Mehr Produktivität statt Mehrarbeit: Wie KI Deutschlands Arbeitswelt verändern soll
In einem Seminarraum der UdK Berlin geht es am 27. September 2026 um eine Forderung, die schnell gesagt ist und schwer umzusetzen bleibt: Die Deutschen sollen mehr arbeiten. Bundeskanzler Friedrich Merz verbindet damit die Hoffnung auf mehr wirtschaftliche Stärke. Florian Dohmann, Gründer und Geschäftsführer der Berliner KI-Beratung Birds on Mars, hält solche Pauschalaussagen für zu undifferenziert. Mehr Arbeit löse Deutschlands Probleme bei Wirtschaft, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit nicht automatisch.
Dohmann ist gebürtiger Ostwestfale, Wirtschaftsinformatiker und lebt seit mehr als 15 Jahren in Berlin. 2017 gründete er Birds on Mars; inzwischen beschäftigt das Unternehmen mehr als 40 Personen. Seit 2026 gehört die Beratung zur europäischen KI-Beratung [at] Group. Außerdem lehrt Dohmann als Gastdozent zu KI und Kreativität an der UdK Berlin, der HfG Karlsruhe und der Filmakademie Baden-Württemberg.
Mehr Produktivität, nicht bloß mehr Arbeitszeit
Deutschland fehlen Fachkräfte, gleichzeitig wächst die Produktivität nur schwach. KI könne als Zusammenarbeit von Mensch und Maschine viele lästige Aufgaben übernehmen und Organisationen beim Umgang mit dem demografischen Wandel unterstützen, sagt Dohmann. Sie kann allerdings auch Tätigkeiten ersetzen, die bislang von Menschen ausgeführt werden. Welche Aufgaben automatisiert werden, sei eine Entscheidung der Menschen, nicht der Technologie.
Höhere Produktivität könnte grundsätzlich kürzere Arbeitszeiten ermöglichen. Politisch und organisatorisch müsse die Gesellschaft das aber gestalten; KI löse diese Verteilungsfrage nicht automatisch. Frühere Produktivitätsgewinne seien schließlich nicht immer bei den Beschäftigten angekommen, etwa in Form höherer Gehälter in gesellschaftlich wichtigen Berufen.
Eine sichere Prognose zu einem Nettoanstieg oder -rückgang der Beschäftigung wagt Dohmann nicht. Viele Berufe würden sich verändern, auch bisher als sicher geltende Tätigkeiten wie Jura und Medizin. Er empfiehlt, neben akademischen Laufbahnen auch Ausbildungsberufe, etwa im Zimmererhandwerk, in Betracht zu ziehen. Tätigkeiten wie Friseurberufe könnten durch den Wandel an Wertschätzung gewinnen. Stark betroffen wären unter anderem Werbeagenturen, Tätigkeiten mit PowerPoint, Excel und Word sowie Unternehmensberatungen.
Beschäftigte benötigten vor allem die Bereitschaft, Neues zu lernen, Altes zu verlernen, Dinge auszuprobieren und Fehler zu akzeptieren. Führungskräfte sollten dafür Freiräume für Weiterbildung und Experimente mit KI schaffen. Vertrauen entstehe nur mit Transparenz: Beschäftigte müssten von Anfang an beteiligt werden, Unternehmen offen über Ziele und Gründe der Einführung sprechen. In manchen Fällen diene KI tatsächlich der Kostensenkung, weil Unternehmen sonst wirtschaftlich nicht überleben könnten.
Warum Pilotprojekte im Alltag stecken bleiben
Viele KI-Projekte scheitern laut Dohmann beim Übergang vom Pilotprojekt in den Arbeitsalltag. Spätere Nutzer werden oft zu spät einbezogen. Unternehmen klären nicht zuerst, welches Problem sie lösen wollen und welchen Nutzen das bringt. Mitunter wird KI für ungeeignete Aufgaben eingesetzt; ungeeignete Prozesse und unzureichende Daten begrenzen dann zusätzlich den Nutzen.
Erforderlich seien relevante Daten, Schnittstellen zu Unternehmenssystemen und die Einbindung der Beschäftigten. Meist sei nicht die Technologie selbst das Problem, sondern das organisatorische Umfeld. Birds on Mars begleitet unter anderem Deutsche Bahn, ZDF und Charité bei KI-Strategien und organisatorischen Veränderungen, Datenfragen, Regeln für verantwortungsvolle KI sowie bei der Entwicklung konkreter KI-Lösungen. Ziel ist, Organisationen dazu zu befähigen, KI zunehmend selbst einzusetzen.
Für Berlin Recycling entwickelte das Unternehmen ein „Müll-ABC“. Nutzer fotografieren einen Gegenstand und erhalten eine Entsorgungsempfehlung. Der Hintergrund ist ziemlich handfest: Falsch entsorgte Batterien können Brände verursachen.
Gemeinsam mit dem CityLAB wurden Baumkataster-, Sensor- und Satellitendaten genutzt, um den Wasserbedarf von Stadtbäumen zu ermitteln und die Bewässerung gezielter zu steuern. Im Bau- und Infrastrukturbereich kann KI umfangreiche Anträge vorprüfen und widersprüchliche Angaben erkennen. Rückfragen und Verzögerungen bei Bauprojekten sollen so reduziert werden. Auch das Wissen älterer Beschäftigter lässt sich dokumentieren und neuen Mitarbeitenden über ein „Second Brain“ zugänglich machen.
