Hessen als Filmkulisse: Von Marburgs Ginkgobaum bis zum Frankfurter Bahnhofsviertel
Wer heute, am 3. Oktober 2026, durch Marburg geht, kann sich leicht vorstellen, dass hinter den alten Mauern, den Fachwerkstraßen und den Gartenwegen jederzeit eine Filmcrew auftauchen könnte. Hessen ist längst Drehort für nationale und internationale Produktionen. Viele Schauplätze sind frei zugänglich und lassen sich mit einer Hessenkarte erkunden – auch von der Uni Marburg aus ist der Weg zu einem echten Filmort nicht weit.
Zum 80. Geburtstag des 1946 gegründeten Landes Hessen stellt der Hessische Rundfunk 2026 monatlich Themen aus Geschichte und Gegenwart vor. Eines davon führt mitten hinein ins Kino: vom Gutshof an der Fulda über das Schlosshotel im Taunus bis zum Frankfurter Bahnhofsviertel. HessenFilm & Medien vermittelt dabei Filmschaffende und Locationscouts. Merle Lenz nennt die Scouts entscheidend, wenn ein Drehort wirklich zur Geschichte passen soll. In Marburg arbeitete die Stadt für „Silent Friend“ besonders eng mit dem Filmteam zusammen; gedreht wurde laut Lenz im Einvernehmen mit den Anwohnern.
Vom Ginkgobaum bis zum Gut Kaltenbach
Im Alten Botanischen Garten der Philipps-Universität Marburg entstand „Silent Friend“ (2026). Im Mittelpunkt steht ein Ginkgobaum, zu dem drei Menschen aus unterschiedlichen Epochen Beziehungen entwickeln. Dargestellt wurde der Baum durch drei verschiedene Gewächse. Mit dabei waren unter anderem Léa Seydoux, Tony Leung und Luna Wedler, die für ihre Darstellung den Nachwuchspreis der Filmfestspiele von Venedig 2025 erhielt. Marburg bekam von HessenFilm & Medien das „Filmfreundlichkeitslabel“ und wirbt außerdem mit dem Landgrafenschloss sowie den Fachwerkstraßen als möglichen Drehorten.
Ein ganz anderer Ton schlägt „Servus Papa, See You in Hell“ (2022) an: Das Drama erzählt von der 14-jährigen Jeanne, die in einer Kommune auf einem Bauernhof aufwächst. Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten, der Film war für den Hessischen Filmpreis nominiert. Gedreht wurde unter anderem auf dem Gut Kragenhof bei Kassel, einem Bio-Bauernhof an der Fulda. Dort kann man übernachten, heiraten und Öko-Eier oder Backwaren kaufen – Kino zum Mitnehmen, sozusagen.
Fans der „Ostwind“-Reihe (2013–2021) kennen das Gut Waitzrodt bei Immenhausen als „Gut Kaltenbach“. Die Handlung folgt der Jugendlichen Mika und ihrer Beziehung zum Hengst Ostwind. Weitere Szenen entstanden im Reinhardswald und auf dem Hohen Dörnberg bei Zierenberg. In der Umgebung liegen außerdem die Sababurg und ein Tierpark.
Alsfeld wurde für „Die Wolf-Gäng“ (2020) zum fiktiven Crailsfelden. Der Film handelt vom Vampir Vlad, der an eine Schule für Fabelwesen wechselt. Einige Kulissen sind in einem Alsfelder Escape-Room erhalten geblieben, Stadtführungen zeigen die Drehorte. Bei „Was man von hier aus sehen kann“ (2022) verwandelte sich dagegen nahezu ganz Ulrichstein in eine Filmkulisse: Leerstehende Geschäfte wurden zu Eisdielen, Optikern und Buchläden. Weitere Aufnahmen entstanden am Bahnhof in Bad Nauheim. Die Romanverfilmung erzählt von einem Mädchen in einem Dorf, dessen Großmutter Todesfälle anhand eines Okapi-Traums vorhersehen kann. In Ulrichstein locken außerdem ein Naturbadbiotop und die Burgruine Schlossberg.
Schlösser, Bahnhöfe und ein paar ziemlich berühmte Gesichter
Für „Max und die wilde 7“ (2020) zieht der neunjährige Max mit seiner Mutter in ein Pflegeheim in einem Schloss. Schloss Braunfels und Schloss Büdingen dienten als Drehorte, ebenso für den zweiten Teil. Uschi Glas spielt eine ehemalige Schauspielerin. Braunfels wurde wegen seiner verwinkelten Anlage ausgewählt. Beide Schlösser sind für Besucher zugänglich.
Im Schlosshotel Kronberg im Taunus wurde „Spencer“ (2021) gedreht – nicht im Buckingham Palace. Der Film behandelt die Weihnachtsfeiertage der britischen Königsfamilie im Jahr 1991. Das Gebäude ließ man für Victoria errichten, die deutsche Kaiserinwitwe und Tochter der britischen Königin Victoria. Wer dort übernachten möchte, musste laut Artikel mindestens 275 Euro einplanen.
