Minga: Münchens automatisierter Elektrobus testet den Linienbetrieb ohne Fahrer
In München fährt heute, am 3. November 2026, ein Stadtbus ein Stück weit ohne Fahrer. Auf der Linie 178 zwischen Petuelring und Freimanner Hölzl testet die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) gemeinsam mit MAN Truck & Bus und der Stadt München einen automatisierten Elektrobus. Das Forschungsprojekt heißt „Minga“ – und findet nicht im abgeschirmten Labor statt, sondern mitten im öffentlichen Straßenverkehr.
Bei einer Testfahrt am 3. November ging es nach der Freigabe durch den Sicherheitsfahrer automatisch los. Der Bus blinkte selbstständig, bog ab und beschleunigte. Taucht ein Hindernis auf, bremst das Fahrzeug eigenständig, manchmal ziemlich abrupt. Gemütlich zurücklehnen ist deshalb noch nicht angesagt: Höchstens 30 Passagiere dürfen mitfahren, möglichst sitzend.
Ein Bus, viele Sensoren
Beim Fahrzeug handelt es sich um einen regulären, zwölf Meter langen MAN Lion’s City 12 E für den Stadtverkehr. MAN und der Technologiepartner ADASTEC haben ihn automatisiert. Fünf LiDAR-Sensoren, sechs Radarsysteme, acht Kameras und satellitengestützte Positionsbestimmung liefern Daten über die Umgebung. Das Fahrsystem verarbeitet diese Informationen, trifft Fahrentscheidungen und soll durch weitere Fahrten dazulernen.
In den vergangenen Wochen wurden auf der Strecke umfangreiche Streckendaten gesammelt. Unter Überwachung kann der Bus dadurch selbst lenken, beschleunigen, bremsen und blinken. Die Route ist abwechslungsreich: Sie führt über Hauptverkehrsachsen, durch Tempo-30-Zonen und Parkgebiete sowie durch Unterführungen. Bei der MVG gilt der Abschnitt als vergleichsweise einfach, MAN bewertet ihn als anspruchsvoll. An bestimmten Stellen, etwa an einer großen Kreuzung, muss der Sicherheitsfahrer trotzdem kurzfristig übernehmen.
Vor dem Einsatz auf der Straße wurde der Bus auf dem MAN-Gelände erprobt. Dazu kamen technische Prüfungen durch den TÜV und weitere Genehmigungsverfahren. Während jeder Fahrt sitzt geschultes Sicherheitsfahrpersonal an Bord und kann die Fahrzeugführung bei Bedarf übernehmen. 16 Busfahrer haben sich freiwillig gemeldet und absolvieren dafür die notwendige Weiterbildung.
Ab 17. November steigen Testnutzer ein
Seit Anfang September läuft der automatisierte Bus bereits auf der Linie 178 im öffentlichen Verkehr. Nun beginnt die nächste Phase: Ab dem 17. November können Testnutzerinnen und Testnutzer montags bis freitags zwischen Petuelring und Freimanner Hölzl mitfahren. Der Bus wird zusätzlich zur bestehenden Linie 178 eingesetzt und simuliert damit einen späteren regulären Linienbetrieb.
Die Teilnahme findet in einer geschlossenen Nutzergruppe statt. Interessierte können sich unter mvg.de/minga-anmeldung registrieren und werden anschließend per E-Mail informiert. Mehr als 2.000 Voranmeldungen liegen bereits vor. Im Bus gibt es rund 30 Sitzplätze und einen Rollstuhlplatz.
Während der Testphase, die bis Juni 2027 vorgesehen ist, können die Fahrgäste ihre Eindrücke schildern. Freiwillige Befragungen vor und nach den Fahrten erfassen auch das Sicherheitsempfinden; ein Schwerpunkt liegt auf der Barrierefreiheit. Bei ausgewählten Fahrten sind außerdem Beobachtungsstudien und freiwillige Interviews geplant. Die Technische Universität München und die Universität Stuttgart begleiten das Vorhaben wissenschaftlich.
Am Ende geht es nicht bloß darum, ob ein Bus an einer Kreuzung blinkt. MINGA soll Erkenntnisse zur technischen, betrieblichen und gesellschaftlichen Nutzung autonomer Busse liefern – zu Regulierung, Wirtschaftlichkeit, Barrierefreiheit und dem tatsächlichen Betrieb. Das Forschungsvorhaben läuft seit 2023 und vereint 16 Partner aus Verwaltung, Forschung und Wirtschaft. Das Mobilitätsreferat der Stadt München koordiniert das Gesamtprojekt, SWM und MVG kümmern sich um die betriebliche Einbindung ins Münchner Busnetz.
Bis Mitte 2027 wird das Projekt mit rund 13 Millionen Euro vom Bundesministerium für Verkehr gefördert. Prüfen will man auch, ob Busse künftig auf einzelnen Linien ohne Fahrer eingesetzt werden könnten. Als mögliche Vorteile gelten geringere Personalkosten und ein weniger ausfallanfälliger Linienbetrieb. Ob sich diese Rechnung im echten Münchner Verkehr ausgeht, zeigt sich nicht auf dem Reißbrett, sondern zwischen Kreuzungen, parkenden Autos und der nächsten Unterführung.
Vom Testbetrieb in Richtung Regelbetrieb
Der Münchner Versuch passt in eine größere Entwicklung: Die Digitalisierung des Mobilitätssektors in Deutschland schreitet auf allen Ebenen voran. Automatisierung und Vernetzung sollen den Verkehr sicherer, umweltfreundlicher und effizienter machen. Autonome und vernetzte Verkehrsmittel könnten künftig im öffentlichen Verkehr eingesetzt werden – im Straßenverkehr, auf der Schiene und auf Wasserstraßen.
Die Förderrichtlinie „Autonomes und vernetztes Fahren in öffentlichen Verkehren“ unterstützt dafür anwendungsorientierte Forschungsvorhaben zum autonomen und vernetzten Fahren im Straßenverkehr. Auch Schnittstellen zu anderen Verkehrsträgern können berücksichtigt werden. Die geförderten Projekte sollen zu höherer Verkehrssicherheit, effizienterer und emissionsärmerer Mobilität, gesellschaftlicher Teilhabe und mehr Akzeptanz beitragen.
Langfristig sollen automatisierte, autonome und vernetzte Fahrzeuge über die bisherige Erprobungsphase hinaus in den Regelbetrieb gelangen. Vorgesehen ist ein digitales, verkehrsträgerübergreifendes und vernetztes Mobilitätssystem, in dem insbesondere autonome Fahrfunktionen der SAE-Stufe 4 eingesetzt werden. Auf der politischen Wunschliste stehen außerdem neue rechtliche Rahmenbedingungen, innovative Konzepte für eine moderne, leistungsfähige, klimaneutrale, umweltschonende, bedarfsgerechte, verlässliche, barrierefreie und bezahlbare Mobilität sowie technologische Fortschritte und nachhaltige Impulse für Wettbewerbsfähigkeit und Klimaneutralität der Wirtschaft.
Veröffentlicht wurde die Förderrichtlinie am 9. September 2022 im Bundesanzeiger. Projektskizzen werden über separate Förderaufrufe auf den Webseiten des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr (BMDV) und des Projektträgers angefordert. Für die erste Ausschreibungsrunde mussten die Skizzen bis zum 21. Oktober 2022, 23:59 Uhr, eingereicht werden. Derzeit ist kein Förderaufruf geöffnet; der wiedergegebene Förderaufruf dient ausschließlich der Information.
