Wer vom Rudolphsplatz in die untere Marburger Altstadt schaut, kommt an ihr kaum vorbei: Die Alte Universität prägt das Ortsbild mit Spitzbögen, Giebeln, Maßwerkfenstern und reich verziertem Sandstein. Heute, am 29.10.2026, wirkt das neugotische Gebäude vertraut und monumental zugleich. Es steht am Lahntor, bildet zur Weidenhäuser Brücke einen städtebaulichen Gegenpol zu Schloss und Alter Kanzlei – und soll in den kommenden Jahren umfassend saniert werden.

Die Arbeiten beginnen in Kürze. Nach aktuellem Planungsstand sollen sie bis 2030 abgeschlossen sein. Das Land Hessen stellt dafür rund 13 Millionen Euro bereit. Der größte Teil kommt nicht aus dem regulären Hochschulbauprogramm, sondern aus einem Sonderbudget zum 500-jährigen Bestehen der Philipps-Universität Marburg. Federführend ist der Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen.

Fassaden, Fenster und Dächer

Erneuert wird nun die gesamte Außenhülle: Natursteinfassaden, Fenster und Dächer. Die Bauarbeiten sind in drei Abschnitte geteilt. Am Westflügel werden die Natursteinfassaden und Fenster saniert. Der Dachstuhl dieses Flügels wurde bereits vor einigen Jahren erneuert und neu eingedeckt. Danach folgen Südflügel und Aula mit Fassaden- und Fenstersanierung sowie der Erneuerung und Neueindeckung des Dachstuhls. Am Ostflügel stehen zum Schluss die Arbeiten an Fassaden und Dächern an.

Verwendet wurde überwiegend heller Wehrdaer Sandstein, der sich sichtbar von der dunkleren Altstadt abhebt. Spitzgiebel, Strebepfeiler, Baldachine, Wasserspeier, figürliche Bauplastik und Schlusssteine mit Wappen deutscher Universitätsstädte gliedern die Fassaden. Oben erinnert eine Hundefigur an die Dominikaner – ihr Name wird als „Domini canes“, also „Hunde des Herren“, gedeutet. Die Lage am Lahntor gibt dem Bau eine Wucht, die man auch an einem grauen Marburger Tag nicht übersehen kann.

Die Sanierung kommt nach Restaurierungen im Inneren und einer technischen Modernisierung der Aula. Dort wurden der Parkettboden renoviert, Wandmalereien restauriert und eine moderne Klima- und Lüftungstechnik eingebaut. Sie schützt das Interieur und spart Energie. Die Aula gilt als einer der bedeutendsten Räume der Philipps-Universität und wird für akademische Feiern, Vorträge und Konzerte genutzt.

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27 Meter lang, 14 Meter breit und 8,5 Meter hoch ist der Saal. Über den Köpfen spannt sich eine bemalte, freitragende Holzbalkendecke, entworfen vom Frankfurter Architekten und Glasmaler Alexander Linnemann. Erhalten sind Wandtäfelungen, zwei Kronleuchter, geschnitztes Professorengestühl, Eichenholzgestühl und eine Orgel. Grisaille-Fenster lassen gedämpftes Tageslicht herein. Die Wandmalereien schuf der Düsseldorfer Maler Peter Jansen, auch Johann Peter Theodor Janssen genannt, zwischen 1900 und 1903. Sie zeigen sieben Szenen aus der Geschichte Marburgs und der Universität – darunter Sophie von Brabant, die 1248 Marburger Heinrich dem Kinde huldigen lässt, sowie die Universitätsgründung durch Landgraf Philipp den Großmütigen im Jahr 1527.

Zum Bildprogramm gehören außerdem Szenen von der heiligen Elisabeth bis zum Marburger Religionsgespräch von 1529, Medaillons bedeutender Gelehrter und ein Sagenzyklus über „Otto den Schütz“. Dargestellt waren auch die Hohenzollern-Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III. sowie Philipp der Großmütige. Ein Medaillon zeigt Landgraf Wilhelm VI., der die Universität 1653 neu begründete. Die Alte Aula wurde 1903 eingeweiht, der Innenausbau damals abgeschlossen.

Kloster, Universität, Neubau

Die Geschichte des Ortes beginnt lange vor dem heutigen Universitätsbau. 1291 wurde hier ein Dominikanerkloster gegründet. Landgraf Heinrich I. hatte den Dominikanern ein Grundstück am südöstlichen Stadtrand überlassen; um 1320 war der Chor der Klosterkirche fertig. Das Kloster gehörte zu den drei katholischen Klöstern Marburgs, die Landgraf Philipp bei der Gründung der ersten protestantischen Universität als Lehr- und Studienorte nutzte.