Schon deutlich früher, im Winter 1985/1986, verwandelte sich das Kloster Eberbach in Eltville für „Der Name der Rose“ (1986) in eine Abtei in Ligurien. Sean Connery spielt den Franziskanermönch William von Baskerville, der eine Mordserie aufklärt. Seit rund 20 Jahren veranstaltet das Kloster jährlich eine Filmvorführung am Originaldrehort.
„Café Europa“ beziehungsweise „G.I. Blues“ (1960) führt zum Wiesbadener und Frankfurter Hauptbahnhof, nach Idstein und zur Seilbahn in Rüdesheim. Elvis Presley spielt einen US-Soldaten, der sich in die Tänzerin Lili verliebt. In Hessen war Presley für die Dreharbeiten allerdings nicht: Er wurde nachträglich in die Szenen eingefügt. Und obwohl Wiesbaden und Bad Nauheim im Film „Priscilla“ (2023) vorkommen, wurde dieser in Kanada gedreht.
Auch der „Tatort“ aus Wiesbaden wechselt gern die Kulisse. Die Folgen mit Felix Murot, gespielt von Ulrich Tukur, arbeiten mit unterschiedlichen Drehkonzepten und Schauplätzen. „Angriff auf Wache 08“ entstand auf einer alten Polizeiwache zwischen Frankfurt und Offenbach, „Murot und das 1000-jährige Reich“ überwiegend im Hessenpark in Neu-Anspach. Das Wiesbadener Kurhaus war 2014 Schauplatz der finalen Schießerei in „Im Schmerz geboren“. In Frankfurt ermitteln inzwischen Maryam Azadi und Hamza Kulina.
Die sechsteilige ARD-Serie „Die Zweiflers“ (2024) erzählt vom Alltag einer jüdischen Familie, ihrem Delikatessenunternehmen und den Reibungen zwischen Tradition, Religion und Moderne. Das Geschäft liegt in der Handlung im Frankfurter Bahnhofsviertel. Viele Innenaufnahmen entstanden in der Apfelweinwirtschaft „Zum Gemalten Haus“ in Sachsenhausen – zwischen Schoppen, Holzvertäfelung und laufender Kamera.
Hessen als Kulisse – und als Filmstandort
Bollywood-Regisseur und Produzent Vinod Kumar Singh hat bereits drei Filme in Heppenheim gedreht. „Love in Heppenheim“ handelt von einem indischen Austauschstudenten, der sich in eine deutsche Studentin verliebt. Fachwerkhäuser, Schlösser und Burgen in Heppenheim und Umgebung liefern die exotischen Bilder.
Das Gangster-Drama „Nur Gott kann mich richten“ (2017) mit Moritz Bleibtreu spielt in Frankfurt und Offenbach. Hauptfigur Ricky wird nach fünf Jahren Haft entlassen und übernimmt einen letzten Auftrag. Die Eröffnungsszene mit einer Schießerei wurde im Opel-Altwerk in Rüsselsheim gedreht. Das ehemalige Industrieareal am Bahnhofsplatz bietet Führungen an.
In Groß-Gerau lagen Schauplätze des Coming-of-Age-Dramas „Blackbird“ (2026), das auf dem gleichnamigen Roman von Matthias Brandt basiert. Die Koproduktion des Hessischen Rundfunks wurde im November und Dezember 2025 gedreht, unter anderem im Freibad, in der Weingartenstraße und im früheren Safariland in Wallerstädten. Weitere Drehorte lagen in Frankfurt und Mühlheim am Main. Premiere feierte der Film in der ARD und in einem Groß-Gerauer Kino.
Dass solche Produktionen überhaupt nach Hessen kommen, ist kein Zufall. Die Landesregierung fördert Film- und Kinokultur sowie die regionale Filmwirtschaft, um Vielfalt und Qualität zu steigern und den Medienstandort weiterzuentwickeln. Zuständig ist die HessenFilm und Medien GmbH. Sie bündelt den gezielten Einsatz der verfügbaren Mittel, stärkt die hessische Filmlandschaft, holt Produktionen ins Land, achtet auf künstlerische und kulturelle Qualität und Vielfalt und soll gute Voraussetzungen für Kreativarbeitsplätze schaffen.
Unterstützt werden große Produktionen ebenso wie künstlerisch anspruchsvolle Filme. Hessische Filme sollen in Multiplex-Kinos, auf nationalen und internationalen Festivals sowie in Programmkinos sichtbar werden; Festivals und Kinos im Land gelten dabei als wichtiger Bestandteil der Filmkultur. HessenFilm versteht sich als Dienstleister der Branche: Sie informiert, bringt Akteure zusammen, fördert Kommunikation, vernetzt und unterstützt Projekte.
Die Film Commission Hessen soll Kreative und Filmschaffende nach Hessen holen. Das Angebot reicht von Naturgebieten und Skylines bis zu Talsperren, Industrieparks, Sportaren
