Im Bucerius Kunst Forum laufen am 30.09.2026 die Fäden eines Themas zusammen, das in den vergangenen Jahren immer wieder aufgerissen wurde: jüdisches Leben, Erinnerung, Israel – und der Antisemitismus, der sich seit dem 7. Oktober 2023 in Deutschland laut, öffentlich und oft hemmungslos zeigt. Anlass für diesen Überblick sind auch die Veranstaltungen aus den „Tipps und Terminen“, die Musik, Literatur, Kunst und politische Debatten nebeneinanderstellen. Ein Kalender, der nicht gemütlich bleibt.

In Berlin erzählt Shelly Kupferberg am Freitag, 2. Oktober, um 19:30 Uhr im Haus des Rundfunks, Masurenallee 8–14, aus ihrem zweiten Roman „Stunden wie Tage“. Begleitet wird das Erzählkonzert von Musik von Franz Schubert, Pjotr Tschaikowsky, Heinz Tiessen, Eugen Engel, Leokadiya Kashperova und Anna Skryleva. Am selben Abend, um 18 Uhr, geht es in Zwickau im Projekt 46, Hauptstraße 46, um „Clowns, Golems und das Feiertags-Gürteltier“ – um die Darstellung jüdischen Lebens in US-amerikanischen Fernsehserien der 1990er-Jahre. Voranmeldung: KommunalePraevention@zwickau.de.

Termine zwischen Konzert und Kontroverse

In Halle stehen am Samstag, 3. Oktober, um 19:30 Uhr Miguel Levin und Ernesto Rodriguez auf dem Jüdischen Kulturschiff MS Goldberg, Schifffahrtsufer 2/Hermann-Oxfort-Promenade. Ihr Programm „Lieder über die Liebe“ verbindet lateinamerikanische Balladen, Boleros und deutsche Chansons. Ein Abend für Stimmen, Gitarren und jene leicht schiefe Melancholie, die bei Liebesliedern eben dazugehört.

Hamburg setzt am Mittwoch, 7. Oktober, um 19 Uhr einen politischen Akzent: Im Stadthaus am Marktplatz sprechen Volker Beck, Mirna Funk und Stephan Grigat über „Modernisierter Judenhass. Über den Zusammenhang von Antizionismus und Antisemitismus“. Zur gleichen Zeit erinnert in Hannover die Veranstaltung „Delyria: Hommage an den 7. Oktober 2022 – Wer ist der Mensch?“ in der Villa Seligmann, Hohenzollernstraße 39, an die Verbindung von Musik, kulturellem Erbe und Gegenwart. Der Komponist Lee Bradshaw entdeckte das Trio Delyria bei der Melbourne International Chamber Music Competition und widmete den drei israelischen Musikern ein Werk, das deren kulturell-religiöses Erbe mit zeitgenössischer Innovation verbindet.

Ebenfalls am 7. Oktober, um 19 Uhr, untersucht der Medienwissenschaftler Tobias Ebbrecht-Hartmann in der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal Dokumente und Bildstrategien. Sein Vortrag „Visuelle Resonanzen: Der Angriff vom 7. Oktober und die Gewalt als Bild“ behandelt den Angriff vom 7. Oktober als live übertragenes Massenverbrechen und die Nutzung moderner Bildmedien zur Kommunikation antisemitischer Botschaften. Anmeldung unter 0202/5632843 oder info@alte-synagoge-wuppertal.de.

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Am Donnerstag, 8. Oktober, um 19 Uhr folgt im Bucerius Kunst Forum, Alter Wall 12, Hamburg, „Ein Frauenleben für die Kunst: Margarete Mauthner“. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Ausstellung „Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland“ statt.

Im Fernsehen fragt Jo Schück am Donnerstag, 1. Oktober, um 20:15 Uhr auf phoenix: „Wohin steuert Israel?“ Israel wählt am 27. Oktober ein neues Parlament; Schück spricht mit Kulturschaffenden über Verzweiflung und Hoffnung auf eine friedliche Zukunft. 3sat zeigt am Sonntag, 4. Oktober, um 11:30 Uhr „Stimme der Demokratie: Der Pianist Igor Levit“, ein Porträt über Levits Engagement gegen Antisemitismus und für Demokratie. Nach dem 7. Oktober 2023 verlor Levit laut Sendungsbeschreibung das Grundvertrauen in die deutsche Gesellschaft. Seine Kritik an fehlender Solidarität mit jüdischen Menschen und der Anstieg des Antisemitismus in Deutschland gehören ebenfalls zum Film.

