Alicia von Schenk erforscht, wie künstliche Intelligenz menschliches Verhalten und Organisationen verändert
Mit vier Jahren eingeschult, mit 15 das Abitur in der Tasche und die Note 1,0 auf dem Zeugnis: Alicia von Schenk war früh dran. Sehr früh. Am 26. September 1995 in Heidelberg geboren, legte sie 2011 am Kurfürst-Friedrich-Gymnasium als Jahrgangsbeste ihr Abitur ab. Heute, am 24. September 2026, leitet sie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg den Lehrstuhl „Economics of AI and Human Behavior“.
Ihr Weg führte über ein Mathematikstudium in Heidelberg und Frankfurt, parallel zu den Wirtschaftswissenschaften. Nach dem Masterabschluss in Mathematik folgte zusätzlich ein Master in Quantitative Economics an der Graduate School for Economics, Finance, and Management in Frankfurt. Im April 2021 schloss von Schenk mit 25 Jahren ihre Promotion in Volkswirtschaftslehre an der Goethe-Universität Frankfurt mit „summa cum laude“ ab. Ihre Dissertation trägt den Titel „Economics of Organizations and the Impact of Artificial Intelligence“.
Früh berufen, breit aufgestellt
Mit 26 Jahren gehörte sie zu den jüngsten Professorinnen und Professoren Deutschlands, mit 30 Jahren erhielt sie eine Professur auf Lebenszeit. Das durchschnittliche Erstberufungsalter in Deutschland liegt bei fast 44 Jahren. Von Schenk wird deshalb auch als Wunderkind bezeichnet – eine Zuschreibung, mit der sie sich unter anderem deshalb beschäftigt, weil sie verstehen möchte, wie dieser frühe Erfolg möglich wurde.
Seit dem 1. September 2022 ist sie Juniorprofessorin für „Applied Microeconomics, esp. Human-Machine Interaction“ an der Universität Würzburg. Die Würzburger Professur ist eine W1-Stelle mit Tenure Track auf W3. Weitere Rufe, unter anderem von der SKEMA Business School Paris und der EBS Universität für Wirtschaft und Recht, lehnte sie ab. Vor ihrem Wechsel nach Würzburg arbeitete sie als Postdoktorandin am Max-Planck-Institut in Berlin im Forschungsbereich „Mensch und Maschine“.
Der Würzburger Lehrstuhl gehört zu den wenigen in Deutschland, die sich ausdrücklich mit den ökonomischen und verhaltensbezogenen Folgen künstlicher Intelligenz beschäftigen. Ihre Forschungsschwerpunkte reichen von ökonomischen und ethischen Aspekten künstlicher Intelligenz über Organisations- und Verhaltensökonomik bis zur Interaktion zwischen Menschen und Maschinen. Verankert sieht sie ihre Arbeit im Schwerpunkt „Digitale Transformation“ der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät.
„Die eine KI“ gibt es nicht
Bei aller Aufregung rund um den KI-Boom bremst von Schenk die großen Sammelbegriffe. Trotz des Hypes gebe es nicht „die eine KI“. Künstliche Intelligenz sei ein Sammelbegriff für unterschiedliche Technologien: für einfache statistische Werkzeuge ebenso wie für große generative Sprachmodelle wie ChatGPT und komplexe neuronale Netze des maschinellen Lernens. Die gemeinsame Bezeichnung „KI“ sei deshalb zu undifferenziert.
In Würzburg kaufte von Schenk eine Wohnung am Nikolausberg. Sie lebt dort und beschreibt die Stadt als Verbindung eines jungen, lebendigen Umfelds mit einer traditionellen Universität und Bauwerken wie Festung und Residenz. Die Fakultät habe sie herzlich und hilfsbereit aufgenommen. Klingt angenehm – gerade wenn der eigene Kalender vermutlich selten leer bleibt.
Während ihrer Promotion gründete sie die brAIn-cloud AI GmbH, um quantitative Methoden der Informationsverarbeitung durch künstliche Intelligenz praktisch zu erproben. Das Unternehmen entwickelt mithilfe intelligenter Textverarbeitung KI-basierte Netzwerke: für den Aufbau neuer Geschäftsbeziehungen, für die Zusammenarbeit über Hierarchien und Fachdisziplinen hinweg sowie für Anwendungen in Wissenschaft und Unternehmen.
Forschung zwischen Organisation und Verhalten
Auf ihrer Forschungsliste stehen unter anderem die Akzeptanz algorithmisch geführter Institutionen und die Frage, wie Endnutzer an der Gestaltung algorithmischer Systeme beteiligt werden können. Ebenso geht es um die Auswirkungen von People Analytics auf die Zufriedenheit von Beschäftigten, um personalisiertes und gezielteres Management sowie um Veränderungen sozialer Präferenzen durch Big Data.
Weitere geplante Themen sind die hierarchische Selbstorganisation von Gruppen und der Einfluss von Kommunikation auf motivierte beziehungsweise eigennützige verzerrte Überzeugungen. Das klingt sperrig, berührt aber ziemlich alltägliche Situationen: Wer entscheidet? Wem wird geglaubt? Und was passiert, wenn ein System Menschen sortiert, bewertet oder Empfehlungen für sie ausspricht?
In der Lehre möchte von Schenk angewandte Mikroökonomik, insbesondere Verhaltensökonomik, vermitteln. Dazu kommen Organisationsökonomik und ihre Verbindung mit neuen Technologien. Ihr Seminar „Topics on Economics and Ethics of Artificial Intelligence“ behandelt die ökonomischen und ethischen Aspekte künstlicher Intelligenz und der Digitalisierung. Von den Studierenden wünscht sie sich Offenheit für innovative und aktuelle Forschungsthemen sowie Interesse am Erlernen neuer methodischer Ansätze.
Wenn Maschinen mitentscheiden
Wie weit solche Fragen reichen, zeigt der Deutsche Ethikrat in seiner Stellungnahme „Mensch und Maschine – Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz“, die am 20. März 2023 veröffentlicht wurde. Untersucht wird, wie digitale Technologien und insbesondere KI das menschliche Selbstverständnis und das gesellschaftliche Miteinander beeinflussen.
Ausgangspunkt ist eine philosophische Betrachtung der Begriffe Intelligenz, Vernunft, Handeln und Verantwortung. Die Stellungnahme analysiert die Wechselwirkungen zwischen Menschen und Technik sowie die gesellschaftlichen Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung des Lebens.
Im Zentrum steht die ethische Frage, ob KI menschliche Autorschaft erweitert oder vermindert – und ob sie die Voraussetzungen für verantwortliches Handeln verbessert oder beeinträchtigt. Der Ethikrat betrachtet das anhand von vier Bereichen: Medizin, schulische Bildung, öffentliche Kommunikation und Meinungsbildung sowie öffentliche Verwaltung.
Zur Stellungnahme stehen eine Kurzfassung und eine englische Fassung mit Empfehlungen unter dem Titel „Humans and Machines – Challenges of Artificial Intelligence“ zum Download bereit. Zusätzlich gibt es eine Illustration und einen Flyer zur Stellungnahme.
