George Turner ist tot. Der frühere Universitätsprofessor, Berliner Wissenschaftssenator und langjährige Tagesspiegel-Kolumnist starb am 2. November 2026 in Berlin im Alter von 91 Jahren. Heute, am 3. November 2026, wird an der Universität Hamburg an einen Mann erinnert, der Streit nicht scheute und ihn dennoch selten persönlich nahm.

Geboren wurde Turner am 28. Mai 1935 in Insterburg in Ostpreußen, dem heutigen Oblast Kaliningrad. Seine Eltern besaßen dort nahe der litauischen Grenze ein landwirtschaftliches Anwesen. Turner verbrachte dort seine ersten neun Lebensjahre. Vor großen Pferden und Hunden, sagte er später, habe er Angst gehabt; schon als Kind habe er gewusst, dass er kein Landwirt werden wolle.

Vom Flüchtlingskind zum Hochschulpräsidenten

Am Ende des Zweiten Weltkriegs entging der damals Neunjährige auf der Flucht nur durch Zufälle dem Tod. Nach Flucht und Vertreibung wuchs er als Flüchtlingskind im Nachkriegsniedersachsen, in der Lüneburger Heide, auf. Ab 1945 lebte er als Schüler in Ebstorf. Über diese Jahre berichtete er 2018 in seinem Buch „Was wollen die hier?“ über das Verhältnis von Einheimischen und Flüchtlingen in Ebstorf und der Region zwischen 1945 und 1949.

Seine Mutter ermöglichte ihm den Besuch des Gymnasiums. Ein Lehrer vermittelte ihm nach eigener Aussage das Gefühl, etwas leisten zu können. 1955 legte Turner am Herzog-Ernst-Gymnasium in Uelzen das Abitur ab. Eine wissenschaftspolitische Laufbahn war für einen Landwirtssohn aus Trakehnen keineswegs vorgezeichnet.

Turner studierte Rechts- und Staatswissenschaften in Göttingen sowie zwischenzeitlich in München und Würzburg. Das erste juristische Staatsexamen legte er 1959 beim Oberlandesgericht Celle ab. In Göttingen promovierte er 1960 bei Wilhelm Ebel zum Dr. iur.; seine Dissertation behandelte das Calenberger Meierrecht und hatte damit ein agrargeschichtliches Thema. 1963 folgte am Oberlandesgericht Hamburg die Große Juristische Staatsprüfung.

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Er war Mitglied der Burschenschaft Frisia Göttingen (DB) und gab 2011 die Geschichte der 2003 in das Corps Frisia Göttingen umgewandelten Studentenverbindung heraus. 1963 heiratete er in Göttingen Edda Horstmann. Das Paar hatte drei Söhne und fünf Enkelkinder; einer der Söhne ist Sebastian Turner.

1966 habilitierte sich Turner in Bergrecht, Wirtschaftsrecht und Bürgerlichem Recht. Als Assistent an der Technischen Universität Clausthal arbeitete er unter anderem im Bergrecht. 1968 wurde er dort Wissenschaftlicher Rat und Professor, juristischer Beirat und Syndikus an der Bergakademie Clausthal; zusätzlich erhielt er einen Lehrauftrag an der TU Berlin.

Gemeinsam mit Raimund Willecke verfasste er den „Grundriss des Bergrechts“, der über Jahrzehnte als Lehrbuch genutzt wurde. 1970 wurde Turner in Hohenheim im Alter von 34 beziehungsweise nach anderer Darstellung 35 Jahren unter 41 Kandidaten zum ersten Präsidenten der Universität Hohenheim gewählt. Damit war er Deutschlands jüngster Universitätspräsident. Bis 1986 leitete er die Universität, wurde mehrfach beziehungsweise zweimal wiedergewählt.

Reformen, Reibung und klare Ansagen

Auf Turners Initiative erfolgte 1971/72 die erste Organisations- und Wirtschaftlichkeitsprüfung an einer deutschen Universität. Von 1971 bis 1973, beziehungsweise von 1972 bis 1974, war er Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz Baden-Württemberg. 1976 wurde er Vizepräsident, 1979 Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz. 1981 bestätigte man ihn für eine weitere zweijährige Amtszeit; von 1976 bis 1979 und von 1979 bis 1983 werden seine Funktionen auch entsprechend ausgewiesen.

Er stieß mit Reformvorschlägen und öffentlichen Äußerungen regelmäßig Diskussionen an – an Hochschulen, in Rektorenkonferenzen, später als Senator und in seinen Kolumnen. Berliner Hochschulleitungen nannte er „mutlos“, Wissenschaftsminister gehörten nicht unbedingt zur „ersten politischen Garnitur“. Turner erklärte, er habe bewusst häufig Dinge ausgesprochen oder geschrieben, die wichtig seien, aber nicht gern gehört würden. Wenn wissenschaftliche Institutionen die Wahrheit nicht aussprächen, sehe er es als seine Aufgabe an, dies zu tun.

