Mario Draghi erhält den Marion-Dönhoff-Preis für internationale Verständigung und Versöhnung. Der frühere Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) und ehemalige italienische Ministerpräsident wird damit für seinen Beitrag zur politischen und wirtschaftlichen Einheit Europas geehrt. Die Jury würdigte insbesondere, dass Draghi die Eurozone durch eine schwere Schulden- und Finanzkrise steuerte und später als Regierungschef eine politisch gespaltene Nation zusammenhielt.

Die Auszeichnung soll am 6. Dezember im Deutschen Schauspielhaus Hamburg verliehen werden. Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert. Ebenfalls 20.000 Euro erhält das somalische Elman Peace and Human Rights Center, dem der Marion-Dönhoff-Förderpreis zugesprochen wurde. Die Laudatio hält die Menschenrechtsaktivistin und Bestsellerautorin Waris Dirie.

Ein Preis für europäische Beharrlichkeit

Draghi war von 2011 bis 2019 Präsident der EZB und vom 13. Februar 2021 bis zum 22. Oktober 2022 italienischer Ministerpräsident. Als EZB-Chef gilt er bis heute als maßgeblich an der Stabilisierung des Euro beteiligt. Im Juli 2012 sagte er, die EZB werde „whatever it takes“ tun, um die gemeinsame Währung zu erhalten. Die Worte wurden zum Wendepunkt der Eurokrise; die Anleiherenditen mehrerer Euroländer sanken. Bald war vom „Retter des Euro“ und von „Super Mario“ die Rede.

Als Regierungschef stellte sich Draghi gegen wachsenden Nationalismus und Populismus. Nach seiner Amtszeit zeigte er mit einem Bericht zur Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit Wege auf, wie sich die EU gegenüber den USA und China behaupten könne. Von 2023 bis 2024 erarbeitete er den sogenannten Draghi-Bericht, der im September 2024 veröffentlicht wurde und 383 Empfehlungen enthielt. Vorgeschlagen wurden unter anderem eine gemeinsame Kreditaufnahme, eine koordinierte Industriepolitik sowie Investitionen in Energie, Digitalisierung und Gesundheitsinnovation.

Im Februar 2025 forderte Draghi eine engere Zusammenarbeit der EU und ein stärker gemeinsames Vorgehen bei Energie, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. Eine im September 2025 veröffentlichte erste unabhängige Überprüfung kam allerdings zu dem Ergebnis, dass erst 11,2 Prozent seiner Empfehlungen vollständig umgesetzt worden seien; die übrigen waren teilweise umgesetzt oder noch offen. Papier ist geduldig, auch in Brüssel.

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Vom Weltbank-Ökonomen zum Regierungschef

Geboren wurde Mario Draghi am 3. September 1947. In den 1980er-Jahren arbeitete er als Ökonom bei der Weltbank in Washington. 1991 wurde er Generaldirektor des italienischen Schatzamtes und blieb dort bis 2001. In dieser Zeit leitete er die Überarbeitung des italienischen Unternehmens- und Finanzrechts, unterstützte die Privatisierung staatlicher Unternehmen und saß unter anderem in Führungs- und Aufsichtsgremien von Eni, BNL und weiteren italienischen Instituten.

Von 2002 bis 2005 war Draghi Vizepräsident und Managing Director von Goldman Sachs International. Dort leitete er die europäische Strategie sowie die Kontakte zu europäischen Unternehmen und Regierungen. Im Zusammenhang mit griechischen Swap-Geschäften erklärte er später, nichts davon gewusst und damit nichts zu tun gehabt zu haben.

Draghi lehrte an mehreren italienischen Universitäten und war zeitweise mit Institutionen wie Harvard, dem Institute for Advanced Study und der Brookings Institution verbunden. Von 2006 bis 2011 amtierte er als Gouverneur der italienischen Zentralbank, anschließend übernahm er die EZB. Zuvor war er von 2009 bis 2011 Vorsitzender des Financial Stability Board.

Im Dezember 2011 vermittelte er ein dreijähriges EZB-Kreditprogramm über 489 Milliarden Euro für Banken. 2012 folgte eine zweite, größere Runde langfristiger Refinanzierungskredite. Forbes führte Draghi 2014 als achtmächtigste Person der Welt, Fortune stufte ihn 2015 als zweitgrößten Führer der Welt ein. Seine EZB-Amtszeit endete am 31. Oktober 2019; Christine Lagarde folgte ihm.

Italien zwischen Pandemie und politischem Spagat

Nachdem Giuseppe Conte zurückgetreten war, beauftragte Staatspräsident Sergio Mattarella Draghi am 3. Februar 2021 mit der Regierungsbildung. Draghi formte eine Regierung der nationalen Einheit, getragen unter anderem von der Fünf-Sterne-Bewegung (M5S), der Lega, dem Partito Democratico (PD), Forza Italia und Italia Viva sowie weiteren Parteien. Am 13. Februar 2021 wurde er als Ministerpräsident vereidigt.

