Am 25. Oktober spricht Susanne Urban im Gemeindezentrum Heckershausen über jüdische Erfahrungen, Alltagsantisemitismus und Resilienz. Eingeladen wurde die Leiterin der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen (RIAS Hessen) von der Kulturarbeit der Gemeinde Ahnatal. Dass dort bereits Rechtsextremismus beobachtet wurde, macht den Abend auch für den ländlichen Raum relevant.

Urban, die 58 Jahre alt ist, leitet RIAS Hessen seit 2022 und ist Antisemitismusbeauftragte der Universität Marburg. Von dort aus betrachtet sie Entwicklungen, die nicht irgendwo weit weg passieren, sondern in Schulen, Hochschulen, Cafés, Sportstudios und sozialen Netzwerken. Antisemitismus, sagt sie, sei in Deutschland nie verschwunden. Eine „Stunde null“ habe es nicht gegeben, sondern eine gesellschaftliche Kontinuität.

Wenn alte Muster wieder offen sichtbar werden

Antisemitische Begriffe, Bilder und Metaphern seien als kultureller Code jederzeit abrufbar. Um das Jahr 2000 habe Urban bereits eine Verschiebung der Grenzen des Sag- und Zeigbaren beobachtet. Wissenschaftler aus mehreren Ländern warnten damals vor zunehmendem Antisemitismus in Europa und darüber hinaus.

Seit dem Hamas-Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 trete Antisemitismus laut Urban deutlich offener zutage. Im Alltag jüdischer Menschen seien Freundschaften und Bekanntschaften zerbrochen. Unterstützung, Empathie und Solidarität aus der Zivilgesellschaft hätten vielfach gefehlt. Einige jüdische Menschen wechselten deshalb ihr Sportstudio oder Café, andere ihre Hochschule. Manche verließen die Schule und besuchten etwa eine jüdische Schule in Frankfurt. Für Urban ist das ein tiefer Einschnitt in den Alltag.

Soziale Medien wirkten dabei als „Brandbeschleuniger“. Hemmungslos würden antisemitische Kommentare verbreitet, auch gegen jüdische Frauen und gegen Frauen, die sich für Israel aussprechen. Aus den Angriffen könne verbale sexualisierte Gewalt werden. Sie könnten außerdem dazu beitragen, dass Menschen antisemitische Ansichten später auch auf der Straße äußern oder umsetzen.

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Keine Regierungskritik, wenn Juden verschwinden sollen

Kritik an der israelischen Regierung sei legitim, betont Urban – vorausgesetzt, sie erfolge nach denselben Maßstäben wie Kritik an anderen Regierungen. Häufig werde jedoch nicht konkrete Regierungspolitik kritisiert, sondern das Existenzrecht Israels infrage gestellt. Außerdem beobachtet Urban eine Abwehr der Erinnerung an die Shoah.

Aussagen, wonach Israel, Zionisten und damit Juden verschwinden sollten, seien sprachlich bereits Ausdruck radikalen Denkens und keine Regierungskritik mehr. Das ist eine Grenze, die in hitzigen Debatten gern verwischt wird.

Antisemitische Mikroaggressionen beginnen für Urban oft viel kleiner: mit einer Stichelei, einem scheinbar beiläufigen Satz. Jüdische Schüler oder Studierende würden etwa aufgefordert, sich zu politischen Ereignissen zu äußern oder ein Referat über die Shoah zu halten. Damit würden sie herausgehoben und in eine bestimmte Rolle gedrängt. Solchen Situationen seien jüdische Menschen wiederholt und praktisch rund um die Uhr ausgesetzt.

Auf Schulhöfen könne etwa der Satz fallen, ein Jude werde jemandem ohnehin kein Geld leihen. Dahinter steckt das Klischee von Jüdinnen und Juden als geizig oder geldbezogen. Auch „Jetzt ist es doch auch mal gut“ über die Shoah nennt Urban als Beispiel. Für jüdische Menschen ist die Shoah nicht einfach abgeschlossene Vergangenheit: Überlebens- und Verfolgungserfahrungen werden innerhalb von Familien weitergegeben und können schmerzhaft bleiben.

Wissen, widersprechen, Unterstützung zeigen

Urban hält es für wichtig, gerade im ländlichen Raum über Antisemitismus zu sprechen und Wissen darüber zu vermitteln, wie antisemitische Denkmuster über Generationen weitergegeben werden. Mehr Sensibilisierung sei nötig – ebenso wie aktives Eingreifen, wenn antisemitische Äußerungen fallen. Wegzuhören ist im Alltag oft die bequemste Variante. Es hilft nur niemandem.

Wer unsicher ist, ob eine Äußerung, Darstellung oder Schmiererei antisemitisch ist, kann sich an RIAS wenden. Urban empfiehlt außerdem Besuche jüdischer Gemeinden und Jüdischer Kulturtage. Das zeige Interesse und signalisiere jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn Unterstützung, ohne sie ständig zu politischen Stellvertretern zu machen.

Susanne Urban war zuvor unter anderem Geschäftsführerin der SchUM-Städte Speyer, Worms und Mainz. Von 2009 bis 2015 leitete sie den Bereich Forschung und Bildung der Arolsen Archives. Weitere Stationen waren Yad Vashem in Jerusalem und das Jüdische Museum Frankfurt. Urban studierte in Darmstadt und Frankfurt, promovierte in Potsdam und lebt in Marburg.

Für die Universität Marburg ist das Thema damit nicht nur ein Termin außerhalb des Campus. Auch an Hochschulen können jüdische Studierende in politische Rollen gedrängt werden, die sie sich nicht ausgesucht haben. Der Blick auf den 7. Oktober 2023 und seine Folgen gehört deshalb ebenso dazu wie die scheinbar kleine Bemerkung im Seminar, auf dem Schulhof oder im Netz.

Die als Quelle herangezogene PDF-Dokumentation zu antisemitischen Reaktionen in Deutschland auf die Hamas-Massaker in Israel vom 28. November 2023 enthält keine auslesbaren Artikelinhalte, sondern fragmentierte PDF-Daten. Zusätzliche belastbare Aussagen lassen sich daraus nicht ableiten.