Früh verlangte er kürzere Studienzeiten und eine stärker am angloamerikanischen Modell orientierte Hochschulstruktur. Bachelor- und Masterstudiengänge forderte er bereits seit Anfang der 1970er Jahre. Mehr Wirtschaftlichkeit, ein Management nach dem Vorbild von Unternehmen, sachgerechte Hochschulrankings und die Anerkennung außerhalb der Hochschulen erworbener Leistungen im sogenannten „Sandwich-System“ gehörten ebenfalls zu seinen Vorschlägen. Für die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit schlug er 1985 einen Kompromiss von zwölf beziehungsweise zwölf und einem halben Schuljahr vor.

Exzellenz verstand Turner primär als Qualität in den Köpfen, nicht als Eigenschaft von Organisationen. Der Hochschulreform widmete er eigene Bücher. Reformen, kritisierte er, lösten ein Problem oft nur vorläufig und schafften dadurch an anderer Stelle neue. „Hochschule zwischen Vorstellung und Wirklichkeit“ erschien 2001 zur Geschichte der Hochschulreform; die überarbeitete und erweiterte Fassung von 2018 trägt den Titel „Hochschulreformen. Eine unendliche Geschichte seit den 1950er Jahren.“

Senator ohne Parteibuch

Politisch blieb Turner parteilos, obwohl ihn der damalige CDU-Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen für die Politik gewann. 1986 berief Diepgen, der CDU angehörte, ihn in den von CDU und FDP getragenen Berliner Senat. Turner übernahm die Zuständigkeit für Wissenschaft und Forschung und blieb bis zur CDU-Niederlage bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl 1989 im Amt.

In dieser Zeit wurden die West-Berliner Akademie der Wissenschaften gegründet und ein Neubau des Wissenschaftszentrums Berlin eröffnet. Mehrere herausragende Wissenschaftler wurden berufen, darunter der Historiker Jürgen Kocka. Zu Turners 90. Geburtstag bezeichnete Kocka ihn als „Preuße, Professor, Public Intellectual“. Nach Kockas Einschätzung verkörperte Turner die Entwicklung Deutschlands vom Agrar- über das Industrie- zum Wissensland.

Die Forderungen nach höherer Effizienz sowie Turners Kritik am Finanzgebaren und an der Personalpolitik der Hochschulen führten zu Auseinandersetzungen. Sachlicher Streit und Widerspruch waren ihm lieber als breiter Konsens oder bloße Höflichkeiten. Trotzdem galt er als umgänglich: Nach einer Debatte konnte er mit anderen lachen und sich auf Lösungen verständigen. Auch seine langjährige Bekanntschaft mit Winfried Kretschmann passte zu diesem Bild eines diskussionsfreudigen, manchmal kantigen, aber geselligen Gegenübers.

Nach dem Regierungswechsel kehrte Turner auf einen bereits 1976 eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl an der Universität Hohenheim zurück. Von 1989 bis 2000 lehrte er dort Wirtschafts- und Agrarrecht sowie Wissenschaftsverwaltung und übernahm zusätzlich das Fach Agrarrecht. Ein inzwischen in dritter Auflage erschienenes Lehrbuch widmete sich diesem Gebiet. Die Wissenschaftsverwaltung wurde ausdrücklich in den Lehrstuhl aufgenommen, damit seine langjährigen Erfahrungen weiter genutzt werden konnten.

Nach der Öffnung der Mauer und der Deutschen Wiedervereinigung war Turner Gastprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin für Agrar- und Genossenschaftsrecht. Mit dem Genossenschaftsrecht sollte insbesondere dem Mittelstand eine mögliche Unternehmensform vermittelt werden. Von 1986 bis 1989 war er zudem Berliner Wissenschaftssenator, zuvor Professor für Agrarrecht in Berlin und Hohenheim sowie Professor für Bergrecht in Clausthal, Rektor und Präsident mehrerer Hochschulgremien und Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz.

Schreiben, beraten, einmischen

Nach seiner Emeritierung arbeitete Turner überwiegend publizistisch und beriet Medienunternehmen, unter anderem die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. Er schrieb regelmäßige Kolumnen für den Tagesspiegel und für die Preußische Allgemeine Zeitung. Seit mehr als zehn Jahren erschien im Tagesspiegel seine Reihe „Turners Thesen“; außerdem moderierte er die Veranstaltungsreihe „Treffpunkt Tagesspiegel“ und hielt Vorträge zu hochschulpolitischen Themen.

Zur Hochschulpolitik veröffentlichte Turner zwölf Bücher, mehr als 120