Heute, am 14.10.2026, eröffnet die Charité in Berlin das Forschungszentrum Berlin Center for HIV Cure, kurz BeCURE. Der Ort passt: Das Zentrum entsteht im Gebäude „Der Simulierte Mensch“ (Si-M) auf dem Charité-Campus Virchow in Berlin-Wedding. Betrieben wird das Gebäude von der Charité und der Technischen Universität Berlin. Es bildet menschliche Biologie nach – von molekularen Prozessen bis hin zu Geweben und Organfunktionen.

Das Ziel ist groß: Menschen mit HIV sollen geheilt werden können oder die Infektion dauerhaft ohne lebenslange Medikamente kontrollieren. HIV steht für „Humanes Immunschwäche-Virus“. Das Virus greift das Immunsystem an und kann unbehandelt im fortgeschrittenen Stadium Aids verursachen. Weltweit leben laut Deutscher Aids-Stiftung rund 41 Millionen Menschen mit HIV, in Deutschland registrierte das Robert Koch-Institut 2024 etwa 2.300 Neuinfektionen.

Warum Heilung so schwierig bleibt

HIV ist seit Jahren gut behandelbar. Meist nehmen Betroffene täglich und lebenslang mehrere antiretrovirale Medikamente ein, die die Virusvermehrung unterdrücken. Vor rund 40 Jahren war eine HIV-Infektion meist lebensbedrohlich, 1996 wurde die Kombinationstherapie eingeführt. Moderne antiretrovirale Therapie, kurz ART, ermöglicht heute in der Regel eine nahezu normale Lebenserwartung. Wird das Virus erfolgreich unterdrückt, wird HIV sexuell nicht übertragen – „U = U“, und das ist für viele Menschen ein wichtiger Unterschied im Alltag.

Ganz verschwunden ist das Virus dadurch aber nicht. HIV integriert sein Erbgut kurz nach der Infektion in langlebige Immunzellen. Diese können jahrelang oder jahrzehntelang ruhen und bleiben für das Immunsystem weitgehend unsichtbar. ART stoppt die Vermehrung, beseitigt die ruhenden infizierten Zellen jedoch nicht. Wird die Therapie abgesetzt, ist HIV meist innerhalb von Tagen bis Wochen wieder nachweisbar. Schätzungsweise trägt etwa eine von einer Million ruhenden Abwehrzellen vermehrungsfähiges HIV – wenig klingt anders, aber diese geringe Zahl kann für einen erneuten Ausbruch reichen.

Eine Heilung kann dabei zweierlei bedeuten: Bei einer sterilen Heilung oder Eradikation wäre das Virus vollständig aus dem Körper entfernt. Bei einer funktionellen Heilung, auch Remission genannt, bliebe HIV möglicherweise im Körper, würde aber dauerhaft ohne Medikamente kontrolliert. Die meisten Forschungsansätze zielen derzeit auf diese Remission.

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Heilungen sind bislang selten. 2007 gelang der Charité weltweit erstmals die Heilung eines HIV-Patienten. Der US-Amerikaner Timothy Ray Brown, seit 1995 HIV-positiv, erhielt wegen einer Leukämie eine Stammzelltransplantation. Seine Spenderin trug eine genetische Mutation, die Resistenz gegen HIV vermittelt. Brown setzte seine Medikamente ab, anschließend war keine Viruslast mehr nachweisbar. 2020 starb er an den Folgen der Leukämie, ohne dass die HIV-Infektion zurückgekehrt war.

Jahre später heilte die Charité einen zweiten HIV-Patienten dauerhaft. Auch er hatte Leukämie und bekam eine Stammzelltransplantation. 2018 beendete er seine medikamentöse Therapie; seither ist bei ihm kein HI-Virus mehr nachweisbar. Weltweit sind bislang 13 Fälle bekannt, in denen Menschen von HIV geheilt wurden.

Bei frühen Fällen trugen die Spender*innen häufig die seltene CCR5-Δ32-Mutation, die viele HIV-Varianten daran hindert, in Immunzellen einzudringen. Beim „zweiten Berliner Patienten“ lag die Mutation allerdings nur auf einer Genkopie vor, beim „Genfer Patienten“ fehlte sie vollständig. Vermutlich spielen mehrere Faktoren zusammen – darunter das neue Immunsystem aus den Spenderzellen.

Für Menschen ohne gleichzeitig bestehende Krebserkrankung ist eine Stammzelltransplantation wegen ihrer Risiken nicht vertretbar, erklärt Christian Gaebler, Leiter des BeCURE. Die Behandlung wird nur eingesetzt, wenn ohnehin eine lebensbedrohliche Blutkrebserkrankung behandelt werden muss. Das prozedurbedingte Sterberisiko liegt je nach Ausgangslage, Alter und Verfahren im zweistelligen Prozentbereich; ältere Statistiken nennen teilweise mehr als 30 Prozent. Als HIV-Therapie allein wäre das keine vernünftige Option.

Forschung mit der Community

Das BeCURE verbindet Grundlagenforschung und klinische Forschung. Auf molekularer Ebene untersuchen die Forschenden, wie Viren trotz wirksamer Therapie im Körper verbleiben und wie sie für eine Remission oder Heilung beseitigt werden können. Neue Therapien sollen anschließend in klinischen Studien erprobt werden – mit Blick auf Sicherheit und Wirksamkeit.

