500 Jahre Philipps-Universität Marburg: Vom Reformationsprojekt zum Wissensraum der Zukunft
Die Philipps-Universität Marburg feiert ab Oktober gemeinsam mit der Stadt ihr 500-jähriges Bestehen. Rund 15 Monate lang sind mehr als 300 Veranstaltungen geplant – von Ausstellungen über internationale Konferenzen und Tagungen bis zu weiteren Projekten. Heute, am 30.09.2026, steht der große Festzeitraum unmittelbar bevor; das eigentliche Jubiläumsjahr ist 2027.
Gegründet wurde die Universität 1527 von Landgraf Philipp von Hessen, im Zusammenhang mit der ein Jahr zuvor beschlossenen Reformation in Hessen. Seit fast 500 Jahren prägt sie Marburg und die Region. Das Jubiläum soll deshalb nicht bloß innerhalb der Hochschulmauern stattfinden, sondern gemeinsam mit ehemaligen, aktuellen und künftigen Universitätsmitgliedern, der Marburger Stadtgesellschaft, Freundinnen, Freunden und Fördernden, institutionellen Partnern, der nationalen und internationalen Wissenschaftsgemeinschaft sowie politischen Akteuren gestaltet werden.
Mit dem Fahrrad beginnt das Fest
Der Auftakt ist sportlich: Am 13. Oktober startet in Homberg (Efze) eine Radstaffel mit Studierenden des Collegium Philippinum. Über Treysa geht es nach Marburg. Am 14. Oktober empfängt die Universität die Gruppe in der Stadt, anschließend zieht ein Festzug zum Landgrafenschloss. Dort beginnt am Nachmittag eine Feier für Studierende und Beschäftigte.
Ab dem 15. Oktober zeigt das Landgrafenschloss die Ausstellung „500 Jahre Universität Marburg – was von der Geschichte übrig blieb“. Auch die Stadtgeschichte fährt dabei ein Stück weit mit: Das Collegium Philippinum wurde bereits 1529 gegründet und diente ursprünglich den Stipendiaten der Hessischen Stipendiatenanstalt. Heute steht das Wohnheim im Marburger Schloss allen Studierenden offen und bietet 39 Plätze, darunter sechs Doppelzimmer (Stand 2023).
Universitätspräsident Thomas Nauss versteht das Jubiläum ausdrücklich nicht als Schlussstrich. Es solle nicht den Abschluss einer Entwicklung markieren, sondern die Universität dazu bringen, ihre Geschichte zu erkunden und ihre Rolle in einer sich verändernden Welt zu diskutieren. Gefeiert werde, so Nauss, weil die Hochschule ihre nächsten Entwicklungsschritte beginne. Als verbindendes Element der vergangenen 500 Jahre nennt er die kontinuierliche Beschäftigung mit Wissen, Forschung, Wissensvermittlung und dem Blick auf die Zukunft.
Auch die Jubiläumsplanung ist auf Beteiligung angelegt. Eine Arbeitsgruppe bereitet das Festjahr und das Programm vor. Für den Sommer 2025 war eine Veranstaltung für alle Universitätsmitglieder geplant, bei der die gemeinsame Gestaltung des Jubiläumsjahres im Mittelpunkt stehen sollte. Weitere Informationen zu Planung und Beteiligungsmöglichkeiten sollen folgen. Annika Pamir koordiniert das Festjahr und ist Ansprechpartnerin für Fragen und Anregungen, Lisa Weber für die zentralen Festveranstaltungen. Das Präsidium will über die weiteren Planungsschritte informieren. Der Artikel der Universität ist von Thomas Nauss im Namen des Präsidiums unterzeichnet.
Wissensspuren per Smartphone
Wie Wissen in Marburg entsteht und weiterwandert, zeigt das digitale Projekt „Marburger Wissensräume“. Es macht Orte sichtbar, an denen Wissen geschaffen, vermittelt und diskutiert wurde oder wird. Mit dem Smartphone lassen sich auch historische Schauplätze erkunden, die heute nicht mehr zugänglich sind. Peter Bell leitet das Projekt, Studierende arbeiten daran mit; die technische Plattform stammt vom Marburger Unternehmen Inosoft.
Über die Wissensräume können Interessierte Spuren bedeutender Persönlichkeiten verfolgen, die Geschichte von Frauen an der Universität erkunden und internationale Studierende sowie deren frühere Wohnorte recherchieren. Dazu kommen eine Route zu Emil von Behring und Informationen zum Exzellenzcluster „Microbes for Climate“. Die Universität stellt online Themenvorschläge für die Erkundung bereit.
Marburg soll 2027 stärker als Standort exzellenter Forschung und interdisziplinären Austauschs in den Mittelpunkt der Wissenschaftslandschaft rücken. Bestehende Partnerschaften sollen vertieft, neue Kooperationen und langfristige Netzwerke aufgebaut werden. Zu den Veranstaltungen sind grundsätzlich alle Interessierten eingeladen; bei einzelnen Terminen ist wegen begrenzter Teilnehmerzahlen eine Anmeldung erforderlich. Nauss lädt besonders Menschen ein, die bisher keinen Bezug zur Universität hatten, und beschreibt die Hochschule als offenen, zukunftsorientierten Ort.
