Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Thüringen, für Donnerstag in Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt sowie für Freitag in Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim geplant.

Am Gänseliesel dürfte es heute also laut werden. Zwischen Innenstadtverkehr, Transparenten und den Reden zur Tarifrunde geht es für die Beschäftigten aus Göttingen, Hann. Münden und Bovenden um deutlich mehr als die angekündigten 1,3 Prozent.