Am 25. September 2026 ging es bei radio3 um die Berliner Wahlergebnisse vom vergangenen Sonntag – und um die Frage, was soziale Netzwerke mit politischer Erregung zu tun haben. In Berlin ist das öffentliche Erregungsniveau seit der Wahl auf allen Seiten hoch. Kein Wunder: 25,7 Prozent stimmten für Die Linke, 16,3 Prozent für die AfD. Zusammen kamen Parteien an den politischen Rändern damit auf 42 Prozent.

Der Beitrag entstand im Gespräch von Moderator Massimo Maio mit dem Potsdamer Soziologieprofessor Roland Verwiebe. Ein Teil der Polarisierung, so die dortige Einordnung, hängt mit sozialen Medien zusammen. Deren Algorithmen sortieren Inhalte nicht neutral nebeneinander, sondern erzeugen Filterblasen. Der sichtbare Meinungskorridor wird enger – und manchmal merkt man das erst, wenn plötzlich alle im eigenen Feed dasselbe zu denken scheinen.

Ein Wahlergebnis mit vielen offenen Türen

Bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl 2026 gewann Die Linke laut vorläufigem Ergebnis deutlich vor der CDU. Die AfD legte zu, während die Grünen zurückfielen. Für die SPD war es das schlechteste Berlin-Ergebnis seit der Wiedervereinigung. BSW und FDP verfehlten die Fünf-Prozent-Hürde.

Wer sich durch die Ergebnisse klickt, kann in einer interaktiven Wahlkarte nachsehen: dargestellt werden die Resultate aus rund 1.600 Wahlbezirken und 78 Wahlkreisen, jeweils aus Brief- und Urnenwahl. Standardmäßig ist die Zweitstimme ausgewählt – sie ist für die Sitzverteilung maßgeblich. Die Erststimme zeigt, welche Direktkandidierenden in den Wahlkreisen erfolgreich waren.

Die künftige Regierungsbildung ist trotzdem noch offen. Berlin bekommt eine neue Regierende Bürgermeisterin oder einen neuen Regierenden Bürgermeister. Als mögliche Regierungschefin wird die Linken-Wahlsiegerin Elif Eralp genannt. Amtsinhaber Kai Wegner (CDU) hatte am 10. Juli, 72 Tage vor der Wahl, auf die Spitzenkandidatur verzichtet. Der neue CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers wurde Zweiter hinter der Linken.

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Als Regierungsoption steht ein Dreierbündnis aus Linken oder CDU, SPD und Grünen im Raum. Ein Mehrheiten-Check stellt die Sitzverhältnisse im neuen Abgeordnetenhaus dar. Von 847 Kandidierenden zogen Abgeordnete ins Berliner Parlament ein. Eine von Infratest dimap ermittelte Wählerwanderungsanalyse vergleicht außerdem geschätzte Wechselbewegungen zwischen der vorherigen und der aktuellen Wahl.

Innenstadt, Außenbezirke – und die Frage nach dem Feed

Berlin wählt politisch stärker nach Innenstadt und Außenbezirken getrennt als nach Ost und West. Bei der Wiederholungswahl 2023 erreichten die Grünen innerhalb des S-Bahn-Rings 30,6 Prozent, außerhalb waren es 14 Prozent. Die CDU kam außerhalb des Rings auf 32,3 Prozent, innerhalb auf 17,6 Prozent.

2026 wurde Die Linke innerhalb des Rings stärkste Kraft; dort unterstützte etwa ein gutes Drittel der Wählenden eine linke Bürgermeisterin. Auch in den Außenbezirken lag Die Linke vorn, allerdings mit geringerem Abstand. Richtung östlicher Stadtgrenze nahm die Zustimmung zur AfD zu, in westlichen Außenbezirken war die CDU stärker.

Parallel dazu untersuchte der Potsdam Social Media Monitor gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung die Plattform-Algorithmen im Zusammenhang mit der Bundestagswahl 2025. Das Ergebnis: Videos der AfD und der Linken wurden deutlich häufiger vorgeschlagen. CDU und SPD produzierten allerdings mehr Videos als AfD und Linke. Mehr Material heißt also nicht automatisch mehr Sichtbarkeit.

Was junge Menschen online zu sehen bekommen

Die Bertelsmann-Stiftung fragt in der Studie „Digitalisiert, politisiert, polarisiert?“, wie junge Menschen in Deutschland Politik in sozialen Medien wahrnehmen und welche Rolle Algorithmen dabei spielen. Analysiert wurden Feeds auf TikTok, YouTube, Instagram und X im Vorfeld der Bundestagswahl 2025.

Im Mittelpunkt standen drei Fragen: Welche politischen Inhalte erreichen junge Nutzer? Wie verstärken Plattformmechanismen diese Inhalte? Und welche Tendenzen zur politischen Polarisierung entstehen daraus? In den untersuchten Feeds erhielten Parteien an den politischen Rändern überproportional viel Sichtbarkeit, während Beiträge aus der politischen Mitte deutlich seltener empfohlen wurden.

Empfehlungsalgorithmen beeinflussen damit, welche politischen Inhalte junge Menschen sehen, und können ihre politische Wahrnehmung sowie möglicherweise ihr Wahlverhalten prägen. Politiker erreichen unmittelbar über soziale Medien den Alltag junger Wähler. Reichweite und Wirkung der Plattformen werden als größer als die klassischer Medien beschrieben – obwohl ihre Funktionsweise laut Studie weitgehend intransparent und unreguliert ist.

Die Autoren sehen algorithmische Verzerrungen als mögliche Herausforderung für die Integrität künftiger Wahlen. Sie fordern Debatten über Transparenz, Fairness und demokratische Kontrolle von Plattformen in digitalen Wahlkämpfen. Die Studie ist kostenlos auf der Website der Bertelsmann-Stiftung abrufbar.

Auch in den Bezirken wird neu sortiert

In allen zwölf Berliner Bezirken wurden außerdem die Bezirksverordnetenversammlungen, kurz BVV, neu gewählt. Eine BVV besteht aus 55 gewählten Mitgliedern. Sie überwacht die Arbeit des Bezirksamts und vertritt die Interessen der Bürgerinnen und Bürger; das Bezirksamt übernimmt die eigentliche Verwaltung und Regierung des Bezirks.

Die BVV wird alle fünf Jahre gewählt. Wahlberechtigte Berlinerinnen und Berliner ab 16 Jahren können eine Partei oder Wählervereinigung wählen – nicht direkt einzelne Personen. Während in den Straßen noch über Koalitionen und Mehrheiten geredet wird, laufen also auch auf Bezirksebene neue politische Arbeitsaufträge ein. An der Uni Potsdam bleibt dazu heute, am 25. September 2026, vor allem eine Frage hängen: Wer bestimmt eigentlich, was als Nächstes auf dem Bildschirm auftaucht?