Am 23. Oktober 2026 sorgt ein 59-seitiges Papier der Goethe-Universität Frankfurt für Unruhe – auch an der Uni Mainz, mit der Frankfurt gemeinsam mit der Universität Darmstadt einen Exzellenzverbund bildet. Das Präsidium will die Hochschule grundlegend neu aufstellen. Der Senat hält das vorgelegte Rahmenkonzept in seiner aktuellen Form allerdings einstimmig für „nicht zustimmungsfähig“.

Der Ärger entzündet sich vor allem an der Kommunikation. Fachbereiche, Beschäftigte und Studierende seien an der Ausarbeitung kaum beteiligt worden. Der Allgemeine Studierendenausschuss, kurz AStA, erklärte sogar, erst aus der Presse von dem Papier erfahren zu haben. Mathilde Henning aus dem AStA-Vorstand nannte das Vorgehen autoritär und undemokratisch und verlangt, die Studierendenschaft einzubeziehen.

Sieben Fachbereiche statt 16

Das Konzept trägt den Titel „Zukunftsfähigkeit gestalten – Rahmenkonzept für die Goethe-Universität als Stiftungsuniversität 2031+“. Vorgesehen ist, die Zahl der Fachbereiche von 16 auf sieben zu senken. Mehrere bislang eigenständige Fakultäten sollen zusammengelegt werden, die Medizin soll eigenständig bleiben. Aus fünf geisteswissenschaftlichen Fachbereichen würden zwei.

Institute mit nur einer oder zwei Professuren sollen entfallen. Künftig sollen Institute jeweils acht bis 16 Professuren umfassen. Von derzeit mehr als 600 Professuren könnten dadurch rund 60 wegfallen. Nach Berichten der FAZ und der Frankfurter Rundschau sollen die Änderungen 2027 beschlossen und ab 2028 umgesetzt werden. Über die Reform wollen Präsidium und Senat gemeinsam entscheiden.

Der Senat hat die Neustrukturierung dennoch nicht grundsätzlich verworfen: 25 von 29 Mitgliedern wollen das Konzept als Grundlage für weitere Beratungen nutzen. Vorher müssten offene Fragen geklärt und die Vorschläge überarbeitet werden. Spätestens am 18. November will sich das Gremium erneut damit befassen.

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Nikolaus Müller-Schöll, Professor für Theater-, Film- und Medienwissenschaft und Senatsmitglied, sagt, er sei erst kurzfristig informiert worden. Das Ausmaß der Pläne sei ihm erst durch die Presseberichte klar geworden. Eine eigentlich von unten geplante Reform werde „top-down“ umgesetzt, kritisiert er. Die vorgesehenen Zusammenlegungen hält Müller-Schöll nicht für sinnvoll; betroffene Fachbereiche seien nicht einbezogen worden und arbeiteten bereits an eigenen Lösungsvorschlägen. Außerdem bezweifelt er, dass angesichts der ohnehin hohen Belastung der Universität der richtige Zeitpunkt für einen solchen Umbau gekommen ist.

Sparen unter dem Hochschulpakt

Hinter dem Vorstoß stehen die Sparvorgaben des hessischen Hochschulpakts 2026–2031. Allein 2026 sollen die hessischen Hochschulen rund 30 Millionen Euro einsparen. Die Goethe-Universität hat sich verpflichtet, durchschnittlich zehn Prozent ihres jährlichen Budgets einzusparen. 2025 hatte sie mehr als 40.000 Studierende und ein Budget von knapp 837 Millionen Euro.

Das Präsidium verweist außerdem auf den demografischen Wandel, Künstliche Intelligenz und die Digitalisierung. Mögliche Synergien mit Mainz und Darmstadt sollen genutzt werden. Die Hochschulleitung nennt das Papier ausdrücklich einen Entwurf und Vorschlag und hält angesichts der Kürzungen „mutige strukturelle Veränderungen“ für notwendig.

Die Universität stellt zugleich klar: Weder im Fachbereich Physik noch in anderen Fachbereichen seien betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen worden. Das Präsidium schließt solche Kündigungen auch künftig ausdrücklich aus. Es bezeichnet das Rahmenkonzept als ersten Entwurf, der in den kommenden Monaten unter Beteiligung der universitären Gremien weiterentwickelt werden soll.

Die Frankfurter Linke kritisiert die Pläne ebenfalls. Stadtverordnete Heike Leitschuh bezeichnete den möglichen Abbau von 60 Professuren als „bildungspolitische Katastrophe“. Besonders problematisch seien die Einschnitte in den Sozialwissenschaften: Deren Expertise werde angesichts zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung gebraucht. Anfang Oktober war die Goethe-Universität gemeinsam mit den Universitäten Mainz und Darmstadt als Exzellenzverbund ausgezeichnet worden. Für Leitschuh passt diese Auszeichnung nicht zu Einschnitten in die breite Wissenschaft.

