Uniq.loop: Wie aus Textilabfällen individuelle Taschen und ein Upcycling-Unternehmen entstehen
In Mainz-Weisenau entstehen Taschen, die nicht einfach von der Stange kommen. Karen Seeliger-Henkel häkelt sie aus recycelter Baumwolle – einem Abfallprodukt aus der Textilindustrie. Das Garn ist nicht immer in denselben Farben verfügbar. Wenn eine Rolle leer ist, kann der Farbton schon Geschichte sein. Darum wird jede Tasche zum Einzelstück.
Am 4. November 2026, also heute, lässt sich ihre Gründungsgeschichte auch an der Uni Mainz gut erzählen: Aus einer spontanen Idee ist ein kleines Label geworden. Im Mai 2026 machte Seeliger-Henkel aus ihrem Hobby ein Gewerbe und gründete „Uniq.loop“.
Von der passenden Tasche zum eigenen Label
Seeliger-Henkel studierte Betriebswirtschaft an der FH Worms und arbeitete unter anderem im Vertrieb bei Bertelsmann und der Deutschen Post. 2018 gab sie ihren Beruf auf, um sich um ihre Familie zu kümmern. Als ihre beiden Kinder ein Studium an der Mainzer Universität begannen, bekam ihre eigene Kreativität wieder mehr Raum.
Die erste Tasche häkelte sie, weil sie zu einem Outfit einfach keine passende gefunden hatte. Dann zeigten mehrere Menschen Interesse an dem Modell. Also bot sie die Taschen zum Verkauf an – zunächst nebenbei, später als Unternehmen.
Bekannt wurde sie vor allem durch eine gehäkelte Fastnachtstasche in vier Farben. Die Nachfrage danach sei groß gewesen, sagt Seeliger-Henkel. Doch das Material macht die Planung manchmal knifflig: Sie muss vorausplanen, kalkulieren und während der Herstellung gegebenenfalls auf andere Farben ausweichen. Ein bisschen Improvisation gehört offenbar zum Geschäft.
Die Taschen kaufen Kundinnen unterschiedlichen Alters, von jungen Mädchen bis zu älteren Damen. Größe und Farbe können sie auf ihre Kleidung abstimmen. Je nach Größe, Farbwahl und Arbeitsaufwand kosten die Stücke zwischen 40 und 150 Euro. Bei originellen Einzelanfertigungen und sichtbaren Besonderheiten kann die Bereitschaft, mehr zu bezahlen, steigen – gerade weil ein persönlicher oder emotionaler Bezug zum Produkt einen eigenen Wert bekommt.
Upcycling statt Massenware
Was bei „Uniq.loop“ passiert, ist ein Beispiel für Upcycling: Gebrauchte Materialien werden zu neuen, individuellen Produkten verarbeitet. Anders als beim Recycling geht es nicht nur darum, einen Stoff erneut zu verarbeiten. Das alte Material erhält eine neue Funktion und möglichst einen höheren Produktwert, ohne dass dafür viele zusätzliche Ressourcen nötig sind.
Das passt zu einem Markt, der durch Ressourcenknappheit, Klimadiskussion und das wachsende öffentliche Interesse an Nachhaltigkeit Rückenwind bekommt. Der Erdüberlastungstag soll laut einem Überblick zur Geschäftsidee Upcycling verdeutlichen, dass die natürlichen Ressourcen eines Jahres bereits nach wenigen Wochen aufgebraucht sind. In Deutschland liegt die Recyclingquote demnach bei über 60 Prozent, zugleich werden mehr als 30 Prozent der Abfälle verbrannt.
Aus leeren Deospraydosen können Fahrräder entstehen, aus gebrauchten Textilien neue Kleidungsstücke, aus Altholz individuelle Möbel und aus alten Fußbällen Lampen. Solche Produkte erzählen ihre Materialgeschichte sichtbar weiter. Das ist ein Gegenentwurf zu standardisierter Massenware – und jedes Stück kann ein Unikat sein.
Für eine solche Gründung braucht es keine zwingende spezielle formale Ausbildung. Hilfreich sind aber innovative Ideen, kreative Produktentwicklung, anpassungsfähige Strukturen und Kenntnisse der Kreislaufwirtschaft. Wer aus scheinbar nutzlosen Materialien etwas mit Design- oder Funktionsmehrwert macht, muss außerdem seine Materialquellen im Blick behalten. Kontakte und Erfahrungen in der Kreislaufwirtschaft können den Markteintritt erleichtern. Bei potenziell umweltschädlichen Stoffen kann zusätzlich ein Nachweis der Fachkunde nötig sein.
Zwischen Gewerbeamt und Garnrolle
Eine Gewerbeanmeldung ist in der Regel nötig. Im Einzelfall kann eine künstlerisch geprägte Tätigkeit mit entsprechenden Qualifikationen auch als freiberuflich anerkannt werden. Seeliger-Henkel klärte für ihre Gründung unter anderem Fragen mit Berufsgenossenschaft, Handwerkskammer, Finanzamt und Versicherungen. Das dauerte etwa drei Monate.
Unterstützung erhält sie von der Handwerkskammer Rheinhessen, etwa beim Aufbau der Website und bei Social Media. Für Upcycling-Unternehmen gelten dabei ähnliche Grundfragen wie für andere Gründungen: Gibt es genügend Nachfrage? Woher kommen die Materialien, wie verfügbar sind sie, und wie laufen Lieferung, Lagerung und Beschaffung? Hinzu kommen Produktentwicklung, mögliche Stückzahlen, Finanzplanung und die erwartete Ertragslage.
