Europas Jugend protestiert gegen Wohnungsnot, Sparpolitik und fehlende Zukunftsperspektiven
Auf den Straßen Europas wächst der Druck. Schüler, Studierende und Unterstützer protestieren gegen steigende Lebenshaltungskosten, hohe Wohnkosten, Kürzungen im Bildungsbereich, fehlende berufliche Perspektiven, Korruption und politische Entscheidungen, bei denen sich viele junge Menschen übergangen fühlen. Auch an der Uni Münster ist das Thema nah: Die Proteste in Frankreich sind für die Initiative „Gen Z regelt“ Anlass, sich solidarisch zu erklären.
Auf ihrer Website nennt die Initiative sechs Forderungen: mehr Geld für Schulen, Suchthilfe und Psychotherapie statt Kürzungen; ein bezahlbares Leben, bei dem die Sorgen der Menschen politisch Vorrang bekommen; eine gerechte Verteilung der Lasten statt Einsparungen bei der jungen Generation; die Ablehnung der Wehrpflicht und Mitsprache junger Menschen bei Entscheidungen über ihre Zukunft; den Schutz der Grundrechte statt einer weiteren Ausweitung der Überwachung sowie konsequenten Klimaschutz zum Erhalt künftiger Lebensgrundlagen.
Eine Jugend, viele Schauplätze
Grimm beschreibt eine gemeinsame Erfahrung politischer Ohnmacht und wachsender Zukunftsunsicherheit in mehreren europäischen Ländern. Dahinter stehen zunehmende soziale Ungleichheit, steigende Lebenshaltungskosten und die chronische Unterfinanzierung des Bildungssystems in vielen Regionen. Dazu kommt eine Klimakrise, deren langfristige Folgen vor allem jüngere Generationen tragen würden. Gleichzeitig nimmt die Militarisierung der europäischen Sicherheitspolitik zu; Debatten über Wehrpflicht und Aufrüstung verschärfen die offene Frage, wer die Kosten dieser Entscheidungen tragen soll.
Die Proteste erstrecken sich unter anderem auf Frankreich, Belgien, Italien, Portugal, Spanien, Griechenland, Österreich und Albanien. Auch aus Deutschland, den Niederlanden, Serbien und Irland wird Widerstand gemeldet. Vieles bleibt friedlich. In mehreren Städten kam es allerdings zu gewaltsamen Zusammenstößen mit der Polizei, Plünderungen, Brandstiftungen und Sachbeschädigungen.
In Frankreich begann Mitte September am Lycée Antoine-de-Saint-Exupéry in Créteil bei Paris ein Streik von Lehrkräften gegen Stellenabbau und chronische Unterfinanzierung. Schülerinnen und Schüler schlossen sich an, zunächst in Paris, später im ganzen Land. Laut offiziellen Angaben demonstrierten am Samstag mindestens 550.000 Menschen. Vermummte Gewalttäter plünderten Geschäfte und setzten Autos sowie Müllcontainer in Brand. In Limoges brannte das Rathaus aus dem Jahr 1883 nieder. 1.800 Menschen wurden festgenommen, mehr als 500 Polizisten und Feuerwehrleute verletzt. Wegen der Ausschreitungen kündigte die Regierung lokale Ausgangssperren an.
Belgien erlebte nach Schulblockaden am 1. Oktober in Lüttich einen nächsten großen Protestschritt: Gewerkschaften riefen für den 9. Oktober zu einem landesweiten Streik und einer Großdemonstration in Brüssel auf. Weitere Kundgebungen folgten am 12. und 17. Oktober, dabei kam es zu Zusammenstößen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Im Zentrum stehen Regierungs-Sparprogramme mit geplanten Einsparungen von rund zehn Milliarden Euro. Im frankophonen Bildungswesen sollen bis 2029 rund 500 Millionen Euro eingespart werden. Vorgesehen sind außerdem höhere Studiengebühren und die Abschaffung günstiger Jugend-Bustickets.
In Mailand stießen am 17. Oktober bei einer Kundgebung gegen Kriege und Inflation Demonstrierende mit der Polizei zusammen. Maskierte Demonstranten plünderten Geschäfte, warfen Pflastersteine und zündeten Barrikaden an. Bürgermeister Giuseppe Sala nannte die Protestgründe verständlich, Gewalt gegen die Polizei und schwere Schäden seien jedoch nicht zu rechtfertigen.
Wohnen, Lernen, Leben
In Portugal gingen Zehntausende gegen steigende Lebenshaltungskosten und die Wohnungskrise auf die Straße. Viele Menschen können sich die wachsenden Mieten nicht mehr leisten. Laut einem EU-Kommissionsbericht vom Juni stiegen die Immobilienpreise seit 2013 nominal um 130 Prozent. Nach Angaben des portugiesischen Statistikamts erhöhten sich die Mieten bei neuen Verträgen binnen eines Jahres um 10,2 Prozent.
