Am 19. Februar 2026 fand die Bucerius IP Lecture mit dem Titel „KI und Intimität – Verändert KI die Struktur unserer Gesellschaft?“ statt. Diese Veranstaltung, moderiert von Prof. Dr. Kristoff Ritlewski, bot Experten aus verschiedenen Disziplinen wie Psychologie, Literaturwissenschaft und Datenschutzrecht eine Plattform, um über die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen zu diskutieren. Zu den Teilnehmern gehörten unter anderem der Autor Ijoma Mangold, Dr. Maxi Nebel von der Universität Kassel und die Doktorandin Lisa Mühl von der Universität Duisburg-Essen. Die Podiumsdiskussion befasste sich mit den Chancen und Herausforderungen, die KI im Bereich der Intimität mit sich bringt.
Ein Schwerpunkt des Gesprächs lag auf der Nutzung von KI-Systemen als „Therapy and Companionship“. Prof. Dr. Linda Kuschel betonte die zunehmende Bedeutung solcher Anwendungen in der modernen Gesellschaft. Ijoma Mangold äußerte Bedenken bezüglich einer potenziellen europäischen Überregulierung von KI, die seiner Meinung nach Innovationen und Chancen gefährden könnte.
Diskussion über emotionale Reaktionen und Risiken
In der Veranstaltung wurde auch deutlich, dass KI-Chatbots bei ihren Nutzern stärkere emotionale Reaktionen hervorrufen können als traditionelle Medien. Lisa Mühl erläuterte, dass romantische Beziehungen zu KI nicht nur auf Bequemlichkeit basieren, sondern auch auf dem Bedürfnis beruhen, tabuisierte Emotionen auszuleben. Mühl stellte Ergebnisse einer Langzeitstudie vor, die mit 73 Personen durchgeführt wurde, die mit ChatGPT interagierten. Die Studie zeigte, dass engere Beziehungen eher zur Standardversion des Chatbots entstanden.
Während die Vorteile von KI in Bezug auf emotionale Unterstützung und Sexualität hervorgehoben wurden, warnten Experten auch vor den möglichen Risiken. Mühl wies darauf hin, dass Nutzer vorsichtig mit der Weitergabe privater Informationen an Chatbots umgehen sollten. Eine klare Kommunikation über die Funktionsweise und die Datenschutzpraktiken dieser Systeme sei notwendig, um den Nutzern zu helfen, informierte Entscheidungen zu treffen.
Regulierung und zukünftige Herausforderungen
Dr. Maxi Nebel sprach über die rechtlichen Herausforderungen im Zusammenhang mit KI-Chatbots als Gefährten, die sie als potenzielle „AI Companions“ bezeichnete. Sie identifizierte sowohl die Vorteile für die sexuelle Selbstbestimmung als auch für die Gesundheitsversorgung, wies jedoch auf ernsthafte Risiken hin, wie Überwachung und Diskriminierung. Nebel kritisierte die bestehende KI-Verordnung der EU und die Datenschutz-Grundverordnung, die in Bezug auf AI Companions nur begrenzt hilfreich sei. Sie schlug vor, dass diese Systeme als Hochrisiko-KI eingestuft werden sollten und dass Anbieter verpflichtet werden sollten, Maßnahmen zur Suizidprävention zu implementieren.
Diese lebhafte Diskussion während der Bucerius IP Lecture hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, die Balance zwischen der Schaffung innovativer technischer Lösungen und dem Schutz individueller Rechte und Freiheiten zu finden. Die Erkenntnisse und Vorschläge der Experten neigen zu einer differenzierten Betrachtung der Rolle von KI in unserem Leben, insbesondere im sensiblen Bereich der zwischenmenschlichen Zuneigung.