Am Münchner Flughafen trainieren seit September nicht Reisende, sondern Roboter. Im „RoboGym“ geht es allerdings nicht um Hanteln oder Laufbänder. Die Maschinen üben Waschbecken putzen, Kartons verräumen und Betten machen – also Tätigkeiten, die im Alltag unspektakulär wirken, für Roboter aber ziemlich knifflig sein können.

Hinter dem Projekt stehen die Technische Universität München (TUM) und der schwäbische Roboterhersteller Neura Robotics. Forschende, Studierende und Unternehmen können die gemeinsame Infrastruktur für Forschung und Training nutzen. Das Zentrum soll drei Jahre bestehen; zum Start investieren TUM und NEURA Robotics gemeinsam rund 17 Millionen Euro. Rund 11 Millionen Euro davon übernimmt NEURA Robotics.

Training für die echte Welt

Das TUM RoboGym entsteht im TUM Convergence Center am Münchner Flughafen zunächst auf 2.300 Quadratmetern. Eine zeitnahe Erweiterung ist geplant. Ab Mitte 2026 soll dort eine große Flotte humanoider Roboter unter realen Bedingungen trainieren. Perspektivisch soll das Zentrum auch Industriepartnern und Start-ups offenstehen.

Auf dem Trainingsplan stehen verschiedene Robotertypen: humanoide Roboter, mobile Assistenzroboter ohne menschliche Form und Roboterarme. Sie sollen Aufgaben schneller erlernen und zuverlässiger ausführen. Dafür reicht ein KI-Modell allein nicht aus. Die Maschinen müssen Daten über die reale Welt verarbeiten, verstehen, wie sich Gegenstände und Materialien verhalten, und einschätzen, welche Kräfte beim Greifen, Heben oder Schieben nötig sind.

Diese Verbindung aus künstlicher Intelligenz und körperlicher Erfahrung wird „physische KI“ oder „Physical AI“ genannt. Reale Roboterdaten werden mit Simulationen kombiniert. Zusätzlich führen Menschen Tätigkeiten vor. Ein Roboter sieht also nicht bloß, dass ein Karton bewegt wird, sondern soll nach und nach begreifen, wie sich der Karton anfühlt, wie schwer er ist und was passiert, wenn er nicht gerade gegriffen wird. Ganz schön viel Lernstoff für eine Maschine.

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Vom Flughafen in viele Branchen

Die Einsatzmöglichkeiten reichen von Landwirtschaft und Logistik über Verpackung und die Automobilindustrie bis zur Pharmaindustrie und Pflege. Das Training soll die Entwicklung und Skalierung intelligenter Robotik unterstützen. Die im RoboGym erzeugten Trainingsdaten sollen größtenteils über das Neuraverse, NEURAs hardwareübergreifende Plattform, der Robotik-Community und Entwicklerinnen und Entwicklern zur Verfügung gestellt werden.

Damit will das Zentrum realitätsnahe Trainingsumgebungen zugänglich machen und die Entwicklung neuer Fähigkeiten für kognitive Roboter beschleunigen. NEURAs kognitive Roboter verfügen nach Angaben des Unternehmens über Seh-, Hör- und Tastsinn, handeln autonom und lernen aus Erfahrungen. Langfristig soll die Kooperation sogar eine Grundlage für ein weltweit nutzbares Betriebssystem für Roboter schaffen.

NEURA Robotics wurde 2019 von David Reger in Metzingen gegründet. Das Unternehmen entwickelt nach eigenen Angaben Roboter für Industrie und Haushalt sowie das Neuraverse. Neben Personal stellt NEURA für das RoboGym Roboter und technische Infrastruktur bereit. Ein weiteres „RoboGym“ ist gemeinsam mit der Technischen Hochschule Aachen geplant; zusätzliche Standorte sind in Europa, den USA und China vorgesehen.

Warum Physical AI gerade jetzt wichtig wird

Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA beschreibt Physical AI und KI-basierte Robotik als Entwicklung, die die Automatisierung grundlegend verändert. Roboter sollen sich von fest programmierten Maschinen zu intelligenten Systemen wandeln, die ihre Umgebung wahrnehmen, aus Erfahrungen lernen und autonom handeln können.

Der Druck dafür kommt nicht nur aus den Laboren. Fachkräftemangel, demografischer Wandel sowie steigende Anforderungen an Produktivität und Effizienz treiben die Entwicklung an. Im globalen Wettbewerb treffen vor allem China, die USA und Europa aufeinander. Deutschland bringt laut der Studie gute Voraussetzungen für eine führende Rolle mit: eine starke industrielle Basis, hohe Automatisierungskompetenz, Expertise im Maschinenbau und Know-how in der Sensorik.

Entscheidend sind dabei nicht bloß Roboter mit menschenähnlicher Gestalt. Große wirtschaftliche Chancen und langfristige Wertschöpfung werden auch bei künstlicher Intelligenz, Software, Daten, Sensorik und Halbleitern erwartet. Die Studie „KI meets Robotik“ erstellte das Fraunhofer IPA im Auftrag des FERI Cognitive Finance Institute.

Am Münchner Flughafen klingt das alles zunächst nach Waschbecken, Kartons und frisch gemachten Betten. Dahinter steckt jedoch ein ziemlich großer Versuch: Maschinen sollen nicht nur Befehle abarbeiten, sondern sich in einer echten, manchmal widerspenstigen Welt zurechtfinden.