Dorfkrug statt Leerstand: Wie Kirchdornberg seinen sozialen Mittelpunkt neu erfindet
Im alten Dorfkrug in Kirchdornberg ist meistens etwas los. Nadja Relin organisiert dort Karaoke- und Kleidertauschpartys, Kochkurse, regelmäßig ausgebuchte Singabende und einen Japantag. Der lange leer stehende Dorfkrug ist so wieder zu einem Treffpunkt geworden – und der Ortskern hat neues Leben bekommen.
Relin betreibt den Dorfkrug seit rund drei Jahren neben ihrem Vollzeitjob als SAP-Beraterin. Gegründet hat sie dafür einen Verein. Sie nennt das Haus ihr „drittes Kind“. Ihr Sohn ist 26 Jahre alt und ausgezogen, ihre Tochter ist 15 und häufig dabei. In Kirchdornberg heißt die 52-Jährige „Netzwerk-Nadja“. Sie ist Vorstandsmitglied des Heimatvereins und Stadtheimatpflegerin.
Ein Ort, an dem etwas wächst
Heimat entsteht für Relin dort, „wo etwas wächst und entsteht“ – also an einem Ort, an dem Menschen zusammenkommen und ihre Fähigkeiten einbringen. Im Dorfkrug wird gefeiert, gekocht, gesungen und geredet. Konfirmationen, runde Geburtstage und Kaffeetrinken nach Beerdigungen finden hier statt. Zugleich ist das Haus ein niedrigschwelliger Kulturort und eine Plattform für regionale Künstlerinnen und Künstler.
Nach Relins Angaben ist der Dorfkrug inzwischen auch Informations- und Begegnungsplattform. Neue Kontakte entstehen, Freundschaften ebenso. Künftig plant sie einen Mittagstisch für alleinstehende Menschen, insbesondere für ältere Personen, die isoliert leben. Das klingt schlicht, ist im Alltag aber nicht wenig: ein Teller warmes Essen, ein Platz am Tisch, jemand, der zuhört.
Geboren wurde Relin 1974 in Tanger. Ihr Vater war in den 1960er-Jahren als Gastarbeiter aus Marokko nach Deutschland gekommen. Mit acht Jahren kam sie gemeinsam mit ihrer Mutter und sechs Geschwistern nach Deutschland und sprach zunächst kein Deutsch. In der Grundschule half ihr eine ehrenamtlich engagierte Lehrerin namens Frau Fischer beim Spracherwerb und beim Kennenlernen der deutschen Kultur.
Eine befreundete Lehrerfamilie, die Bibliothek, intensives Lesen sowie Musik, Kunst und Bildung prägten sie. Auch ihre Mutter, eine Meisterschneiderin, legte Wert auf Bildung und Kultur. Relin besuchte ein Gymnasium, zog mit 16 Jahren von zu Hause aus und brach den Kontakt zu ihrer Familie ab. Sie wollte unabhängig und selbstbestimmt leben.
Ihr Abitur machte sie am Abendgymnasium, anschließend studierte sie Germanistik und Geschichte an der Universität Bielefeld. Mit 26 Jahren wurde sie Mutter ihres ersten Kindes. Als Alleinerziehende finanzierte sie ihr Leben mit verschiedenen Aushilfsjobs, unter anderem in der Gastronomie. Seit 20 Jahren lebt sie in Dornberg. Dort engagiert sie sich außerdem ehrenamtlich in der Stadtteilbibliothek und im Beirat der Historischen Gesellschaft der Grafschaft Ravensberg.
Die Dorfkneipe als „Dritter Ort“
Zu Relins Interessen gehören Kultur, Geschichte und Kochen. Entspannung findet sie bei Spaziergängen im Wald. Nach längerer Zeit hat sie außerdem wieder Kontakt zu einer ihrer Schwestern aufgenommen. Nun kündigte sie an, ihren festen Job aufzugeben und den Dorfkrug zu professionalisieren.
Das passt zu einer Entwicklung, die vielerorts zu beobachten ist: Das traditionelle Wirtshaus wandelt sich vom reinen Gastronomiebetrieb zum sozialen und multifunktionalen Mittelpunkt. Dorfkneipen waren früher zentrale Treffpunkte, stehen heute aber vielerorts leer oder vor dem Aus. In Brandenburg verschwanden laut DEHOGA Brandenburg, zitiert von ZDF heute, seit der Wiedervereinigung mehr als 1.000 Landgasthöfe; aus etwa 1.900 Betrieben wurden deutlich weniger.
Die Gründe liegen oft ganz prosaisch auf dem Tisch: hohe Heiz- und Instandhaltungskosten, gerade bei großen Sälen, dazu Personalmangel, fehlende Nachfolge und sinkende Wirtschaftlichkeit. Familienmitglieder wollen den zeitintensiven Betrieb häufig nicht übernehmen. Mit dem Wirtshaus verschwindet dann auch ein sozialer Treffpunkt – für ältere Menschen oft einer der wenigen überhaupt.
Neue Konzepte setzen deshalb auf mehrere Standbeine. Vormittags kann ein Café oder Co-Working-Space öffnen, daneben wären ein Dorfladen oder eine Bäckerei-Theke, eine Poststelle oder ein Paketshop denkbar. Lesungen, Konzerte und andere Kulturveranstaltungen bringen zusätzliche Gäste; Vereine und Gruppen können Räume mieten. Der Bärenkeller in Schwenningen etwa dient lokalen Zünften und Kulturgruppen regelmäßig als Treffpunkt.