Als Geschäftsmodell sind mehrere Wege denkbar: eine nebenberufliche Tätigkeit als Kleinunternehmerin, die Ergänzung eines bestehenden Geschäfts oder die vollständige Gründung eines spezialisierten Upcycling-Unternehmens. Erfolg versprechen flexible Strukturen, regelmäßig neue Materialquellen, frische Produktideen und Partnerschaften für die Beschaffung. Belastbare Umsatzdaten für die gesamte Branche fehlen zwar noch. Vergleichbare Fair-Trade-Märkte verzeichneten in den vergangenen Jahren aber hohe Wachstumsraten; der Markt ist vielerorts noch wenig erschlossen.
Auch der Vertrieb kann unterschiedlich aussehen: über einen Onlineshop, ein Ladenlokal mit integrierter Werkstatt oder individuelle Kundenaufträge. Suchmaschinenoptimierte Websites sowie Facebook, Twitter und Instagram helfen bei der Kundengewinnung. Wichtig ist, Produkte und ihre speziellen Eigenschaften zu zeigen und Kundenwünsche und Trends aufzunehmen. Konsequente Nachhaltigkeitsmaßnahmen können laut dem herangezogenen Artikel bis zu 10 Prozent mehr Umsatz ermöglichen. Hohe Gewinnmargen sind möglich, wenn die Rohstoffkosten niedrig bleiben, die Produkte hochwertig sind und die Nachfrage trägt. Garantiert ist das freilich nicht.
Für die Branche nennt der Überblick auch eine nüchterne Grenze: Die Verdienstmöglichkeiten lassen sich bislang kaum mit belastbaren Referenzen beziffern. Geld verdienen lässt sich mit Upcycling grundsätzlich, entscheidend bleiben ein überzeugender Produktmehrwert, geringe Materialkosten, ausreichende Nachfrage und eine klare Geschäftsplanung. Im E-Commerce gibt es dafür Spielräume; aus gebrauchten Ressourcen können wiederholt neue Produkte entstehen, ergänzt durch umweltbezogenes Marketing.
Ein kleiner Betrieb in einer großen Textilfrage
Der WWF beschrieb den Stand der Textilwirtschaft am 25.02.2025 als geprägt von Überproduktion, kurzen Nutzungsdauern und niedrigen Recyclingquoten. Weltweit entstehen jährlich rund 92 Millionen Tonnen Textilabfälle. 73 Prozent davon werden deponiert oder verbrannt.
Die Zahlen dahinter sind schwer vorstellbar: Die Textilbranche verbraucht jährlich etwa 215 Billionen Liter Wasser und verursacht schätzungsweise 2 bis 8 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Produziert wird häufig unter sozial ausbeuterischen und menschenrechtswidrigen Bedingungen. Auch Waschen, Nutzung und Entsorgung belasten die Umwelt. Das Waschen synthetischer Textilien wie Polyester verursacht etwa ein Drittel der Meeresverschmutzung durch Mikrofasern.
Die Fast-Fashion-Mentalität produziert große Mengen gebrauchter Kleidung, die in Länder des globalen Südens exportiert werden. Dort reichen die Strukturen häufig nicht aus, um diese Mengen zu verarbeiten. Der WWF will deshalb das lineare Prinzip „take–make–waste“ durch ein Kreislaufsystem ersetzen: Textilien sollen langlebig sein, aus verantwortungsvoll gewonnenen oder recycelten Materialien bestehen, möglichst oft wiederverwendet und bei Bedarf repariert werden. Am Ende ihrer Nutzungsdauer sollten sie recycelt werden – und zwar in allen Wirtschaftssektoren, nicht nur bei Kleidung.
Die Vision reicht über einzelne Taschen hinaus. Eine zirkuläre Textilindustrie soll innerhalb planetarer Grenzen arbeiten, Natur und Klima schützen und regenerieren, das Wohlergehen der Beschäftigten entlang der Lieferkette verbessern sowie neue Einnahmequellen und Arbeitsplätze schaffen. Dafür müsste sich die gesamte Wertschöpfungskette bewegen: Produktion, Konsum, Entsorgung und Wiederverwertung.
Der WWF nennt dafür acht strategische Ansätze: Überproduktion und Überkonsum reduzieren, Rohstoffe zu 100 Prozent nachhaltig beschaffen, Produktionsabfälle vermeiden, Verpackungsabfälle verringern, die Produktlebensdauer verlängern, Rückgabe- und Wiederverwendungsprogramme einführen, Recyclinglösungen für Textilien entwickeln und die Mikrofaser-Verschmutzung bekämpfen. Dazu gehören langlebige Produkte, weniger gefährliche Chemikalien, optimierte Herstellungsprozesse, reparaturfreundliches Design, Second-Hand und Upcycling, innovative Recyclingtechnologien sowie möglichst mechanisches statt chemisches Recycling.
Gefordert sind dabei viele Seiten: Die Politik soll Ökodesign-Vorgaben und eine erweiterte Herstellerverantwortung durchsetzen, Transparenz erhöhen und Kreislaufpraktiken fördern. Produzent:innen können zirkuläre Prozesse verbessern, Kooperationen mit Recyclingunternehmen aufbauen und geschlossene Materialkreisläufe ermöglichen. Unternehmen und Marken sollen zirkuläre Geschäftsmodelle entwickeln, Lieferketten offenlegen