In der Verwaltung sieht Dohmann den größten Hebel bei der Bearbeitung von Anträgen. Schlechte Prozesse sollten jedoch nicht einfach mit KI automatisiert werden. Wenn Entscheidungen wegen vieler Beteiligter und Urlaubsabhängigkeiten monatelang dauern, müsse der Prozess selbst verändert werden.
Sonst kann KI die Bürokratie sogar vergrößern. Anträge lassen sich schneller und umfangreicher erstellen, prüfende Stellen erhalten dadurch teilweise 50 oder 100 Seiten zusätzliche Unterlagen. Der Aufwand wandert vom Antragsteller zur prüfenden Stelle. Dohmann nennt das „Pseudoeffizienz“ beziehungsweise „Workslop“.
Verwaltungen benötigen sichere KI-Infrastruktur, Regeln zum Datenschutz und geschulte Beschäftigte. Für Schulungen und die Einführung von KI seien Zeit, Geld und Unterstützung nötig.
Förderung für KI und Arbeit
Am 2. September 2026 veröffentlichte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales die Förderrichtlinie „Produktiver und beschäftigungsorientierter Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in Wirtschaft und Arbeit“. Sie soll insbesondere kleine und mittlere Unternehmen sowie ihre Beschäftigten bei der Einführung und Nutzung konkreter KI-Anwendungen unterstützen. Arbeits- und Fachkräfte in Deutschland sollen gestärkt, Unternehmen bei Innovation und internationaler Wettbewerbsfähigkeit unterstützt werden.
Die Förderung umfasst zwei Handlungsfelder. In den „Kompetenz- und Praxisräumen KI und Arbeit im Betrieb“ sollen Unterstützungsangebote für Unternehmen und Beschäftigte entstehen, die sich auf konkrete KI-Projekte und Investitionsentscheidungen beziehen. Betriebliche Themen wie das Testen von KI-Komponenten und Veränderungen der Arbeitsorganisation werden mit beschäftigtenbezogenen Themen wie Kompetenzentwicklung verknüpft. Die Lösungen sollen bedarfsgerecht, breitenwirksam und systematisch sein, außerdem innovativ, bundesweit skalierbar, branchenübergreifend einsetzbar und auf betriebliche sowie qualifikationsbezogene Anforderungen ausgerichtet.
Das zweite Handlungsfeld heißt „KI, Produktivität und gute Arbeit im Betrieb“. Gefördert werden wissenschaftliche Analysen zum Zusammenhang zwischen KI, Produktivität und Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Untersucht werden soll, wie KI Produktivitätspotenziale erschließen, die Nachfrage nach Arbeitskräften erhöhen und Verteilungsgerechtigkeit fördern kann.
Forschungseinrichtungen können ihre Vorhabenanträge ab sofort einreichen. Die Antragsfrist endet am 14. Oktober 2026 um 16:00 Uhr. Die Umsetzung übernimmt der Projektträger DRV Knappschaft-Bahn-See (KBS). Eine digitale Informationsveranstaltung zum Antragsverfahren findet am 17. September 2026 von 10:00 bis 12:00 Uhr statt. Weitere Informationen gibt es auf der Website der Fachstelle für Fördermittel des Bundes, bei denkfabrik-bmas.de und im Förderportal der KBS.
Deutschland zwischen Anwendung und Rückstand
Bei großen KI-Modellen, Rechenleistung und Investitionen liegt Deutschland hinter den USA und China. Dohmann führt den Rückstand vor allem auf fehlende Investitionen zurück. Statt mehrere neue KI-Großunternehmen aufzubauen, solle Deutschland sich stärker auf die Anwendung konzentrieren. Die vielen bestehenden Unternehmen müssten befähigt werden, KI in ihre Geschäftsmodelle und Abläufe zu integrieren.
Die bisherige KI-Politik der Merz-Regierung bewertet Dohmann mit den Worten: „Es passiert zu wenig“. Förderprogramme seien zu bürokratisch, Anträge dauerten zu lange, während sich die Technologie weiterentwickle. Es fehlten Geschwindigkeit und ausreichende Budgets. Dohmann fordert deshalb ein KI-Sonderpaket in Höhe von mehreren Milliarden Euro. Die Mittel sollten breit an Organisationen fließen, die Unterstützung bei der KI-Transformation benötigen. Die Politik müsse stärker auf Erfahrungen von Menschen zurückgreifen, die täglich mit KI arbeiten.
Für Berlin fordert Dohmann nach der Senatswahl einfachere Förderung, weniger komplizierte Prozesse und Unterstützung auch für kleinere und mittlere Unternehmen. Ein weiterer Start-up-Campus allein reiche nicht aus. Viele Organisationen benötigten externe Unterstützung bei der Integration von KI, könnten diese aber nicht finanzieren. Förderangebote kämen bislang häufiger großen Unternehmen zugute. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen könnten ihre Abläufe frühzeitig mit KI gestalten, wenn sie unkomplizierte Förderung und Investitionen erhielten.
Die Zahlen aus verschiedenen Studien zeichnen dazu ein widersprüchliches, aber ziemlich klares Bild. Die Bitkom-Studie „Künstliche Intelligenz in Deutschland“ vom Oktober 2024 befragte mehr als 600 Unternehmen sowie über 1.000 Personen ab 16 Jahren. 57 Prozent der Unternehmen beschäftigten sich aktiv mit KI, nach 43 Prozent im Jahr 2023 und 34 Prozent im
