Rhein-Main-Universitäten bündeln Spitzenforschung für den Exzellenzstatus
In Mainz fällt heute der Blick auf einen Antrag, der weit über den Campus hinausreicht: Die Technische Universität Darmstadt, die Goethe-Universität Frankfurt und die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) wollen als Rhein-Main-Universitäten (RMU) gemeinsam Exzellenzuniversität werden. Ihr Antrag trägt den Titel „RMU-EXCITE – Excellent. Collaborative. Transformative.“ und wurde im Rahmen der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern in der Förderlinie „Exzellenzuniversitäten“ eingereicht.
Die drei Hochschulen forschen bereits mit komplementären Profilen in mehr als 30 Verbundprojekten. In den Bereichen DATA, HEALTH, MATTER und SOCIETY bündeln sie ihre Kräfte – bei Fragen, die wissenschaftlich knifflig und gesellschaftlich ziemlich dringend sind. An mehr als zwei Dutzend Sonderforschungsbereichen und Transregios der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sind jeweils zwei oder alle drei RMU-Universitäten maßgeblich beteiligt.
Fünf Clusterinitiativen als Rückenwind
Der Antrag wurde durch einen Erfolg in der Förderlinie „Exzellenzcluster“ möglich: Im Mai 2025 wurden fünf RMU-Clusterinitiativen für eine Förderung ab 2026 bewilligt. Dazu gehört „Reasonable Artificial Intelligence (RAI)“, geleitet von der TU Darmstadt und mit Beteiligung der Goethe-Universität. „The Adaptive Mind (TAM)“ wird von der Justus-Liebig-Universität Gießen geleitet; die TU Darmstadt ist über das Centre for Cognitive Science maßgeblich beteiligt.
Die Exzellenzstrategie soll den Wissenschaftsstandort Deutschland stärken und seine internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessern. DFG und Wissenschaftsrat setzen sie in zwei Förderlinien um: „Exzellenzcluster“ fördern projektbezogen international wettbewerbsfähige Forschungsfelder an Universitäten oder Universitätsverbünden. „Exzellenzuniversitäten“ dienen der dauerhaften Stärkung einzelner Hochschulen oder Verbünde und dem Ausbau ihrer internationalen Spitzenstellung in der Forschung.
Für die zweite Förderlinie braucht es mindestens zwei Exzellenzcluster bei Einzeluniversitäten und drei bei Universitätsverbünden. Erfolgreiche Bewerbungen bringen nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch nationale und internationale Sichtbarkeit. Exzellenzcluster können fachübergreifende Forschungsfelder langfristig bearbeiten, Forschung und Infrastruktur mit außeruniversitären Partnern weiterentwickeln und Universitäten als Forschungs- und Studienorte attraktiver machen.
Mit „RMU-EXCITE“ soll die Allianz zu einem international führenden Zentrum für Spitzenforschung ausgebaut werden. Geplant sind gemeinsame und komplementäre Angebote in Forschung und Lehre, bessere Förderung von Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftlern und Beschäftigten sowie gemeinsame Vorteile bei Infrastruktur und Wissenstransfer. Auch die Region Frankfurt-Rhein-Main soll dadurch als international sichtbares Wissenschaftszentrum stärker ins Rampenlicht rücken.
Vom Sensor für krebskranke Kinder bis zu neuen Eisenverbindungen
Wie breit das gemeinsame Forschungsspektrum ist, zeigt das Projekt „MultiDrug-TDM“. Seit Anfang 2026 entwickeln Forschende der TU Darmstadt und der Goethe-Universität ein intelligentes Sensorsystem für das therapeutische Drug-Monitoring bei krebskranken Kindern. Sieben Fachgebiete der TU bringen Wissen aus Biosensorik, Biophotonik, Nanomaterialien, Mikro- und Nanofluidik, 3D-Druck sowie KI-gestützter Signalverarbeitung und Datenanalyse ein. Dazu kommt die medizinische Expertise der Goethe-Universität in pädiatrischer Onkologie und klinischer Pharmakologie.
Ein multidisziplinäres Team untersucht außerdem, wie natürlich vorkommende menschliche Proteine Therapeutika gezielt zu erkrankten Zellen transportieren können. Die Studie entstand aus den Projekten ProxiTRAPS und ProxiDIRECT des BMBF-geförderten Zukunftsclusters ProxiDRUGS, an dem Wirkstoffforschende aus der RMU-Region beteiligt sind. Die Ergebnisse unterstützen die Ausgründungsinitiative MoProX; gemeinsam mit Merck soll die Anwendung bei der Entwicklung neuer Medikamente vorangebracht werden.
Auch bei der Krebsforschung gibt es eine Verbindung zwischen Darmstadt und Mainz. Forschende der TU Darmstadt und der Universitätsmedizin Mainz untersuchten, wie gut Zellen von Menschen, die im Kindesalter Krebs hatten, strahlenbedingte Erbgutschäden reparieren. Die Ergebnisse zum Reparaturmechanismus liefern Ansatzpunkte, um frühe oder mehrfach auftretende Krebserkrankungen zu erklären.
