In Bucerius ging es in den vergangenen Tagen um eine Frage, die im Redaktionsalltag gern zwischen Eilmeldung, Kaffeetasse und nächstem Termin verschwindet: Wie frei ist die Presse – und was braucht sie, damit das auch so bleibt? Die vierte Hamburger Woche der Pressefreiheit wollte die Arbeit von Medien transparent machen, mit Mythen über Journalismus aufräumen und auf die Bedeutung wie auch die Gefährdungen der Pressefreiheit hinweisen.

Mehr als 80 Veranstaltungen fanden in der Metropolregion Hamburg statt. Initiiert wird die Aktionswoche von der Körber-Stiftung und der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, NDR Info ist Gründungspartner. Britta von der Heide, stellvertretende Chefredakteurin von NDR Info, war bei mehreren Veranstaltungen dabei und zog bei „NDR Info im Dialog“ Bilanz.

Zwischen Faktencheck und Gegenwind

Zum Auftakt diskutierte unter anderem Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales über Desinformation, Fake News und die Herausforderungen durch künstliche Intelligenz. Rund 300 Menschen aus dem Sendegebiet kamen. Danach wollten sie es genau wissen: Wie werden „Brennpunkte“ ausgewählt? Warum dauern Faktenchecks manchmal so lange? Fragen, die nicht im höflichen Veranstaltungsnebel hängen blieben.

Der NDR produzierte außerdem den Podcast „Streitkräfte und Strategien“ live vor Publikum in der Hamburger Bücherhalle. Der Sender zeigte dabei seine Arbeitsweise, beantwortete Fragen und nahm Kritik auf. Gerade Menschen, die dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk kritisch gegenüberstehen, sollten mit den Verantwortlichen ins Gespräch kommen.

Von der Heide erklärte, politische Einflussnahme auf die Berichterstattung finde nicht statt. Der NDR recherchiere und prüfe Fakten; Auswahl und Gestaltung der Berichterstattung erfolgten nach journalistischen Kriterien. Weisungen politischer Amtsträger würden ignoriert.

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Auch im Hamburger Rathaus wurde diskutiert. 400 Schülerinnen und Schüler beschäftigten sich mit Pressefreiheit und den Gefahren von Desinformation. Ihre Botschaft war ziemlich klar: Eine eigene Meinung könne man sich nur auf Grundlage guter Informationen bilden. Gewünscht wurden verständlichere Erklärungen zu Nachrichtenthemen und eine Kommunikation auf Augenhöhe. In NDR-Workshops bekamen die Jugendlichen Einblicke in journalistische Arbeit und sprachen über die Bedeutung der Pressefreiheit.

Nachrichtenkompetenz ist kein Schulfach fürs Abstellgleis

Passend dazu stand die Veranstaltung „Pressefreiheit braucht Nachrichtenkompetenz“ auf dem Programm. Sie fand am Donnerstag, 15. Oktober, von 19:00–20:30 Uhr statt und war offen für alle. Veranstalter waren Journalismus macht Schule und das VOCER Institut für Digitale Resilienz. Im Mittelpunkt standen die digitale Resilienz von Kindern und Jugendlichen sowie der Umgang mit Informationen und Desinformation in der digitalen Öffentlichkeit.

Vorgestellt und diskutiert wurde das Lernbuch „Digitale Resilienz. Wie Eltern und ihre Kinder souveräner im Umgang mit dem Internet werden“. Außerdem ging es um die Verantwortung von Schulen, Eltern, Medien und Politik und um Maßnahmen zur Steigerung der Nachrichtenkompetenz Jugendlicher. Medien- und Nachrichtenkompetenz, künstliche Intelligenz und Desinformation sowie Presse und Demokratie bildeten die Schwerpunkte. Das Format: Vortrag und Podiumsdiskussion.

Auf dem Podium saßen Damla Hekimoğlu, unter anderem tagesschau24, Hanin Kleemann, unter anderem tagesschau together, Bianca Thies, Schulleiterin der Helmuth-Hübener-Stadtteilschule, Chiara Battaglia, rabbit hole/Tagesschau auf YouTube, und Dr. Stephan Weichert vom VOCER Institut für Digitale Resilienz. Moderiert wurde die Veranstaltung von Jörg Sadrozinski.

Ort war der Vortragsraum der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, Von-Melle-Park 3, 20146 Hamburg. Die Anmeldung lief über https://eveeno.com/135885689. Die Aktivitäten von Journalismus macht Schule im Rahmen der Hamburger Woche der Pressefreiheit werden von der Otto Brenner Stiftung gefördert.

Wenn Berichterstattung körperlich wird

Laut Britta von der Heide verschärft sich die Lage der Pressefreiheit weltweit und auch in Deutschland. „Reporter ohne Grenzen“ stufte Deutschland in der Rangliste der Pressefreiheit von Platz 11 auf Platz 14 herab. Zugleich verzeichnet der NDR mehr juristische Angriffe, Drohungen mit Anwaltsschreiben gegen kritische Berichterstattung sowie Einschüchterungen und teilweise körperliche Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten bei öffentlichen oder parteipolitischen Veranstaltungen. Bei manchen Terminen setzt der Sender deshalb Sicherheitskräfte zum Schutz von Reporterinnen und Reportern ein.

