Constructor Bremen, 30.10.2026 – Für manche Kinder ist eine Mahlzeit kein gemütlicher Teil des Tages, sondern eine kleine sensorische Großbaustelle. Ein bestimmter Geruch, eine klebrige Konsistenz oder schon die falsche Farbe auf dem Teller kann reichen, damit Essen abgelehnt wird. Bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) tritt selektives Essverhalten laut Studien 15-mal häufiger auf als bei neurotypischen Kindern; mehr als ein Drittel zeigt besondere Verhaltensweisen beim Essen.

Eine Studie von Sofya Bajaa, Doktorandin an der Constructor University Bremen, untersucht deshalb einen neuen Ansatz für Kinder mit schwerem selektivem Essverhalten. Extrem eingeschränkte Speisepläne können zu Nährstoffmängeln, hohem familiärem Stress und Konflikten im Alltag führen. Mit Sturheit oder mangelnder Erziehung hat das meist wenig zu tun. Wahrnehmung, Reizverarbeitung, Körpergefühl und das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit spielen eine zentrale Rolle.

Wenn Chips sicherer sind als Gemüse

Die drei Kinder in B a jaas Untersuchung waren zwischen zwei und sechs Jahre alt. Zu Beginn ernährten sie sich fast ausschließlich von verarbeiteten Lebensmitteln wie Chips und Süßigkeiten. Obst und Gemüse lehnten sie weitgehend ab. Typische Regeln bei selektivem Essen können lauten: nur helle Lebensmittel, Nudeln ohne Soße oder nichts, was sich auf dem Teller berührt.

Bei autistischen Kindern werden Farben, Gerüche, Geschmäcker und Texturen oft besonders intensiv verarbeitet. Auch Temperatur, Kaugeräusche und das Mundgefühl können unangenehm wirken. Bekannte Lebensmittel sehen, riechen und schmecken verlässlich – neue Speisen bringen dagegen Unberechenbarkeit. Manche Kinder reagieren mit starkem Unbehagen, Würgen oder sogar Panik. Andere vermeiden ganze Lebensmittelgruppen oder akzeptieren nur bestimmte Marken, Konsistenzen und Zubereitungsarten.

Die Muster halten oft über Jahre an und können sich ohne Unterstützung verfestigen. Bei neurotypischen Kindern sind Phasen der Wählerischkeit häufig vorübergehend; autistische Kinder zeigen meist intensivere, dauerhaftere und weniger flexible Regeln. Auch Hunger und Sättigung werden mitunter anders wahrgenommen. Mahlzeiten werden vergessen, ausgelassen oder unregelmäßig beendet.

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Forschungsdaten machen die Größenordnung sichtbar: In einer Untersuchung zeigten 70,4 Prozent von 1.462 autistischen Kindern auffälliges Essverhalten, in der Vergleichsgruppe waren es 4,8 Prozent (Mayes & Zickgraf 2019). Eine Meta-Analyse fand eine deutlich erhöhte Wahrscheinlichkeit für Fütter- und Essprobleme, mit einer Odds Ratio von 5,1 (Sharp et al. 2013). Bei 95 Prozent der autistischen Kinder wurden Auffälligkeiten der Reizverarbeitung festgestellt (Tomchek & Dunn 2007).

28 Sitzungen, viele kleine Schritte

Bajaa entwickelte das „Schmetterling Nutritional Behavior Intervention (NBI)“-Programm und testete es über zehn Wochen in drei Familien. Insgesamt umfasste die Intervention 28 Sitzungen. Der Kern: ein Co-Therapeuten-Modell. Eltern wurden parallel zu den professionellen Therapeutinnen und Therapeuten geschult, damit positive Verstärkung und die schrittweise Einführung neuer Lebensmittel auch zu Hause weitergeführt werden konnten.

Zum Programm gehörten Bewegungseinheiten vor den Mahlzeiten, Motivationsvideos mit essenden Tierbabys sowie eine langsame Gewöhnung an neue Texturen und Geschmacksrichtungen. Nach zehn Wochen stieg die Bereitschaft, neue Lebensmittel zu probieren, von 8–15 Prozent auf 76–91 Prozent. Essensbezogene Verhaltensauffälligkeiten gingen um 41–67 Prozent zurück. Alle drei Kinder nahmen gesund an Gewicht zu, und die Fortschritte blieben auch nach Abschluss des Programms bestehen. Im Verlauf der Intervention verbesserten sich außerdem die Gesamtwerte zur Schwere der Autismus-Symptome.

Neurophysiologische Untersuchungen analysierten hirngesteuerte Reaktionen der Kinder während der Beschäftigung mit Lebensmitteln. Sie sollten erklären, welche Mechanismen hinter dem selektiven Essverhalten bei Kindern mit ASS stehen. Auf diesen Erkenntnissen baut das umfassendere „Schmetterling Programm“ auf. Es umfasst neun therapeutische Dimensionen, darunter Hydrotherapie, Reittherapie und Psychodrama. Die Dimensionen sind als aufeinander aufbauendes, sequentielles System angelegt und sollen die kindliche Entwicklung in einem strukturierten Umfeld fördern.

