Die Hochschule Geisenheim bekommt einen neuen Präsidenten: Prof. Dr. Karl H. Mühling hat das Amt übernommen. Bei seiner Amtseinführung und Antrittsvorlesung lobte Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) das weltweit einzigartige Profil der Hochschule. Mühling bringe aus seiner Zeit an der Universität Kiel Erfahrungen in Lehre, Forschung und Wissenschaftsmanagement mit.

Geisenheim liegt im Rheingau, gehört zum Bundesland Hessen und ist öffentlich-rechtlich getragen. Die Hochschule entstand 2013 aus der 1872 gegründeten Forschungsanstalt Geisenheim und dem Rheingauer Fachbereich der Fachhochschule Wiesbaden. Ihr Hochschultyp: eine „Hochschule eigenen Typs“ beziehungsweise eine „Hochschule Neuen Typs“ – also eine Einrichtung, die Merkmale einer klassischen Universität mit denen einer anwendungsorientierten Hochschule verbindet.

Mehr Studierende, mehr Internationalität

Für die kommenden Jahre hat sich Mühling einiges vorgenommen. Geisenheim soll internationaler, interdisziplinärer, forschungsstärker und partnerschaftlicher werden. Die Hochschule verbindet Grundlagenforschung mit praktischen Anwendungen und konzentriert Forschung und Lehre auf Spezialkulturen im Wein- und Gartenbau sowie deren Produktions- und Verarbeitungsbereiche, insbesondere Getränke.

Im Wintersemester 2025/2026 waren 1.334 Studierende eingeschrieben. Die Zahl liegt damit deutlich über den rund 1.200, von denen aktuell ebenfalls berichtet wird, aber noch unter dem früheren Niveau: Vor sechs Jahren studierten mehr als 1.800 Menschen in Geisenheim. Hinzu kommen 84 Doktoranden, 40 Professoren und rund 550 Mitarbeiter. Der Anteil ausländischer Studierender beträgt 13 Prozent.

Wegen der rückläufigen Studierendenzahlen plant Mühling neue Studiengänge sowie zusätzliche und duale Masterangebote, teilweise auf Englisch. Auch ein Bachelorstudium generale hält er für vielversprechend: Die Spezialisierung würde dabei erst im dritten Studienjahr beginnen. In der Erwachsenenbildung sollen kostenpflichtige Angebote ausgebaut werden. Schon jetzt gibt es akademische Weiterbildungen für Fach- und Führungskräfte sowie Quereinsteiger – flexibel und berufsbegleitend.

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International ist die Hochschule bereits gut vernetzt. Seit dem Vorjahr wird Geisenheim als „Europäische Hochschule“ anerkannt. Wissenschaftsminister Gremmels betonte zugleich, dass eine klare Profilbildung im Wettbewerb der Hochschulen wichtig sei. Trotz sinkender Studierendenzahlen sieht er für Geisenheim einen Standortvorteil durch die Lage im Rheingau.

Zwischen Weinflasche und Ernährungssicherheit

Das Themenspektrum reicht von Wein, Obst und Gemüse bis zu Lebensmitteln, Getränken und Landschaftsarchitektur. Dazu kommen Lebensmittellogistik und Lebensmittelmanagement, Lebensmittelsicherheit, Betriebswirtschaft und Vermarktung, Landschaftsbau und Naturschutz. Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind Bestandteil aller Studiengänge und Schwerpunkte der Forschung.

Mühling sieht Geisenheim außerdem in einer besonderen Verantwortung: In Deutschland fehlt es an Gartenbauwissenschaftlern. Die Gartenbauwissenschaften bräuchten aus seiner Sicht einen attraktiveren Namen, damit sich wieder mehr Studienanfänger dafür interessieren. Der neue Markenauftritt der Hochschule lautet bereits „Grow forward“.

Der Hintergrund ist handfest. Deutschlands Selbstversorgungsgrad sank laut Mühling bei Obst auf 15 Prozent und bei Gemüse auf 30 Prozent. Er warnt, dass dadurch besonders die Versorgung mit gesunden Lebensmitteln in Krisen gefährdet sein könne. Der Selbstversorgungsgrad beschreibt, welchen Anteil des gesamten Inlandsverbrauchs die heimische Landwirtschaft decken kann.

Für Deutschland lag dieser Wert bei Nahrungsmitteln in den vergangenen zehn Jahren im Durchschnitt bei rund 85 Prozent. Die Unterschiede zwischen den Erzeugnissen sind allerdings beträchtlich: Obst und Gemüse werden überwiegend importiert, während die Landwirtschaft bei Zucker und Kartoffeln mehr produziert, als im Inland benötigt wird. Beim Fleisch lag der Selbstversorgungsgrad über alle Fleischarten und Teilstücke hinweg bei 120 Prozent. Trotzdem werden Filet oder Kotelett importiert, wenn die heimische Produktion den Bedarf daran nicht deckt; weniger gefragte Stücke wie Füße oder Schwänze werden zu Tierfutter verarbeitet oder ins Ausland exportiert.

Die Werte für 2024 blieben gegenüber dem Vorjahr weitgehend konstant. Beim Gemüse stieg der Selbstversorgungsgrad allerdings deutlich und erreichte mit 40 Prozent erstmals seit der Jahrtausendwende wieder diesen Wert. Beim Honig sank er gegenüber 2023 um fünf Prozentpunkte.

Transferzentrum, Patente und Departments

Gemeinsam mit der Kommune und Unternehmen regt Mühling ein Wissenschaftstransferzentrum in Geisenheim an. Mehr Wissenstransfer soll zusätzliche Unternehmensgründungen und Patente hervorbringen. Dafür will der Präsident mehr Drittmittel einwerben und Stiftungsprofessuren von Unternehmen gewinnen. Später könnte die Hochschule deren Finanzierung übernehmen. Regelmäßige Hochschultagungen sind ebenfalls geplant.

Auch intern steht Veränderung auf der Liste. Mühling fordert eine stärkere Digitalisierung und hält eine Professur für Künstliche Intelligenz für wünschenswert. Die bisherige Struktur mit 19 Instituten stellt er infrage; eine Zusammenlegung zu Departments sei denkbar. Der Ausbau der Doktorandenzahl gehört ebenfalls zu seinen Zielen.

Was auf dem Campus in Geisenheim zwischen Reben, Forschung und Lehrveranstaltungen entsteht, dürfte deshalb nicht nur für Weinbau und Gartenbau interessant sein. Auch an der Uni Mainz wird man beobachten, wie aus einer Hochschule neuen Typs ein noch stärker vernetzter Wissenschaftsstandort wird.