Was passiert eigentlich in unserem Kopf, wenn wir unter Stress stehen? Eine aktuelle Studie, die von Forschenden des ICAN-Instituts an der Medical School Hamburg, darunter Marie-Christin Barthel, Prof. Dr. Susanne Vogel und Prof. Dr. Markus Mühlhan, durchgeführt wurde, wirft ein Licht auf die Rolle von Resilienz in stressigen Situationen. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Psychoneuroendocrinology veröffentlicht worden.
Psychosozialer Stress ist ein nicht zu unterschätzender Gesundheitsfaktor, und Menschen reagieren darauf ganz unterschiedlich. Die Studie definiert Resilienz als die Fähigkeit, in belastenden Momenten handlungsfähig zu bleiben und negative Folgen zu begrenzen. Dabei wird zwischen zwei Arten von Resilienz unterschieden: Trait-Resilienz, also den stabilen Persönlichkeitseigenschaften, und State-Resilienz, die sich auf momentane Anpassungsprozesse bezieht. Insbesondere der Bereich der State-Resilienz war bislang weniger intensiv erforscht.
Vorgehensweise der Studie
Insgesamt 120 gesunde Erwachsene nahmen an der Untersuchung teil. Diese stellten sich einem standardisierten Sozialstresstest, und das gleich zweimal innerhalb einer Woche. Dabei wurden nicht nur körperliche Stressreaktionen wie hormonelle Veränderungen und neuronale Reaktionen erfasst, sondern auch das subjektive Stressempfinden und Langzeitstressmarker durch Haarproben analysiert.
- Zentrale Ergebnisse:
- Höhere Trait-Resilienz korrelierte mit weniger starkem subjektivem Stressempfinden in der ersten Stresssituation.
- Es wurde jedoch kein Zusammenhang zwischen Resilienz und biologischen Stressreaktionen oder deren Gewöhnung bei wiederholter Belastung festgestellt.
- Langfristige Stressmarker und Resilienz standen ebenfalls nicht in Verbindung.
Die Forscher schlussfolgern, dass Resilienz vor allem die subjektive Wahrnehmung und Verarbeitung von Stress beeinflusst, weniger jedoch die biologischen Reaktionen des Körpers. Dies hebt die Komplexität des Zusammenspiels zwischen psychischen und körperlichen Prozessen bei Stress hervor.
Resilienz im Gehirn
Ein ergänzendes Bild zur Resilienz liefert eine Studie von Noriya Watanabe und seinem Team an der Technischen Universität Kochi in Japan. In dieser Untersuchung wurde die Hirnaktivität von über 100 Freiwilligen während eines Stresstests analysiert, und auch hier zeigte sich, dass unterschiedliche Resilienzgrade die Reaktion des Gehirns auf Stress beeinflussen können. Nach einem akuten Stressor kamen signifikante Unterschiede in der Hirnaktivität zum Vorschein.
- Ergebnisse der Studie:
- Weniger resiliente Personen aktivierten das kortikale Salienznetzwerk, welches Bedrohungen erkennt.
- Im Gegensatz dazu zeigten resilientere Personen eine vermehrte Aktivität im kortikalen Default-Mode-Netzwerk, das mit Ruhe und Reflexion verknüpft ist.
- Hochfrequente Beta- und Gamma-Wellen nahmen bei weniger resilienten Personen zu, während sie bei resilienten Probanden abnahmen.
Obwohl körperliche Stresssymptome nach einer Stunde abklingen, zeigen unbewusste Veränderungen im Gehirn, dass die Verarbeitung von Stressereignissen eine entscheidende Rolle für das langfristige Stressmanagement spielt. Diese Erkenntnisse könnten klinisch relevant sein, insbesondere zur Einschätzung des Risikos für Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) und zur Verbesserung der Akutversorgung von Patienten. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Resilienz kann also nicht nur im Alltag, sondern auch im medizinischen Kontext von großem Vorteil sein. Mehr dazu können Sie in der Quelle auf wissenschaft.de nachlesen.