An der Forschung waren unter anderem Prof. Ahmed A. Karim, Prof. Dr. Thomas Lang, Prof. Dr. Ben Godde, Prof. Dr. Martin Hautzinger und Dr. Basel Allozy beteiligt. Das während B a jaas Masterstudium konzipierte Programm wurde an der Constructor University empirisch überprüft und wissenschaftlich weiterentwickelt. Als Quellen werden idw-online.de, die Constructor University und das Journal of Eating Disorders genannt.

Wählerisch oder ARFID?

Nicht jedes selektive Essen ist eine vermeidend-restriktive Ernährungsstörung, kurz ARFID. Gewöhnliches wählerisches Essen tritt besonders im Kleinkind- und Vorschulalter auf, lässt oft nach, umfasst mehrere akzeptierte Lebensmittel und beeinträchtigt Wachstum und Alltag meist nicht wesentlich. Bei ARFID wird die Auswahl dagegen anhaltend oder zunehmend kleiner. Gewicht kann verloren gehen oder ausbleiben, Wachstum und Entwicklung können sich verlangsamen, und manchmal wird Trinknahrung nötig.

ARFID steht für „Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder“ und ist seit 2013 im DSM-5 sowie in der ICD-11 als eigenständige Diagnose aufgeführt. Anders als bei Magersucht stehen nicht Körperbild oder der Wunsch abzunehmen im Vordergrund. ARFID kann auch bei normalem Gewicht oder Übergewicht auftreten. In einer US-Kohorte mit mehr als 5.000 autistischen Kindern wurde bei 21 Prozent ein hohes ARFID-Risiko geschätzt (Koomar et al. 2021).

Drei Muster werden häufig beschrieben: Bei sensorischer Abneigung lösen Textur, Geruch, Farbe, Temperatur oder Konsistenz Ablehnung, Würgereiz oder Panik aus. Nach Würgen, Erbrechen oder Verschlucken kann die Angst vor negativen Folgen bestimmte Lebensmittel dauerhaft aus dem Speiseplan drängen. Beim geringen Interesse am Essen werden Hungerzeichen kaum wahrgenommen oder Mahlzeiten schlicht vergessen. Diese Muster können gleichzeitig auftreten. Eine „sensorische Fütterstörung“ bezeichnet dabei nur ein mögliches Muster und ist kein anderer Name für ARFID.

Gesundheitliche Folgen können Mangelernährung, verlangsamtes Wachstum, Gewichtsverlust, fehlende Gewichtszunahme oder die Abhängigkeit von Nahrungsergänzungsmitteln sein. Mögliche Defizite betreffen Proteine beziehungsweise Eiweiß, Kalzium, Vitamin B12, Zink, Vitamin C, Vitamin D, Vitamin B1 und B2, Phosphor, Selen und Eisen. Kalzium ist besonders relevant, wenn Milchprodukte gemieden werden; Vitamin D wird überwiegend durch Sonnenlicht gebildet und ist für die Knochengesundheit wichtig. Vitamin-B12-Mangel kann wahrscheinlicher sein, wenn fast ausschließlich pflanzliche Lebensmittel wie Nudeln oder Brot gegessen werden.

Die Folgen können Müdigkeit, Entwicklungsverzögerungen, erhöhte Reizbarkeit, Zahnfleischbluten oder bei starkem Vitamin-D-Mangel Knochenveränderungen sein. Eisen, Zink und Vitamin C sind nicht generell häufiger vermindert, können bei sehr einseitiger Ernährung aber im Einzelfall fehlen. Blutkontrollen entscheidet die Kinderarztpraxis individuell; möglich sind unter anderem Untersuchungen von Ferritin, Vitamin B12 und Vitamin D. Nahrungsergänzungsmittel sollten ärztlich abgestimmt werden. Für Vitamin D nennt der Artikel folgende Einordnung: unter 30 nmol/l (12 ng/ml) mangelhaft, 30 bis unter 50 nmol/l (12 bis unter 20 ng/ml) suboptimal, ab 50 nmol/l (20 ng/ml) ausreichend für die Knochengesundheit. Hochdosierte Mittel sollen nicht eigenständig gegeben werden.

Kein Druck am Küchentisch

Wer den Speiseplan erweitern möchte, braucht eher Geduld als große Gesten. Wochen oder Monate sind realistischer als ein paar Tage. Ein neues Lebensmittel darf zunächst einfach auf dem Teller liegen. Anschauen, Riechen oder Berühren können wichtige Zwischenschritte sein; Probieren ist nicht sofort Pflicht. Durch eigenes genussvolles Essen können Erwachsene Vorbild sein, Interesse und kleine Versuche positiv verstärken.

Eine „Lebensmittelleiter“ macht diese Annäherung greifbar: Das Lebensmittel liegt auf dem Tisch, das Kind schaut es an, berührt es, riecht daran, führt es an die Lippen, leckt daran, nimmt einen kleinen Bissen und darf ihn ausspucken, bevor es kaut und schluckt. Zwischen einzelnen Stufen können Wochen oder Monate liegen. Bei hellen Nud