1527 wandelte Philipp der Großmütige das Kloster in die erste protestantische Universität der Welt um. Die Philipps-Universität startete mit elf Professoren und etwa 90 Studierenden, 1541 verlieh Kaiser Karl V. ihr das offizielle Privileg. Im 18. Jahrhundert erlebte sie unter Christian Wolff eine Blütezeit als Zentrum der Aufklärung. Nach der Eingliederung Hessens in Preußen 1866 folgte ein weiterer Aufschwung.

Das übrige Klostergebäude verfiel allerdings zunehmend. 1846 stürzte eine Stützmauer mit Teilen des Küchenbaus ein. Nach der Annexion Kurhessens durch Preußen fehlte der Universität ein repräsentatives Hauptgebäude; 1872/73 wurde deshalb der Neubau beschlossen. Die Klostergebäude wurden 1873 abgebrochen, um Platz für neue Hochschulbauten zu schaffen. Klosterkirche und Sakristei blieben erhalten und wurden in den Neubau integriert.

Die Alte Universität entstand nach Plänen des Universitätsbaumeisters Carl Schäfer in zwei Bauabschnitten. Von 1873 bis 1879 wurde der Westflügel errichtet, mit Seminaren, Auditorien, Verwaltung, Rektorat, Kastellanwohnung und Universitätskarzer. Zwischen 1887 und 1891 folgten Aulatrakt, Senats- und Promotionssaal sowie weitere Hörsäle. Schäfer verband moderne Universitätsfunktionen mit der mittelalterlichen Stadtgestalt, besonders mit Schloss und Elisabethkirche, und integrierte Formen der Marburger Oberstadt.

Der erste Abschnitt wurde vom 28. bis 30. Mai 1879 im Beisein des preußischen Kultusministers Adalbert Falk feierlich eingeweiht. Eine lateinische Bauinschrift am Aufgang zum Rudolphsplatz erinnert an die Universitätsgründung 1527 und an die Fertigstellung des neuen Hörsaalgebäudes 1879. Der zweite Bauabschnitt folgte am 26. Juni 1891.

Zunächst nutzten vor allem Juristen, Theologen und Philologen das Haus. In den 1960er-Jahren wurde es zuletzt umfassender für den Fachbereich Evangelische Theologie umgestaltet: Von 1964 bis 1967 veränderten sich Innenhof und Garten, Dachräume wurden zu Arbeitsräumen ausgebaut, eine neue Erschließung entstand und das historistische Gestühl der Aula wurde entfernt. Der Fachbereich hat dort weiterhin seinen Sitz und seine Bibliothek.

Die Aula war auch Schauplatz universitärer und politischer Geschichte. Franz von Papen hielt dort am 17. Juni 1934 seine Marburger Rede, Gottfried Benn sprach am 21. August 1951 über „Probleme der Lyrik“. Nach 1945 nutzten amerikanische Besatzungstruppen das Gebäude kurzzeitig. Ende der 1980er Jahre musste die Aula-Decke wegen Bauschäden mit Leimbindern gesichert werden; außerdem wurde eine neue Klimaanlage eingebaut.

Karzer, Kirche und Erinnerungsorte

Im Obergeschoss des Westflügels liegt ein museal erhaltener Studentenkarzer. Die Arrestzelle war von 1879 bis 1931 in Betrieb und diente der Vollstreckung universitärer Disziplinarstrafen. Seine Wände sind mit Inschriften und Zeichnungen früherer Insassen bedeckt – ein ziemlich direkter Einblick in studentische Sitten und akademische Disziplin des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Unmittelbar an die Alte Universität schließt die ehemalige Dominikanerkirche an, heute Universitätskirche. Nach der Universitätsgründung wurde sie zeitweise als Kornspeicher genutzt, von 1579 bis 1653 sogar dauerhaft; seit 1658 ist sie wieder als reformierte Universitäts- und Garnisonskirche eingerichtet. Die Kirche besitzt einen Baukern aus dem 14. Jahrhundert, einen großen Chor und ein kleineres Langhaus. Im Inneren finden sich mittelalterliche Wandmalereien ebenso wie ein moderner expressionistischer Orgelprospekt.

Neben der Kirche an der Reitgasse liegt der vom Kinder- und Jugendparlament gestaltete „Leseort“ mit großen Bronzestühlen. Große Bronzebücher zitieren berühmte Kinderbuchautoren und erinnern an die Brüder Grimm, die in Marburg studierten. An der Kirchenfassade leuchtet das Lichtkunstwerk „Sterntaler“ von Doris und Florian Conrad. Eine