Untersucht werden unter anderem Antikörper- und Immuntherapien sowie Gen- und Zelltherapien. Betroffene und Mitglieder der Berliner HIV-Community werden in die Gestaltung der Forschungsarbeit einbezogen. Am BeCURE gehört dazu auch die Sozial- und Verhaltenswissenschaft: Welche Maßnahmen akzeptieren Studienteilnehmende? Welche Risiken sind sie bereit einzugehen? Und wie lassen sich Studien in die reguläre Versorgung integrieren?

Die Communities sollen dabei als gleichberechtigte Partner mitarbeiten, Forschungsprioritäten mit festlegen, Vertrauen stärken und die Verantwortung gegenüber betroffenen Menschen sichern. Laut Gaebler gibt es in der HIV-Community großes Interesse an einer Heilung. Therapien müssten aber akzeptabel sein und bei Aufwand und Nebenwirkungen im vertretbaren Rahmen bleiben. Eine einmalig verabreichte Immuntherapie mit Antikörpern klingt deshalb zunächst ziemlich attraktiv. Derzeit wird dieser Ansatz noch in Studien untersucht; bei 10 bis 20 Prozent der Probanden ermöglicht er bereits den Verzicht auf eine antiretrovirale Therapie. Ein Forschungsziel des Zentrums ist, diesen Anteil zu erhöhen.

Die HIV-Forschung könnte außerdem Erkenntnisse für andere chronische Virusinfektionen liefern. Das BeCURE plant deshalb unter anderem Forschungsprojekte zu Hepatitis B.

Vom Genschere-Ansatz bis zur Antikörperspritze

Die Forschungslandschaft ist breit – und ein wenig unübersichtlich, wenn man sich durch die vielen Begriffe arbeitet. Bei der Therapieintensivierung sollen zusätzliche Medikamente jede neue Infektion verhindern, sodass das Reservoir langsam abstirbt. Wegen der langen Lebensdauer der betroffenen Zellen könnte das Jahrzehnte dauern. Sinnvoll wäre dieser Ansatz allenfalls für sehr früh behandelte Menschen mit kleinem Reservoir.

Ein anderer Weg ist die CCR5-Ausschaltung. Eigene Stammzellen sollen etwa mit CRISPR so verändert werden, dass sie kein CCR5 mehr bilden. Erste Studien laufen, allerdings ist meist eine belastende Konditionierung beziehungsweise Chemotherapie nötig.

Genscheren könnten das integrierte HIV-Erbgut aus infizierten Zellen herausschneiden oder dauerhaft stilllegen. CRISPR/Cas kann jedoch unbeabsichtigte DNA-Schnitte an falschen Stellen verursachen. Für die Brec1-Rekombinase zeigen vorklinische Untersuchungen der Entwicklergruppe ein günstiges Sicherheitsprofil; am Menschen wurde sie noch nicht angewendet. In einer ersten Studie mit EBT-101 traten keine schweren Nebenwirkungen auf, ein Virusanstieg nach dem Absetzen der ART wurde aber nicht verhindert.

Beim Ansatz „Shock & Kill“ werden ruhende Zellen aktiviert, damit Virus und Zellen durch ART und Immunabwehr angegriffen werden können. Frühere Verfahren waren teils zu giftig oder zu schwach. Eine starke Immunaktivierung kann sepsisähnliche Reaktionen auslösen. „Block & Lock“ verfolgt die Gegenrichtung: HIV soll dauerhaft in einem inaktiven Zustand gehalten werden. Tierversuche waren vielversprechend, ein Wirkstoff für klinische Studien am Menschen existiert bislang nicht.

Therapeutische Impfungen sollen das Immunsystem dazu befähigen, HIV eigenständig zu kontrollieren. Ein überzeugender Wirksamkeitsnachweis fehlt noch; neue Konzepte setzen unter anderem auf mRNA oder CD8-Zellen. Bei CAR-T-Zellen werden T-Zellen mit zusätzlichen Rezeptoren ausgestattet, um infizierte Zellen zu erkennen und zu zerstören. DuoCAR-T-Zellen tragen zwei Rezeptoren und sollen es dem Virus erschweren, durch Mutationen zu entkommen. Erste Ergebnisse zeigten keine schweren Nebenwirkungen, bei einzelnen früh behandelten Personen hielt die Viruskontrolle nach dem Absetzen der ART länger an. Ohne belastende Konditionierung können sich die Zellen allerdings nicht ausreichend etablieren – das Verfahren ist aufwändig und teuer.

Zu den aussichtsreichsten Ansätzen gehören derzeit breit neutralisierende Antikörper, kurz bnABs. Sie erkennen und neutralisieren viele HIV-Varianten und können als Infusion oder Spritze verabreicht werden. Eine Konditionierung ist nicht nötig, die Herstellung bleibt jedoch technisch anspruchsvoll und teuer. In den Studien RIO und FRESH blieb ein erheblicher Teil der Teilnehmenden nach der Antikörpergabe mehrere