Die Mehrheiten im Parlament waren groß: Im Senat stimmten 262 Abgeordnete dafür, 40 dagegen, zwei enthielten sich. In der Abgeordnetenkammer gab es 535 Ja-Stimmen, 56 Nein-Stimmen und fünf Enthaltungen. Draghi kündigte an, Italiens wirtschaftlichen Wiederaufbau nach der COVID-19-Pandemie zu organisieren und eine proeuropäische Politik zu verfolgen. Auf sein jährliches Ministerpräsidentengehalt von 115.000 Euro verzichtete er.

Zu Beginn seiner Amtszeit wurden die Pandemie- und Impfstrukturen neu geordnet. Fabrizio Curcio ersetzte Angelo Borrelli als Leiter des Zivilschutzes, General Francesco Paolo Figliuolo löste Domenico Arcuri als COVID-19-Sonderbeauftragten ab. Italien blockierte im März 2021 zunächst die Ausfuhr von 250.000 AstraZeneca-Impfdosen nach Australien, verhängte erneut weitreichende Einschränkungen und kündigte eine schnellere Impfkampagne an. Ab April wurden schrittweise Öffnungen von Bars und Restaurants möglich.

2021 und 2022 führte Italien den digitalen COVID-Nachweis, den „Green Pass“, für Veranstaltungen, Gastronomie, Sportstätten und den Fernverkehr ein. Ab Oktober 2021 mussten Beschäftigte im öffentlichen und privaten Sektor eine Impfung oder einen negativen Test nachweisen. Im Januar 2022 kam die Impfpflicht für italienische Staatsbürger über 50 Jahre.

Auch die Justiz wurde 2021 reformiert. Die Verfahrensdauer sollte sinken, für viele Verfahren wurde eine von zwei Berufungsinstanzen abgeschafft. Die Reform war mit der Auszahlung von rund 200 Milliarden Euro aus EU-Wiederaufbaumitteln verknüpft. Der Haushalt 2022 ersetzte „Quota 100“ durch „Quota 102“, änderte das Bürgergeld und enthielt Steuervergünstigungen, Unternehmenssteuerentlastungen sowie Förderungen für die Beschäftigung junger Menschen und neuer Mütter. Hinzu kamen Maßnahmen gegen steigende Energiepreise und vergünstigte Erstkredite. Im Februar 2022 beschloss die Regierung ein zusätzliches Hilfspaket über acht Milliarden Euro zur Abfederung der Energiekosten.

Außenpolitik, Ukraine und das Ende der Regierung

Außenpolitisch konzentrierte sich Draghi auf den Mittelmeerraum, Nordafrika und den Nahen Osten. Im April 2021 reiste er nach Libyen, um die Beziehungen zu dem Land zu stärken. Den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan bezeichnete er als „Diktator“ und kritisierte dessen Verhalten gegenüber EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Im August 2021 beteiligte sich Italien an der Evakuierung aus Afghanistan und brachte im Rahmen der Operation „Aquila Omnia“ fast 5.000 Afghanen nach Italien. Im Oktober war Italien Gastgeber des G20-Gipfels in Rom. Einen Monat später unterzeichnete Draghi mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron den Quirinalvertrag über eine engere Zusammenarbeit beider Länder.

Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar 2022 verurteilte Draghi den Angriff, forderte einen sofortigen Waffenstillstand und den Rückzug russischer Truppen. Er unterstützte den Ausschluss Russlands aus dem SWIFT-System, befürwortete den EU-Beitrittsantrag der Ukraine und sprach sich für das Einfrieren großer Teile russischer Devisenreserven aus. Bis Mai stellte Italien 500 Millionen Euro zur Unterstützung ukrainischer Flüchtlinge und 110 Millionen Euro Finanzhilfe für die ukrainische Regierung bereit und lieferte militärische Ausrüstung. Im Juni reiste Draghi gemeinsam mit Emmanuel Macron und Bundeskanzler Olaf Scholz nach Kiew; dort trafen sie Präsident Wolodymyr Selenskyj.

Im Juli 2022 entzog die Fünf-Sterne-Bewegung der Regierung ihre Unterstützung bei einem Hilfsdekret gegen die Energiekrise. Draghi erklärte am 14. Juli erstmals seinen Rücktritt, doch Mattarella lehnte ihn ab. Als M5S, Lega und Forza Italia am 20. Juli nicht an einer Vertrauensabstimmung teilnahmen, verfehlte die Regierung die absolute Mehrheit. Draghi trat erneut zurück; Mattarella nahm den Rücktritt am