Die finanzielle Notlage der Hochschulen führt Leitschuh auf die schwarz-rote Landesregierung zurück. CDU und SPD müssten den Hochschulpakt grundlegend überarbeiten; die Förderung von Spitzenforschung ersetze keine ausreichende Grundfinanzierung. Sie kritisiert auch Universitätspräsident Enrico Schleiff wegen des Umgangs mit den Reformplänen, fordert mehr Mitsprache für Studierende, Lehrende und Beschäftigte und unterstützt die AStA-Kritik an der Kommunikation des Präsidiums. Bei Veränderungen dieser Größenordnung brauche es einen demokratischen Austausch innerhalb der Hochschule.

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft warnt. Simone Claar von der GEW Hessen rechnet mit einem deutlichen Qualitätsverlust im Studium und einer höheren Arbeitsbelastung für Beschäftigte. In mehreren hessischen Universitätsstädten regt sich Widerstand gegen den Hochschulpakt; in Gießen veranstalteten Studierende eine Kundgebung.

Ein Pakt mit engem finanziellen Spielraum

Der Hessische Hochschulpakt soll trotz Haushaltskonsolidierung verlässliche Rahmenbedingungen für Forschung und Lehre sichern, die Hochschulautonomie stärken und bürokratische Vorgaben reduzieren. Wissenschaftsminister Timon Gremmels erklärte, die Verhandlungen seien von Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein geprägt gewesen. Der Pakt schaffe Planungssicherheit für sechs Jahre – der finanzielle Spielraum sei allerdings begrenzt.

Er tritt am 1. Januar 2026 in Kraft und gilt bis 2031. Die Hochschulen leisten 2026 einen Konsolidierungsbeitrag von rund 30 Millionen Euro, entsprechend 1,3 Prozent ihres Budgets von 2025. 2027 kehrt das Budget auf das Niveau von 2025 zurück, ab 2028 steigen die Budgets jährlich. Die Hochschulen setzen die Konsolidierungsmaßnahmen eigenverantwortlich im Rahmen ihrer Autonomie um; das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur (HMWK) macht dafür keine konkreten Vorgaben, sondern schließt mit jeder Hochschule individuelle Zielvereinbarungen.

Jährlich 22 Millionen Euro Digitalmittel werden in den Pakt integriert. Davon stammen 12 Millionen Euro jährlich aus dem Programm hessian.AI und 10 Millionen Euro jährlich, also 50 Prozent der Mittel aus dem Digitalpakt Hochschulen. Ein neues, erweitertes Sockelbudget ersetzt zahlreiche Einzeltöpfe und Landesprogramme. Bisherige Förderprogramme werden dauerhaft fortgeführt, die Hochschulen erhalten mehr Flexibilität bei der Verwendung ihrer Budgets.

Ab 2028 stehen jährlich mindestens 37,5 Millionen Euro für die Finanzierung von Tarifabschlüssen ab 2027 bereit. Bei Tarifabschlüssen von mehr als vier Prozent will das Land zusätzliche Mittel bereitstellen, um strukturelle Defizite der Hochschulen zu vermeiden. Der Anteil der leistungsorientierten Finanzierung steigt von 15,5 Prozent im Jahr 2025 auf 18,1 Prozent im Jahr 2026. Die neue Förderlinie „STEP“ soll Strukturentwicklung und Profilbildung mit einem transparenten und administrativ schlanken Verfahren unterstützen.

Ausgehandelt wurde der Pakt seit Mai 2024. Damals gab es einen gemeinsamen Auftakt; noch im selben Monat wurde die Struktur des Verfahrens auf einer Hochschulleitungstagung beschlossen. Beteiligt waren das HMWK, das Hessische Finanzministerium (HMdF) und die Hochschulen. Sechs Hochschulleitungstagungen dienten der strategischen Abstimmung und als übergeordnetes Entscheidungsgremium. Die Arbeitsgruppe „Ziele“ entwickelte in zehn Sitzungen hochschulpolitische Leitlinien, die Arbeitsgruppe „Budgetierung“ erarbeitete ebenfalls in zehn Sitzungen die finanzielle Ausgestaltung. Gemeinsam entstanden das Finanz- und das Zielekapitel des Pakts.

Staatssekretär Christoph Degen und Minister Timon Gremmels begleiteten die Verhandlungen kontinuierlich. Finanzminister Prof. Dr. R. Alexander Lorz nahm an Gesprächen mit Hochschulleitungen und Senaten teil. Das HMWK führte zusätzlich Gespräche mit Gewerkschaften, der Landes-Asten-Konferenz und verschiedenen Statusgruppen der Hochschulen. Die Hochschulen legten eine Protokollnotiz vor, in der sie ihre Bedenken festhielten.

Die Präsidien der 14 beteiligten Hochschulen unterzeichneten den Pakt, erklärten aber, dass ihre grundsätzliche Kritik fortbestehe. Sie befürchten, dass die finanzielle Grundsicherung und Entwicklungsfähigkeit der Hochschulen gefährdet werden, und lehnen die vorgesehenen finanziellen Kürzungen sowie den strukturellen Abbau des Hochschulsektors ab. Positiv bewerten sie, dass einzelne Landesprogramme in das Sockelbudget überführt werden, weil dies Bürokratie abbaut und mehr Flexibilität ermöglicht.

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