Die Zahlen für 2025 erzählen dabei kein schlichtes „Es wird alles schlimmer“. Die erfassten physischen Angriffe auf Journalistinnen in Deutschland gingen von 89 Fällen im Jahr 2024 auf 55 im Jahr 2025 zurück. Reporter ohne Grenzen geht allerdings von einer höheren Dunkelziffer aus; nicht unabhängig überprüfbare Fälle wurden nicht berücksichtigt.

Die 55 dokumentierten Fälle umfassten 46 körperliche Angriffe, drei Sachbeschädigungen an Redaktionsgebäuden und sechs Cyberattacken. Diese sechs Cyberattacken waren laut RSF der höchste dokumentierte Wert seit Beginn des Monitorings 2015. Am Tag der Bundestagswahl war die Website der „taz“ wegen einer DDoS-Attacke zwei Stunden lang nicht erreichbar.

41 körperliche Angriffe ereigneten sich bei Demonstrationen, Parteiveranstaltungen oder Protestaktionen. Häufig waren Tritte und Schläge, auch mit Gegenständen. Dokumentiert wurden außerdem das Umstoßen von Journalistinnen, das Herunterschlagen einer Brille und ein Steinwurf. Bei Recherchen im rechtsextremen Umfeld wurden Journalistinnen laut RSF wiederholt bedrängt, geschubst, bespuckt, körperlich angegriffen oder an ihrer Arbeit gehindert. Auch bei palästina-solidarischen Demonstrationen kam es zu Angriffen auf Medienschaffende.

Während der Aktionswoche wurden Recherchematerialien der Wochenzeitung „Die Zeit“ im Zusammenhang mit einem Podcast über den Block-Prozess beschlagnahmt. Die Autorin wurde aufgefordert, ihr Rohmaterial an die Staatsanwaltschaft herauszugeben. Sie übergab es in einem versiegelten Umschlag, um eine Durchsuchung abzuwenden.

Von der Heide nannte den Vorgang alarmierend, weil der Schutz journalistischer Quellen betroffen sei. Wenn Quellen nicht darauf vertrauten, dass ihre Identität und vertraulichen Informationen geschützt würden, könnten sie sich künftig seltener an Journalistinnen und Journalisten wenden. „Die Zeit“ kündigte rechtliche Schritte an; möglicherweise wird der Durchsuchungsbeschluss für rechtswidrig erklärt. Medien könnten sich rechtlich wehren, betonte von der Heide – konkrete Gefahren für die Pressefreiheit blieben trotzdem bestehen.

Gaza, Exil und die nervöse digitale Öffentlichkeit

Die Berichterstattung über Gaza polarisiert laut RSF die deutsche Medienlandschaft. Medienschaffende berichteten von eingeschränkter Themenauswahl, restriktiven Sprachvorgaben und der Angst vor Antisemitismusvorwürfen. Daraus entstünden psychische Belastungen bis hin zur Selbstzensur. Hinzu kämen redaktionsinterne Konflikte über die Deutungshoheit sowie digitaler Hass und Hetze.

Eine repräsentative Studie der Universität München untersuchte die Wahrnehmung der deutschen Berichterstattung seit dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023. Nur etwa ein Viertel der Befragten hielt die Berichterstattung für ausgewogen. Rund 30 Prozent nahmen eine pro-israelische Voreingenommenheit wahr, neun Prozent eine pro-palästinensische.

Auch Exiljournalistinnen in Deutschland geraten laut RSF wiederholt ins Visier autoritär regierter Herkunftsstaaten. Die Organisation bewertet die Lage afghanischer, russischer, belarussischer und iranischer Journalistinnen als lebensbedrohlich. RSF kritisiert die Bundesregierung wegen der Aussetzung humanitärer Aufnahmeprogramme. Betroffene berichteten von Überwachungs- und Einschüchterungskampagnen, darunter mutmaßliches Phishing, versuchte Übernahmen von Onlinekonten und Beschattung. Mehrere iranische Exiljournalistinnen äußerten Unsicherheit darüber, ob sie tatsächlich überwacht würden. Dieses Nichtwissen kann, ehrlich gesagt, schon für sich eine Form von Druck sein.

Als weitere Gefährdung nennt RSF die politische und mediale Polarisierung. Stabilisieren könnten das Mehrparteiensystem, starke öffentlich-rechtliche Sender und ein vielfältiges Medienangebot. Gleichzeitig nehme die Polarisierung zu, unter anderem durch ein professionelleres und finanziell besser ausgestattetes publizistisches Milieu aus dem rechtspopulistischen und rechtsextremen Spektrum.

US-amerikanische soziale Medien, so RSF, begünstigten mit