Vom 27. bis 29. Mai 2026 findet an der Justus-Liebig-Universität Gießen die internationale Konferenz „Narrating Catastrophes: References to the (European) Holocaust and their Function“ statt. Organisiert von Prof. Dr. Verena Dolle vom Institut für Romanistik, versammelt die Konferenz Expertinnen und Experten aus Europa, Lateinamerika und den USA, um sich mit der Darstellung von menschengemachten Katastrophen in der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts auseinanderzusetzen. Im Fokus steht das Verständnis des europäischen Holocaust als „reisendes Gedächtnis“, das in unterschiedlichen kulturellen Kontexten transformiert wird. Dies wird als eine zentrale Herausforderung im Gedenken an den Holocaust betrachtet, insbesondere in Bezug auf die Verifizierung von Aussagen und Wahrheiten.
Diskussionen während der Konferenz sollen den interdisziplinären Austausch zwischen Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft sowie Rechts- und Friedenswissenschaften fördern. Ein zentrales Element der Veranstaltung ist das Forschungsprojekt „Entangled Memories and their Dynamics: ‘h/Holocaust‘ in Colombian Literature from 1985 until 2022“, das untersucht, wie der Begriff „Holocausto“ im kolumbianischen Diskurs verwendet wird und welche Rolle Literatur bei der Verflechtung von Erinnerungssträngen globaler Gewalt spielt.
Holocaustliteratur im Fokus
Der Begriff „Holocaustliteratur“ hat seit den 1980er Jahren an Bedeutung gewonnen und wurde ursprünglich in den USA geprägt, maßgeblich von der Literaturwissenschaftlerin und Holocaust-Überlebenden Susan Cernyak-Spatz. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Genre hat sich auch in Deutschland etabliert, obwohl umstritten bleibt, welche Texte tatsächlich zur Holocaustliteratur zählen. In Bezug auf das Gießener Verständnis wird ein weit gefasstes Konzept verfolgt, das bereits mit den Verbrechen der Nationalsozialisten ab 1933 beginnt und verschiedenste Verfolgungsgruppen umfasst, darunter Juden, politische Gegner, Homosexuelle, Sinti und Roma sowie Zeugen Jehovas.
Die Gattung der Holocaustliteratur hat sich aus der frühen Lagerliteratur entwickelt, die Berichte, Tagebücher und autobiografische Werke von Opfern und Überlebenden umfasst. Diese frühesten Texte bilden die Basis für eine eigenständige Gattung, die sich durch gemeinsame Merkmale auszeichnet. Zugleich umfasst die Gießener Definition nicht nur authentische Zeugnisse von Betroffenen, sondern auch fiktionale Werke, die entweder von direkt betroffenen Personen oder von Angehörigen der Nachfolgegenerationen verfasst wurden. Diese Vielfalt macht die Holocaustliteratur zu einem bedeutenden Bereich der Literaturwissenschaft.
Öffentliche Podiumsdiskussion
Ein Highlight der Konferenz ist eine öffentliche Podiumsdiskussion, die am 29. Mai 2026 um 19 Uhr im Margarete-Bieber-Saal stattfindet. Der Titel der Diskussion lautet: „Holocaust Legacy in Present Times: Challenges for Veracity and Truth?“ Die Diskutierenden sind namhafte Expertinnen und Experten, darunter Prof. Dr. Saúl Sosnowski von der University of Maryland, Dr. Anika Binsch von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der JLU und Paul Scheidt von der Philipps-Universität Marburg. Die Moderation übernimmt Prof. Dolle.
Insgesamt lädt die Konferenz dazu ein, das Bewusstsein für die Herausforderungen des Holocaust-Gedenkens zu schärfen und die Komplexität der damit verbundenen Fragen in einem globalen Kontext zu beleuchten. Die Veranstaltung findet im International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) in Gießen statt, im Multifunktionsraum, Otto-Behaghel-Straße 12. Weitere Informationen sind auf der Website der Justus-Liebig-Universität Gießen verfügbar.