Priestermangel und Profanierung: Woran die katholische Kirche ihre Zukunft verliert
Kirchen werden zu Kletterhallen, Hotels, IT- und Gourmetbetrieben, Archiven oder Altersheimen. Für den Theologen und Biologen Ulrich Lüke ist das kein Randphänomen, sondern ein Alarmzeichen. Er fordert, gegen die zunehmende Profanierung von Kirchen und die Reduzierung von Gottesdiensten vorzugehen.
Heilige Räume und Zeiten seien zunächst schleichend, später immer stärker verkleinert worden, schreibt Lüke. Gottesdienste fielen weg, spirituelle Angebote würden gekürzt, Entscheidungen richteten sich zunehmend nach betriebswirtschaftlichen Kriterien. Da drängt sich für ihn eine unbequeme Frage auf: Wo finden Menschen noch Zugang zu dem, was früher einmal „Einführung ins Mysterium“ hieß?
Wenn der Gottesdienst an den Kosten scheitert
In Lü kes Kindheit galt es kirchenoffiziell als „schwere Sünde“, ohne ausreichenden Grund sonntags der Eucharistiefeier fernzubleiben. Heute fragt er, ob Verantwortliche eine „schwere Sünde“ begehen, wenn Gläubigen wegen fehlender Angebote über viele Kilometer hinweg keine Eucharistiefeier mehr zur Verfügung steht.
Vor mehr als zehn Jahren wollte sein damaliger Pfarrer in Aachen den letzten Werktagsgottesdienst streichen. Zu wenige Besucher, zu hohe Kosten. Lüke bot an, die Feier zu übernehmen. Daraufhin wurden ihm anteilige Ausgaben für Küster, Reinigungskraft und Organist vorgerechnet. Als er erklärte, die Kosten selbst tragen zu wollen, war die Abschaffung nicht mehr durchsetzbar. Küster, Reinigungskraft und Organist verzichteten anschließend darauf, Geld von ihm anzunehmen.
Während eines Urlaubs gestalteten Laien den Gottesdienst. Seit Lü kes Wechsel in das Bistum Münster vor fast zehn Jahren feiern Laien dort weiterhin Gottesdienste ohne Priester – konstant gut besucht und, wie Lüke sagt, mit sakraler Kreativität. Ein Detail, das in vielen Strukturpapieren wahrscheinlich schnell unter „nicht skalierbar“ abgelegt würde.
Neue Zugangswege zum Priesterberuf würden hingegen nicht erschlossen, kritisiert Lüke. Aus seiner Sicht werde die Eucharistie an exklusiver Männlichkeit und am Zölibat geopfert. Kirchliche Angebote kosteten Geld, betont er. Unglaubwürdig werde die Verkündigung des Himmels aber dann, wenn alles, was darauf hinweist, als zu teuer gelte.
Wenige Weihen, viele offene Fragen
Wie dünn die personelle Decke inzwischen ist, zeigen Zahlen aus dem Jahr 2024: In den fünf katholischen Bistümern Nordrhein-Westfalens gab es sieben Priesterweihen, in Ostdeutschland zwei – so wenige wie dort nie zuvor. 2023 waren es in Ostdeutschland drei, 2020 noch sieben. In Nordrhein-Westfalen wurden 2022 und 2023 jeweils zwölf Männer zu Priestern geweiht, 2013 waren es insgesamt 13. Bundesweit empfingen 2022 in den 27 Bistümern 45 Männer die Priesterweihe.
Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, das höchste repräsentative Gremium der katholischen Laien, tagt in Erfurt. Die rückläufigen Weihen gelten dort als Ausdruck einer Krise. Gleichzeitig sitzt mit dem 19-jährigen Carl Severin Seibert einer jener wenigen jungen Männer an den Startlöchern, die sich weiterhin für das Priesteramt entscheiden.
