Patrick Dahlemann zieht sich aus der Politik zurück. Der 38-jährige SPD-Politiker, seit 2021 Chef der Staatskanzlei und enger Vertrauter von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, reagiert damit auf seine Niederlage bei der Landtagswahl im Wahlkreis Ueckermünde.

Dort umfasst der Wahlkreis die Stadt Ueckermünde sowie die Ämter Am Stettiner Haff und Torgelow/Ferdinandshof. Die AfD-Kandidatin Inken Arndt holte 51,1 Prozent der Erststimmen, Dahlemann kam auf 33,8 Prozent. Das Direktmandat ging damit an die AfD. Bei den Landtagswahlen 2016 und 2021 hatte Dahlemann den Wahlkreis noch gewonnen; 2021 erzielte er in Vorpommern das beste Erststimmenergebnis.

„Nicht einfach weitermachen wie bisher“

Seine Amtszeit als Chef der Staatskanzlei endet mit dem Zusammentritt des neuen Landtags. Mit der Neubildung der Landesregierung will Dahlemann auch sein Landtagsmandat niederlegen. Als Demokrat müsse er das Wahlergebnis anerkennen, erklärte er, nach einem solchen Ergebnis könne er aber nicht einfach weitermachen wie bisher.

Vor der Wahl hatte Dahlemann angekündigt, nur über das Direktmandat in den Landtag einziehen zu wollen, nicht über die Landesliste. Möglich wäre der Einzug gewesen: Er stand auf Platz zehn. Nach seinem Rücktritt rückt eine andere Person nach.

Direkt nach dem Ende der Auszählung hatte Dahlemann vor Parteimitgliedern in seinem Wahlkreisbüro in Torgelow gesagt, er wolle zunächst eine Nacht über seine Entscheidung schlafen. Leicht habe er sie sich nicht gemacht. Zugleich blickt er stolz auf das Erreichte für die Region zurück: auf den Bau der Beruflichen Schule in Torgelow, zahlreiche Feuerwehrgerätehäuser sowie die Fertigstellung und Förderung der Pommernkogge „Ucra“.

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Vom jüngsten SPD-Mitglied in die Staatskanzlei

Dahlemann wuchs als Sohn eines Forstarbeiters und einer Sekretärin in Torgelow auf. 2008 legte er am Greifen-Gymnasium in Ueckermünde das Abitur ab. Er studierte von 2008 bis 2014 an der Universität Greifswald Politikwissenschaft und Öffentliches Recht, schloss den vorgesehenen Bachelorstudiengang aber nicht ab. Wegen nicht bestandener Prüfungen drohte ihm 2011/12 und 2014 die Zwangsexmatrikulation; anschließend schrieb er sich an der Fernuniversität Hagen ein.

Das Ende seines Greifswalder Studiums machte er erst im Sommer 2016 öffentlich. Bis dahin korrigierte er entsprechende Angaben auf seiner eigenen Website und der Website des Landtags nicht. Im Juli 2018 erklärte Dahlemann, sein Studium nach insgesamt 20 Semestern ohne Abschluss beendet zu haben. Auch heute passt dieser Bildungsweg zum Ort der Recherche: Die Fernuni Hagen steht als Bezugspunkt im Raum, abgeschlossen hat er dort ebenfalls nicht.

Mit 16 Jahren trat Dahlemann der SPD bei und war zeitweise das jüngste SPD-Mitglied im Landkreis Uecker-Randow. Von 2009 bis 2022 gehörte er der Stadtvertretung Torgelow sowie deren Ausschuss für Soziales, Bildung, Kultur und Sport an. Seit 2009 war er außerdem Mitglied im Kreistag Uecker-Randow und im Jugendhilfeausschuss des Kreises. Von 2011 bis 2021 war er gewähltes Mitglied des Kreistags Vorpommern-Greifswald und erster stellvertretender Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses.

Bei der Landtagswahl 2011 kandidierte Dahlemann als SPD-Direktkandidat im Wahlkreis Uecker-Randow I, verlor das Mandat jedoch an den CDU-Kandidaten. Von Oktober 2011 bis April 2014 arbeitete er als Büroleiter der Landtagsabgeordneten Katharina Feike. Am 9. April 2014 rückte er für den zurückgetretenen Abgeordneten Volker Schlotmann in den Schweriner Landtag nach.

Ein Video aus Torgelow machte ihn bekannt

Deutschlandweite Aufmerksamkeit erhielt Dahlemann im Januar 2014 durch ein selbst geschnittenes YouTube-Video einer Rede bei einer NPD-Wahlkampfveranstaltung am 31. Juli 2013 in Torgelow. Vor NPD-Anhängern und Einwohnern wandte er sich gegen NPD-Parolen und gegen das Schüren von Ängsten vor einem geplanten Asylbewerberheim. Er bot einen offenen Dialog an.

Das kommentierte Video wurde bis zu seiner Löschung rund 180.000-mal aufgerufen und ist inzwischen wieder auf YouTube verfügbar. Sein Engagement gegen Rechtsextremismus gehörte damit früh zu den Themen, mit denen Dahlemann über Vorpommern hinaus wahrgenommen wurde.

2014 rückte er erstmals in den Landtag nach. Bei der Landtagswahl 2016 gewann er für die SPD das Direktmandat im Wahlkreis Vorpommern-Greifswald IV mit 31,0 Prozent der Erststimmen. Die AfD kam auf 29,3 Prozent, die CDU auf 18,5 Prozent. Dahlemanns Mandat war damals eines von nur drei SPD-Direktmandaten in Vorpommern.

Vorpommern als politischer Auftrag

Am 18. Oktober 2016 wurde bekanntgegeben, dass Dahlemann parlamentarischer Staatssekretär für Vorpommern im Kabinett Sellering III werden sollte. Nach Manuela Schwesigs Amtsübernahme blieb er parlamentarischer Staatssekretär. Als Ansprechpartner vor Ort sollte er den Vorwurf einer Vernachlässigung Vorpommerns durch Schwerin entkräften.

Er nahm zahlreiche Vor-Ort-Termine wahr und initiierte den Vorpommern-Fonds. Im April 2018 trat der neu gegründete Vorpommern-Rat in Anklam erstmals zusammen. 2021 übernahm der Landtagsabgeordnete Heiko Miraß seine Funktion.

Bei der Landtagswahl 2021 gewann Dahlemann erneut den Wahlkreis Vorpommern-Greifswald IV für die SPD, diesmal mit 36,8 Prozent der Erststimmen. Das war das beste SPD-Ergebnis in den vorpommerschen Wahlkreisen. Damit zog er in den 8. Landtag Mecklenburg-Vorpommerns ein.

Nach der Bildung des Kabinetts Schwesig II am 15. November 2021 wurde Dahlemann erneut zum parlamentarischen Staatssekretär berufen und innerhalb der Staatskanzlei zum Chef der Staatskanzlei ernannt. Oppositionsparteien kritisierten die Berufung, weil dieser Posten zuvor stets mit einem Beamten besetzt worden war und Dahlemann ihrer Auffassung nach die erforderlichen Voraussetzungen nicht erfüllte.

Dahlemann lebt mit seiner Ehefrau und der im November 2020 geborenen Tochter in Mönkebude. Öffentlich ist von einer fünfjährigen Tochter die Rede. Für seine berufliche Zukunft hat er nach eigenen Angaben noch keinen konkreten Plan. Erst einmal endet eine politische Laufbahn, die in Torgelow begann und ihn bis an die Spitze der Schweriner Staatskanzlei führte.