Ein Mittagstisch oder ein Nachmittagsangebot kann älteren Menschen soziale Kontakte ermöglichen. Für Betreiber entstehen breitere Einnahmequellen und eine bessere Auslastung, während die örtliche Gemeinschaft stärker eingebunden wird. Genau in diese Richtung weist auch Relins Plan für Kirchdornberg.
Gemeinsam kaufen, gemeinsam tragen
Ein Modell sind Bürgergenossenschaften. Bürger gründen eine Genossenschaft oder GmbH und erwerben Anteile, oft ab etwa 250 Euro. Das Kapital fließt in den Kauf, die Sanierung oder die Sicherung der Immobilie. Den laufenden Betrieb übernehmen meist professionelle Pächter.
Das Gasthaus Dietenhauser in Nordheim, Bayern, stand seit 2020 leer. Eine Bürgerinitiative belebte es neu; seit Ende 2025 ist es wieder in Betrieb. Die Vorteile liegen auf der Hand: Dorfbewohner identifizieren sich stärker mit „ihrem“ Wirtshaus, die lokale Bevölkerung sorgt für eine stabile Grundnachfrage, das finanzielle Risiko verteilt sich, und Modernisierungen stoßen eher auf Akzeptanz.
Ehrenamtliche können mithelfen, eine professionelle gastronomische Leitung bleibt aber nötig. Pächter profitieren davon, dass die Gemeinschaft die Immobilie und einen Teil der Investitionen absichert. Auch Kommunen sehen Wirtshäuser zunehmend als Bestandteil lebendiger Ortskerne und als Standortfaktor. Manche Gemeinden kaufen leerstehende Gasthäuser, sanieren sie und verpachten sie günstig.
Waldkirchen in Bayern suchte aktiv Pächter und unterstützte Leerstandsprojekte unter anderem mit Mietzuschüssen oder Renovierungshilfen. Dabei müssen Kommunen das EU-Beihilferecht beachten und dürfen keine dauerhafte Defizitwirtschaft betreiben. Für Gastronomen sinkt durch sanierte kommunale Immobilien trotzdem die Investitionslast; außerdem steht die Kommune als Partner zur Verfügung.
Für einen Neustart braucht es nach den Erfahrungen aus solchen Konzepten eine erfahrene gastronomische Leitung und ein professionelles Team. Eine modernisierte Küche und ein zeitgemäßer Gastraum gehören dazu – traditionelle Einrichtung allein reicht meist nicht mehr. Wichtig sind außerdem ein authentisches Konzept für Stammgäste und auswärtige Besucher, die Zusammenarbeit mit Vereinen, Zünften und lokalen Gruppen sowie klare Informationen zu Öffnungszeiten, Angeboten und Veranstaltungen.
Leicht wird das nicht. Im Gasthof Simke in Brandenburg verursacht allein das Heizen des Saals laut Betreiberin Margrit Schulz fast zehn Prozent des Umsatzes. Wärme, Personal, Reparaturen – die Rechnung sitzt mit am Tisch.
Thüringen zählt weniger Gasthäuser
Wie ernst die Lage ist, zeigen Zahlen aus Thüringen. In kleinen Gemeinden schließen zunehmend Dorfkneipen und Landgasthäuser. Laut Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken sank die Zahl gastronomischer Betriebe von 5.481 im Jahr 2015 auf 4.807 im Jahr 2024. In Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern fiel sie besonders stark: von 1.820 Betrieben 2015 auf 932 im Jahr 2024.
Konkrete Untersuchungen zu den Schließungsgründen hat die Landesregierung nicht. Als mögliche Ursachen nennt sie den demografischen Wandel, wirtschaftliche Schwierigkeiten, Fachkräftemangel, verändertes Freizeitverhalten und die sinkende Zahl potenzieller Gäste in ländlichen Regionen. Hinzu kommen gestiegene Kosten für Miete, Personal, Energie und Lebensmittel, Konkurrenz durch Lieferdienste und Fast-Food-Angebote sowie Feiern in Vereinsheimen oder privaten Räumen.
Die Linke fordert deshalb ein eigenes Förderprogramm zum Erhalt der Betriebe. Denkbar wären Landeszuschüsse für Kommunen, damit diese Gasthäuser kaufen und selbst betreiben können, sowie Genossenschaftsmodelle, bei denen Einwohnerinnen und Einwohner Anteile erwerben. Ein ausschließlich auf Dorfgaststätten zugeschnittenes Programm gibt es in Thüringen bisher nicht.
Die Förderung des ländlichen Raums läuft vor allem über die Richtlinie FR ILE/REVIT. Für Gaststätten kommt insbesondere die Maßnahme „Kleinstunternehmen der Grundversorgung“ infrage. Förderfähig sind Investitionen in langlebige Wirtschaftsgüter sowie der Erwerb von Vermögenswerten einer Betriebsstätte; der Fördersatz kann bis zu 45 Prozent betragen. Laufende Betriebskosten werden nicht gefördert. Weitere ausschließlich auf Gaststätten ausgerichtete Förderinitiativen plant die Landes