Im Sonderforschungsbereich „Eisen, neu gedacht!“ („Iron, upgraded!“) hat 2026 unter Leitung der TU Darmstadt die zweite Förderperiode begonnen. Ziel ist, Eisenverbindungen so zu beeinflussen, dass sie seltene, giftige oder kritische Metalle selektiv und vielseitig ersetzen können. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller drei RMU-Universitäten arbeiten daran mit. Die Ergebnisse sollen stärker in die Lehre einfließen und den RMU-Profilbereich MATTER voranbringen.
Deutlich abstrakter geht es im Sonderforschungsbereich/Transregio „GAUS“ („Geometry and Arithmetic of Uniformized Structures“) zu. Mathematikerinnen und Mathematiker erforschen dort geometrische und mathematische Objekte, die weder physisch erfassbar noch vorstellbar sind. Sprecheruniversität ist die Goethe-Universität, beteiligt sind die TU Darmstadt und die Universität Heidelberg; die JGU Mainz ist Partnerin.
KI-Kennzeichnung und weiche Polymergele
Eine Studie der TU Darmstadt mit Beteiligung der Goethe-Universität fragt, wie sich die Kennzeichnung KI-generierter Inhalte auf die menschliche Kreativität auswirkt. Seit dem 2. August 2026 gelten in der EU neue Transparenzpflichten für KI-generierte Inhalte. Während Anbieter technische Verfahren zur Nachverfolgung der Herkunft digitaler Inhalte entwickeln, richtet die Studie den Blick auf die Menschen davor: Verändert ein Hinweis auf KI die Art, wie wir selbst Ideen entwickeln?
Im Verbundprojekt „Adaptive Polymergele mit kontrollierter Netzwerkstruktur“ arbeiten sieben Arbeitsgruppen an sechs Standorten zusammen. Zu den Beteiligten gehören unter anderem die JGU Mainz als Sprecherin und die TU Darmstadt. Untersucht werden weiche Polymergele für mögliche Anwendungen in Kontaktlinsen, antimikrobiellen Beschichtungen und Brennstoffzellenmembranen.
Weitere RMU-Verbindungen reichen in die Afrikaforschung: Alle drei Universitäten kooperieren dort. Die JGU Mainz und die TU Darmstadt arbeiten außerdem am „Digitalen Familiennamenwörterbuch Deutschlands“, einem Langzeitprojekt unter dem Dach der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur zur digitalen Erschließung deutscher Familiennamen.
Hinzu kommen das Graduiertenkolleg „Kontrolle über die Strukturbildung von weicher Materie an und mittels Grenzflächen“ mit TU Darmstadt und JGU Mainz, das Graduiertenkolleg „Organizing Architectures“ unter anderem mit Goethe-Universität und TU Darmstadt sowie das Graduiertenkolleg „Ästhetik der Demokratie“ unter Federführung der Goethe-Universität und mit Beteiligung der TU Darmstadt. Das Forschungszentrum „Normative Ordnungen“ der Goethe-Universität bildet ein Netzwerk zur Entstehung und Veränderung politischer, rechtlicher, religiöser und ökonomischer Ordnungen; die TU Darmstadt ist Partnerin.
Ein Verbund, der langsam gewachsen ist
Die RMU haben ihre Zusammenarbeit in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich ausgebaut. Besonders in den vergangenen drei Jahren wurde der Antrag vorbereitet – abteilungs-, standort- und universitätsübergreifend, mit zahlreichen Mitgliedern aller drei Hochschulen. Die Präsidenten Enrico Schleiff, Tanja Brühl und Georg Krausch sehen in „RMU-EXCITE“ eine Strategie, die auf bisherigen Erfolgen aufbaut und das Potenzial des Verbunds erweitern soll.
Die Allianz will ihre Stärken in Forschung, Lehre und gesellschaftlicher Interaktion nutzen, um die nachhaltige und digitale Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft zu unterstützen, mit Wirtschaft, Gesellschaft und internationalen Partnern zusammenzuarbeiten, neue Forschungsfelder zu erschließen und künftige Führungskräfte auszubilden. Dialog, Teilhabe und die gemeinsame Gestaltung von Wissen sollen dabei Bestandteile wissenschaftlicher Exzellenz sein – also nicht bloß hübsche Wörter im Antrag.
Hessen und Rheinland-Pfalz unterstützen den länderübergreifenden Antrag. Der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Clemens Hoch verwies auf die Verwaltungsvereinbarung zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz als Grundlage für eine dauerhafte Unterstützung der Kooperation. Hessens Wissenschaftsminister Timon Gremmels erklärte, erstmals würden hessische Universitäten um den Titel „Exzellenzuniversität“ und die damit verbundene Förderung konkurrieren. Kooperationen, so Gremmels, bündelten individuelle Stärken und schafften universitätsübergreifende Synergien.
Die drei RMU-Universitäten bringen