Am Dienstag, 6. Oktober, um 22:30 Uhr sendet das hr Fernsehen „Le Chaim! Auf das Leben unserer Eltern“. Esther und Yuval Rozenberg, Majer Szanckower und Freunde treffen sich in der Bar Shuka im Frankfurter Bahnhofsviertel. Ihr Motto: „Sie wollten uns töten. Wir haben überlebt. Lasst uns essen.“

Ein Land unter Druck

Nach dem 7. Oktober 2023 wurden in Deutschland zahlreiche antisemitische und israelfeindliche Vorfälle dokumentiert. In Dortmund hing am 10. Oktober an einem als Neonazi-Treff bekannten Haus ein Plakat mit dem Slogan „Der Staat Israel ist unser Unglück“. Die Parole „Israel ist unser Unglück“ hatte die Partei „Die Rechte“ bereits 2019 im Europawahlkampf verwendet. Zwei Tage später wurde in Bremen das Graffito „Für jeden Zionisten 1 Kugel“ entdeckt.

Auf Demonstrationen wurde laut RIAS die Parole „From the River to the Sea, Palestine will be free“ gerufen. RIAS ordnete sie als Forderung nach der Auslöschung Israels und als Legitimierung des Hamas-Angriffs ein. In Berlin und Frankfurt am Main fanden trotz Verbots Demonstrationen mit antisemitischen und israelfeindlichen Parolen statt.

Die Berliner Polizei registrierte bis 17. Oktober 2023 rund 370 Straftaten im Zusammenhang mit dem Hamas-Angriff, darunter 14 anti-palästinensische Straftaten. Die Delikte umfassten Körperverletzung, Landfriedensbruch und Sachbeschädigung; 121 Fälle waren Gewaltdelikte. Bis 20. Oktober stieg die Zahl der in Berlin registrierten Straftaten im Kontext des Nahostkonflikts auf 862. Zwischen 7. Oktober und 21. November 2023 waren es 1.440 Straftaten mit Bezug zum Nahostkonflikt; 82 Prozent wurden als antiisraelisch oder antisemitisch motiviert eingestuft.

Bundesweit wurden für 2023 rund 5.000 antisemitische Straftaten registriert, etwa die Hälfte davon nach dem 7. Oktober. Zwischen 7. Oktober und 9. November meldete RIAS im Durchschnitt täglich 29 antisemitische Vorfälle. Die Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Deborah Hartmann, berichtete, ein mit einem Hakenkreuz versehenes Päckchen an ihre Privatadresse erhalten zu haben. In der Gedenkstätte Sachsenhausen mussten Gästebücher ausgetauscht werden, nachdem dort zahlreiche antisemitische Hassbotschaften hinterlassen worden waren.

Am 2. November 2023 verbot Bundesinnenministerin Nancy Faeser die Hamas und das propalästinensische Netzwerk Samidoun in Deutschland. Das Verbot umfasst auch Aktivitäten in sozialen Medien und auf Internetseiten; jede weitere Betätigung für die Organisationen ist strafbar. Am 14. Dezember wurden in Berlin und Rotterdam vier mutmaßliche Hamas-Mitglieder festgenommen. Sie sollen ein Waffendepot für mögliche Anschläge auf jüdische Einrichtungen in Europa gesucht haben und Verbindungen zu den Qassam-Brigaden unterhalten.

Wie sich die Lage anfühlte, zeigte eine Befragung des Zentralrats der Juden Ende November 2023. Führungskräfte von 98 der 105 jüdischen Gemeinden nahmen teil. 80 Prozent berichteten, dass es seit dem 7. Oktober sichtbar unsicherer geworden sei, als Jude in Deutschland zu leben und sich öffentlich zu zeigen. Ein Drittel der Gemeinden meldete antisemitische Angriffe, darunter Schmierereien, Beleidigungen, Drohanrufe und Drohmails. Besonders betroffen seien jüdische Senioren, Familien mit Kindern und Jugendliche. Mehrere jüdische und israelische Restaurants schlossen laut ZDF im Juni 2024 wegen antisemitischer Bedrohungen.

Berlin: Straßen, Hochschulen, Davidsterne

Am 7. Oktober 2023 feierten mehrere Dutzend Samidoun-Anhänger in Berlin-Neukölln auf der Sonnenallee den Hamas-Angriff und verteilten Baklava. Die Polizei schritt ein; gegen drei Personen wurde wegen „Belohnung und Billigung von Straftaten“ ermittelt. Gegen Unbekannte wurde außerdem wegen Nötigung und Bedrohung eines filmenden Fernsehteams Anzeige erstattet. Die Polizei entfernte arabische Plakate, Abbildungen von Maschinengewehren und palästinensische Flaggen von Hauswänden.

Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel berichtete im Oktober 2023 von