Vor seinem Theologiestudium muss Seibert Prüfungen in Altgriechisch und biblischem Hebräisch ablegen. Das Große Latinum hat er bereits in der Schule erworben. Die Sprachkenntnisse sind Voraussetzung für das Studium – notwendige, aber wenig beliebte Zusatzanforderungen, wie Seibert sagt.
Den Beruf hält er für vielseitig und anspruchsvoll. Priester seien Seelsorger, müssten Organisationstalent mitbringen und Verantwortung übernehmen. Seine zentrale Aufgabe sieht Seibert darin, die christliche Botschaft an die Menschen weiterzugeben. In der katholischen Kirche stellten junge Menschen allerdings zunehmend die Sinnhaftigkeit verschiedener Aspekte infrage, darunter auch den Zölibat.
Zölibat als Hindernis – oder nur ein Teil des Problems?
Eine Mitte Mai veröffentlichte Studie der Deutschen Bischofskonferenz untersucht die Profile neu geweihter Priester. Befragt wurden 847 Männer, die zwischen 2010 und 2021 geweiht wurden, sowie 1.668 Männer, die ihre Priesterausbildung abbrachen. Geantwortet haben 153 Priester und 18 ehemalige Kandidaten. Die Ergebnisse sind deshalb nur als Stimmungsbild einzuschätzen.
Für die Entscheidung zum Priesteramt sind vor allem persönliche und spirituelle Faktoren ausschlaggebend. Die Feier der Liturgie hat eine hohe motivierende Bedeutung, Organisation und Management spielen eine geringere Rolle. Bei den Gründen gegen eine Priesterausbildung nennen 73 Prozent der Befragten die geforderte Ehelosigkeit als sehr großes oder eher großes Hindernis. 72,4 Prozent sehen außerdem die mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz des Zölibats als relevantes Problem.
Seibert hält den Zölibat trotzdem nicht für den Hauptgrund des Priestermangels. Ohne Zölibat wären die Priesterseminare seiner Einschätzung nach nicht automatisch stark gefüllt. Die Kirche müsse vielmehr prüfen, welche Möglichkeiten und Perspektiven das Priesteramt biete. Frauen sollten stärker in die kirchliche Arbeit einbezogen werden; langfristig könne auch die Zulassung von Frauen zum Priesteramt diskutiert werden.
Kardinal Jean-Claude Hollerich warnt vor einer zu schnellen oder zu weitgehenden Reform. Veränderungen sollten behutsam und schrittweise erfolgen, zu großer öffentlicher Druck könne die Kirche polarisieren. Die Reformfragen müssten ausführlich und umfassend diskutiert werden. Die Frauenfrage dürfe nicht als Vorhaben erscheinen, das nur von liberalen Katholiken durchgesetzt werde. Hollerich fordert dabei „Taktgefühl“.
Raus aus den Gebäuden
Seibert setzt an einem anderen Punkt an: Die Kirche müsse ihre Gebäude verlassen und stärker auf die Menschen zugehen. Dorthin, wo sie leben. Zuhören, nach ihren Bedürfnissen fragen. Er ist überzeugt, dass die Kirche auch heute eine Zukunft haben kann, wenn sie sich öffnet und den Kontakt zu den Menschen sucht.
Lüke formuliert es schärfer. Der „betriebswirtschaftlich“ und „defätistisch“ motivierten Entsakralisierung heiliger Räume und Zeiten müsse sofort Einhalt geboten werden. Bis September 2026 war er Leitender Krankenhauspfarrer am St.-Franziskus-Hospital Münster. Von 2001 bis 2017 lehrte der Theologe und Biologe als Professor für Systematische Theologie an der RWTH Aachen. Seine Forschung befasst sich insbesondere mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube.
Zwischen leeren Kirchenbänken, langen Anfahrtswegen und den Prüfungen in alten Sprachen liegt damit ein ziemlich konkreter Streit: Was darf eine Kirche kosten – und was kostet es sie, wenn Menschen gar keinen Ort mehr vorfinden, an dem eine Eucharistiefeier oder ein spirituelles Angebot möglich ist?
