Am Universitätsklinikum Marburg (UKGM) ist heute, am 5. November 2026, ein Computertomografie-System der neuesten Generation vorgestellt worden. Das Gerät trägt den Namen „Naeotom Alpha.Peak“ und stammt von Siemens Healthineers. Es arbeitet mit photonenzählenden Detektoren – einer Technik, die einzelne Röntgenphotonen direkt im Halbleiter misst und nach ihrer Energie sortiert. Klingt nach Physiklabor, passiert aber mitten in der Klinik.

Aus den Messungen entstehen hochauflösende Bilder. Spektrale Auswertungen liefern zusätzlich Informationen über Gewebestrukturen. Vor allem das bewegte Herz und die Herzkranzgefäße lassen sich damit präzise untersuchen. Die Gefäße können dreidimensional dargestellt werden, ohne dass dafür eine invasive Katheteruntersuchung nötig ist. Auch Engstellen und implantierte Stents werden sichtbar, einschließlich eines Einblicks in die Stents.

Herz im schnellen Blick

Die native zeitliche Auflösung des Systems beträgt 66 Millisekunden, die maximale Scangeschwindigkeit 737 Millimeter pro Sekunde. Im Quantum-HD-Modus werden Bildebenen mit einer Auflösung von 0,11 Millimetern dargestellt. Das Dual-Source-Design ermöglicht eine besonders hohe Bildgeschwindigkeit, sodass das schlagende Herz mit wenigen Artefakten aufgenommen werden kann.

Für die Kardiologie bedeutet das mehr als schärfere Bilder. Kleinste Strukturen und Veränderungen an den Herzkranzgefäßen sollen genauer erkannt und bewertet werden können. Die Bildgebung kann dabei helfen festzustellen, welche Veränderungen eine spezifische Therapie erfordern und wie hoch das mittelfristige Herzinfarktrisiko ist. Spektrale Informationen können außerdem Verschattungen durch Verkalkungen reduzieren – ein Vorteil gerade für Patientinnen und Patienten mit hoher Kalziumbelastung.

Das UKGM will mit der Anschaffung invasive Eingriffe reduzieren und Untersuchungen beschleunigen. Die Aufnahmen können zeigen, ob eine Engstelle vorliegt und wie sich ein Stent im Inneren verhält, ohne dass dafür gleich ein Katheter vorgeschoben werden muss. Die Klinik erwartet wegen der hohen Untersuchungsgeschwindigkeit eine größere Untersuchungskapazität und kürzere Wartezeiten.

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Vom Herzen bis zur kindlichen Fraktur

Das Einsatzgebiet endet nicht am Herz. Das System soll auch in der Lungen-, Krebs- und Neurologiediagnostik verwendet werden, außerdem bei Gelenk- und Gefäßuntersuchungen. Kindliche Frakturen und komplexe Fehlbildungen sollen sich mit geringerer Strahlen- und Kontrastmitteldosis untersuchen lassen. Die Klinik weist allerdings darauf hin, dass mögliche Einsparungen bei Strahlen- oder Kontrastmitteldosen vom jeweiligen Untersuchungsprotokoll abhängen.

Technisch ersetzt das Gerät die klassische Szintillationstechnik. Bei ihr werden Röntgenstrahlen zunächst in Licht umgewandelt. Das Naeotom Alpha.Peak zählt die einzelnen Röntgenphotonen dagegen direkt und ordnet sie nach ihrer Energie. Daraus ergeben sich höhere Bildauflösung, geringeres Bildrauschen, eine reduzierte Strahlendosis und eine präzisere Darstellung anatomischer sowie funktioneller Details.

Das Herzzentrum des UKGM, in dem Kardiologie, Herzchirurgie und kardiale Bildgebung zusammenarbeiten, wird durch die Anschaffung erweitert. Das Projekt kostete insgesamt 4,2 Millionen Euro: 3,7 Millionen Euro entfielen auf die Medizintechnik, 0,5 Millionen Euro auf bauliche Anpassungen. Das Land Hessen übernahm im Rahmen der Zukunftsvereinbarung 2023 insgesamt 70 Prozent der Kosten, 30 Prozent finanzierte das UKGM.

Marburg und Frankfurt auf dem Weg zur Präzisionsmedizin

In Europa gibt es laut Klinik etwa 20 photonenzählende CT-Geräte, in Deutschland ungefähr sechs. Das UKGM erwartet deshalb, dass Patientinnen und Patienten aus Hessen und anderen Teilen Deutschlands für spezialisierte Untersuchungen nach Marburg kommen.

Wie sich die Technik in der Herzmedizin nutzen lässt, zeigt auch die Universitätsmedizin Frankfurt. Dort wurde am 23. Juni 2025 ebenfalls ein photonenzählender Computertomograph vom Typ Naeotom Alpha.Peak installiert. Nach abschließenden Prüfungen und Feinjustierungen sollte das Gerät Anfang Juli 2025 in den Patientenbetrieb gehen. Eingesetzt wird es in der Herz-CT-Bildgebung des interdisziplinären „CardioVision-Teams“ im Universitären Herz- und Gefäßzentrum.

In Frankfurt soll die Technologie nicht nur Bilder liefern, sondern Teil eines Zentrums für Präzisionsherzmedizin werden. Dieses soll Risikoanalyse, hochpräzise Diagnostik und individualisierte, digital unterstützte Behandlung kardiovaskulärer Erkrankungen verbinden. Spezielle Bildgebungstechniken und softwaregestützte Anwendungen mit künstlicher Intelligenz kommen zusätzlich zum Einsatz.

Das CardioVision-Team aus spezialisierten Radiologen und CT-Experten der Kardiologie will die Herzpräzisions-Bildgebung gemeinsam wissenschaftlich weiterentwickeln. Gefährliche Veränderungen der Herzgefäße sollen früher erkannt und in personalisierte Präventions- und Behandlungsstrategien überführt werden. Auch individuelle genetische Veranlagungen sollen dabei berücksichtigt werden.

Das kürzlich gegründete Zentrum für Personalisierte Medizin soll genetische Ursachen von Herzerkrankungen identifizieren. Ab 2026 soll außerdem eine speziell ausgestattete Herzkatheter-Abteilung mit Hybrid-OP zur Verfügung stehen. Dort sollen auf Grundlage der personalisierten Diagnostik maßgeschneiderte Therapien umgesetzt werden. Eine digitale „Herz-Datenplattform“ soll Bildgebungs- und Genetikdaten miteinander verknüpfen.

Das neue Photonen-CT in Frankfurt gehört nach Angaben der Universitätsmedizin zu den ersten Geräten der modernsten Baureihe weltweit. Seine Inbetriebnahme gilt dort als weiterer Schritt beim Aufbau des Zentrums für Präzisionsherzmedizin. In Marburg steht derweil ein baugleiches System bereit – für Untersuchungen, bei denen jedes Photon zählt und der nächste Herzschlag nicht erst lange warten soll.