Gesundheitsversorgung ohne Versicherung: Wie die open.med-Praxis Menschen am Rand des Systems unterstützt
Im Hamburger „Westend“ liegt eine Praxis, in der medizinische Fragen selten allein kommen. Wer hier wartet, bringt oft auch Sorgen um die nächste Unterkunft, fehlende Papiere oder eine lange Geschichte mit. Die open.med-Praxis von Hoffnungsorte und Ärzte der Welt behandelt Menschen ohne Krankenversicherung.
Petko Lenkov, dessen Name geändert wurde, ist Mitte 60. Seit Jahren lebt er auf der Straße, zuvor arbeitete er unter anderem auf Baustellen. Nach der Diagnose Kehlkopfkrebs wurde er trotz fehlender Krankenversicherung als Notfall operiert. Sprechen kann er seitdem nicht mehr; eine Luftröhrenkanüle hilft ihm beim Atmen.
Ein Streifen Stoff, ein Tablet und viele offene Fragen
Im Wartezimmer fertigt Lenkov aus einem Stoffstreifen eine Halterung für die Kanüle an. Eine kleine Handarbeit, die hier ziemlich viel erzählt. Projektleiterin Bronwyn-Maria Margolis sagt, Lenkov pflege die Kanüle vergleichsweise gut. Die notwendige Folgeversorgung nach einem Luftröhrenschnitt sei trotzdem teuer und schwer zugänglich.
Die Praxis vermittelt ihn zunächst an einen HNO-Arzt. Gleichzeitig steht sie mit einer Sozialarbeiterin in Kontakt, die Lenkov unter anderem bei der Suche nach einer Unterkunft unterstützt. Medizin und Alltag hängen eben aneinander, ob man das nun organisatorisch praktisch findet oder nicht.
Der ehrenamtliche Arzt Dr. Hans-Heiner Stöver kommuniziert mit Lenkov über eine bulgarische Online-Dolmetscherin. Lenkov schreibt seine Antworten auf einen Zettel und hält ihn in die Kamera eines Tablets. Stöver verschreibt Medikamente und stellt einen Brief für den HNO-Arzt aus.
Als Lenkov fragt, wie er sich ohne Sprechfähigkeit dort anmelden könne, kündigt Stöver die Begleitung durch eine Sprachmittlerin an. Ein Satz, der nach Bürokratie klingt und doch über den Zugang zu weiterer Behandlung entscheiden kann.
Wenn Arbeit, Wohnen und Gesundheit ineinandergreifen
Atemwegserkrankungen können mit schwierigen Lebensbedingungen zusammenhängen. Bauarbeiter sind wegen häufiger Schadstoffbelastung einem erhöhten Risiko für Kehlkopfkrebs ausgesetzt. Laut dem Artikel betrifft das besonders Menschen in unsicheren Arbeitsverhältnissen.
Fehlender Versicherungsschutz kann außerdem dazu führen, dass Erkrankungen später erkannt und behandelt werden. Dann wird aus einem Arztbesuch schnell ein Notfall, und aus der Notfallversorgung beginnt ein mühsamer Weg durch Facharzttermine, Nachsorge und Zuständigkeiten.
Die Ehrenamtliche Brigitta Klimach berichtet von einem nahegelegenen Mietshaus mit starkem Schimmelbefall. Ursache sei unterlassene Instandhaltung. Der muffige Geruch, die feuchten Wände, die Atemwege, die irgendwann nicht mehr mitmachen: Ganz so weit liegen diese Dinge nicht auseinander, auch wenn sie in verschiedenen Aktenordnern landen.
Grundrechte, die nicht an der Versicherungskarte enden
Ärzte der Welt leitet daraus ab, dass Gesundheitsversorgung auch die Lebensumstände berücksichtigen muss. Bei Lenkov bedeutet das nicht nur Medikamente und eine Überweisung, sondern auch Sprachmittlung, Unterstützung bei der Unterkunft und eine erreichbare Folgeversorgung für die Kanüle.
Die medizinische Versorgung und gesunde Lebensbedingungen werden im Artikel als Grundrechte beschrieben, die allen Menschen in Deutschland gewährleistet werden sollten. Der Besuch in der open.med-Praxis zeigt, wie schnell diese Rechte im echten Leben mit Armut, Wohnungslosigkeit, unsicheren Arbeitsverhältnissen und fehlender Versicherung kollidieren.
Heute, am 14.10.2026, bleibt im Hamburger „Westend“ deshalb ein Bild hängen: ein Mann, ein Tablet, ein handgeschriebener Zettel und ein schmaler Stoffstreifen, der eine Luftröhrenkanüle hält.
Quelle: Ärzte der Welt