Von 1527 bis zum Marburger System
Der Gründungstag war der 30. Mai 1527. Die feierliche Einweihung folgte am 1. Juli durch Kanzler Johann Feige. Zu Beginn lehrten elf Professoren für 88 Studenten. Erster Rektor war der Rechtsprofessor Johannes Eisermann, genannt „Ferrarius Montanus“, der die Universität bereits am 20. Mai 1527 eröffnet hatte. Philipp verlieh ihr 1527 akademische Freiheiten; am 4. Oktober 1541 folgte mit der Dotationsurkunde die wirtschaftliche Selbstständigkeit. 1542 erteilte Kaiser Karl V. das Universitätsprivileg – damit war die Gründung abgeschlossen.
Die ersten Räume lagen in säkularisierten Klosteranlagen der Dominikaner, Franziskaner und Kugelherren. Der Landgraf gewährte weitreichende Privilegien, darunter die Entsendung eines Abgeordneten zum Landtag sowie die Befreiung von Zöllen und Abgaben. 1529 gründete Philipp die Hessische Stipendiatenanstalt zur Förderung begabter Landeskinder. Sie besteht bis heute als Studentenwohnheim und ist unter anderem in Gebäuden des Marburger Schlosses untergebracht.
Ebenfalls 1529 trafen in Marburg Martin Luther, Ulrich Zwingli und Philipp Melanchthon zum Religionsgespräch zusammen. Die theologische Fakultät zog zahlreiche ausländische Studenten an, besonders aus der Schweiz, Dänemark, Schweden, den Niederlanden und Schottland. Zu den zeitweiligen Studenten gehörten Patrick Hamilton und Giordano Bruno.
Der Hochschulbetrieb war allerdings keineswegs immer sesshaft. Englischer Schweiß und Pest führten im 16. und frühen 17. Jahrhundert mehrfach zu Verlegungen. Ausweichorte waren Frankenberg in den Jahren 1530, 1554, 1564, 1575, 1585 und 1611, Grünberg 1541/42 und 1633, Gießen 1633 sowie Kirchhain, Homberg und Gemünden 1597. Das mit der Universität verbundene Pädagogium wich mehrfach nach Wetter aus.
In der Medizin lehrte Johann Dryander bis zu seinem Tod 1560. Eine dauerhafte Neubesetzung gelang 1565 mit Georg Marius, den Landgraf Wilhelm IV. gegen den Willen der Universität berief. 1566 kam mit Victorinus Schönfeldt eine zweite medizinische Professur hinzu. Weitere bedeutende Lehrende waren Johann Lonitzer, Johann Oldendorp, Petrus Nigidius der Ältere und der Jüngere sowie Rudolf Goclenius der Ältere, der von 1580 bis 1628 Philosophie, Logik und Ethik lehrte. 1609 wurde Johannes Hartmann Professor für Chymiatrie; damit entstand der weltweit erste pharmazeutisch-medizinisch ausgerichtete Chemielehrstuhl.
Nach Landgraf Moritz’ Übergang zum Calvinismus 1605 musste auch die Universität das reformierte Bekenntnis übernehmen. Diese konfessionelle Ausrichtung blieb bis 1866 bestehen. Zahlreiche lutherische Professoren wechselten an die 1607 gegründete Universität Gießen. Als Marburg 1624 vorübergehend an Hessen-Darmstadt fiel, wurden Marburg und Gießen von 1625 bis 1649 vereinigt. Danach wurde die Marburger Universität geschlossen. Wilhelm VI. von Hessen-Kassel eröffnete sie am 24. Juni 1653 wieder und verlegte den Universitätsstandort des Landes von Kassel nach Marburg. Es folgten konfessionelle Konflikte und Finanzmangel.
Der Philosoph Christian Wolff lehrte ab 1723 in Marburg, nachdem er aus Halle vertrieben worden war. Trotz Widerstands aus Teilen der theologischen Fakultät blieb er bis 1740. Seit 1999 findet jährlich die Christian-Wolff-Vorlesung statt. Der Siebenjährige Krieg beeinträchtigte die Universität, weil Hessen und Marburg wiederholt Kriegsschauplatz beziehungsweise Festung waren.
1785 besaß die Universität Sitz und Stimme auf Landtagen, eigene Gerichtsbarkeit, Kirchengüter und den Status einer gelehrten Anstalt. Der Landesherr war Rektor, Etats-Minister von Fleckenbühl Kurator, der Senat wählte jährlich einen Prorektor. Dem Senat gehörten der Kanzler, drei Theologen, sechs Juristen, zwei Mediziner und neun Philosophen an. Zusätzlich gab es Lehrkräfte und Bedienstete für Französisch, Englisch, Italienisch, Reiten, Fechten, Tanz, Musik, Mechanik und Zeichnen.
Johann Georg Estor stiftete rund 10.000 Bände für die Bibliothek. Der jährliche Bibliotheksankaufsetat lag bei 150 Gulden, etwa