Auch in Spanien richten sich die Proteste gegen hohe Mieten und die Wohnungskrise. Für zusätzliche Empörung sorgte der Fall der 87-jährigen Maricarmen Abascal. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit musste sie am 23. September ihre Madrider Wohnung verlassen, in der sie 70 Jahre gelebt hatte. Ein Investor hatte die Miete um 275 Prozent erhöht; Abascal konnte sie mit ihrer Rente nicht bezahlen. Wenige Tage später wurde vereinbart, dass sie zurückkehren und höchstens 30 Prozent ihres Einkommens für die Miete zahlen sollte. Abascal starb am 7. Oktober, zwei Wochen nach der Zwangsräumung. Seitdem besetzen Hunderte Menschen den Madrider Platz Puerta del Sol.
In Tirana demonstrieren seit Monaten Tausende. Ausgangspunkt war die „Flamingo“-Bewegung gegen ein großes Luxus-Tourismusprojekt an der Südküste. Daraus entwickelte sich eine Anti-Regierungsbewegung, die den Rücktritt von Premierminister Edi Rama fordert. Studierende protestieren zusätzlich gegen hohe Ausbildungskosten und fehlende berufliche Perspektiven. Am Samstag warfen Demonstranten Steine, Benzinbomben, Leuchtraketen und Feuerwerk auf die Polizei. Diese setzte Tränengas, Wasserwerfer und Schlagstöcke ein.
Griechische Studierende mehrerer Athener Hochschulen errichteten am 13. Oktober vor dem Parlament ein Zeltlager. Laut Medien bezogen sich die Organisatoren ausdrücklich auf die Proteste in Frankreich und Spanien. Für den 21. Oktober riefen Lehrergewerkschaften, Studierende, Verwaltungsbeschäftigte und Elternverbände zu einem landesweiten Streik und Demonstrationen in zahlreichen Städten auf.
In Österreich demonstrierten am 13. Oktober laut der Österreichischen Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft rund 6.000 Studierende sowie Lehr- und Forschungskräfte gegen mögliche Kürzungen der Universitätsbudgets. Sie warnten vor überfüllten Hörsälen, weniger Lehrpersonal, sozialer Selektion und Einschnitten bei Forschung und Infrastruktur. Zuvor hatte die ÖH 60.000 Unterschriften für die Petition „Unis retten – Keine Kürzungen bei den Universitäten“ gesammelt. Im Raum stehen mögliche Einsparungen von rund einer Milliarde Euro im kommenden Hochschul-Dreijahresbudget. Da schaut man als Studentin oder Student schon zweimal auf den Stundenplan.
Serbien erlebt seit fast zwei Jahren anhaltende Studentenproteste. Auslöser war der Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad, bei dem 16 Menschen starben. Die Studierenden protestieren landesweit gegen Korruption unter der Serbischen Fortschrittspartei. Präsident Aleksandar Vučić setzte für den 25. Oktober vorgezogene Neuwahlen an. Vučić strebt eine Festigung seiner Macht an, während die Studentenbewegung einen politischen Wechsel fordert.
Was die Proteste erzählen
Die 3sat-NANO-Sendung „Die Wut der Jugend: Warum Europas Straßen gerade brennen“ ordnet die Entwicklung ein. Die Produktion aus Deutschland von 2026 wurde am 21. Oktober 2026 ausgestrahlt, dauert 26 Minuten und ist in Deutschland, der Schweiz und Österreich bis zum 17. August 2031 abrufbar. Gesprächsgast ist Oliver Nachtwey, Professor für politische Soziologie an der Universität Basel.
Genannt werden marode Schulen und Lehrkräftemangel, hohe Lebenshaltungskosten und Wohnungsnot, Korruption sowie fehlende Zukunftsperspektiven. Viele Proteste verlaufen friedlich, in einigen Ländern kommt es zu Krawallen und Ausschreitungen. Sichtbar wird dabei eine wachsende Unzufriedenheit junger Menschen in Europa.
Die Sendung blickt außerdem über die Proteste hinaus: Unter dem Titel „Gold um jeden Preis“ geht es um Armenien, wo trotz jahrelanger Proteste und laufender Klagen die größte Goldmine des Landes den Betrieb aufnehmen soll. Regierung und Betreiber verweisen auf Investitionen und zusätzliche Einnahmen. Umweltverbände warnen dagegen vor erheblichen Risiken für Wasserressourcen, Landwirtschaft und Tourismus in der ökologisch sensiblen Region.
„Kohleverbrauch auf Rekordniveau“ meldet einen weltweiten Verbrauch von knapp neun Milliarden Tonnen – Höchststand. Als Hauptgrund gelten die hohen Preise für Öl und Gas. Fachleute erwarten langfristig einen Rückgang der Kohlenutzung und einen weiteren Ausbau erneuerbarer Energien.
Etwas freundlicher, wenn auch ziemlich unerwartet, klingt „Das Geheimnis unserer Zunge“: Forschende der Universität Leeds entwickelten eine künstliche Zungenoberfläche mit realitätsnahen Papillen, um das Mundgefühl von Lebensmitteln zu untersuchen. Pflanzliche Lebensmittelalternativen sollen dadurch schmackhafter werden. KI-gestützte Analysen zeigen, dass die Zungenoberfläche ähnlich individuell sein kann wie ein Fingerabdruck.
Der Sendungstipp lautet „Zunge – Das Super-Organ
