Leipzigs Strukturwandel: BioTech, Trinkwasserleitung und eine Bootspassage auf Schienen
Leipzig verteilt die nächsten Strukturwandel-Millionen – und steckt sie nicht nur in Forschung, sondern auch in Wasserleitungen und eine ungewöhnliche Bootspassage. Am 28. Oktober 2026 stimmte der Stadtrat der Vorlage zum Strukturwandel im Mitteldeutschen Braunkohlerevier und den Projekten für die Förderperiode 2027–2032 zu. Für die Universität Leipzig und ihr Umfeld ist das durchaus relevant: Wo früher Kohle den Takt vorgab, sollen nun Forschung, Gründungen, Infrastruktur und neue Landschaften tragen.
Hintergrund ist der beschlossene Kohleausstieg bis 2038, im Leipziger Revier bis 2035. In der zweiten Förderperiode stehen dem Mitteldeutschen Revier 348,42 Millionen Euro zur Verfügung. Das ist weniger als in der ersten Runde mit 425,85 Millionen Euro. 100 Millionen Euro sind für das Projekt „Spurwechsel“ vorgesehen. Damit könnte der Bundesanteil am Großforschungszentrum CTC möglicherweise bereits ab 2029 und nicht erst nach 2038 finanziert werden. Für Leipzig verbleiben dadurch voraussichtlich 56,37 Millionen Euro.
BioTech und Trinkwasser statt weiterer Wunschlisten
Leipzig meldet für die zweite Förderperiode zwei Projekte an. Das Technologie- und Gründerzentrum BioTech soll 2028 starten; beantragt sind 35,49 Millionen Euro. Geplant ist, die Leipziger Forschungslandschaft enger mit dem Life-Science-Innovationscluster zu verbinden und mehr Technologietransfer in die Wirtschaft zu bringen. Biotechnologie soll dabei die Wirtschaft diversifizieren, den Mittelstand stärken und Beschäftigungsmöglichkeiten sichern. Für Studierende und Forschende klingt das nach Labor, Gründungsidee und vielleicht einem Arbeitsplatz, der nicht gleich in eine andere Stadt führt.
Das zweite Vorhaben heißt „Westringschluss“ und kommt von den Leipziger Wasserwerken. Vorgesehen ist eine etwa 5,9 Kilometer lange Trinkwasser-Zubringerleitung zwischen Großzschocher und Südring Markkleeberg. Sie soll den Trinkwasser-Versorgungsring um Leipzig schließen. Beantragt sind dafür 34,40 Millionen Euro. Nicht glamourös, zugegeben – aber eine Leitung funktioniert auch dann, wenn niemand ein Foto davon macht.
Andere Vorhaben wurden zunächst zurückgestellt. Beim Music Hub „Gleisdreieck Connewitz“ sind Lärmprobleme ungelöst. Für den Landschaftspark „Lindenauer Hafen“ fehlt noch ein Masterplan. Das Technologie- und Gründerzentrum für Energiesysteme „Energy City“ mit veranschlagten Kosten von 30 Millionen Euro könnte ab der dritten Förderperiode ab 2032 angemeldet werden. Eine Finanzierung der Mehrzweckhalle im Sportforum, deren Kosten auf 88 Millionen Euro geschätzt werden, ist über das Strukturwandelprogramm nicht vorgesehen.
Ob für die Halle im Zusammenhang mit der Leipziger Olympiabewerbung doch Mittel bereitgestellt werden können, bleibt offen. Die Finanzplanung des städtischen Sportprogramms 2040 ist noch nicht beschlossen. Hier ist also noch nichts in Stein gemeißelt.
Was die erste Förderperiode bereits verändert hat
In der ersten Förderperiode floss Geld unter anderem in das Naturkundemuseum im ehemaligen Bowlingtreff: 70 Millionen Euro. Die Offenlegung des letzten Teilstücks des Elstermühlgrabens wurde mit 6,6 Millionen Euro unterstützt, die Berufsfachschule St. Georg mit 13,32 Millionen Euro. Für das KI-Rechenzentrum der Universität Leipzig auf der Alten Messe waren 55,8 Millionen Euro vorgesehen.
Auch die Mitteldeutsche S-Bahn bekam einen großen Anteil: 113,54 Millionen Euro für Batteriezüge. Sie sollen ab Dezember auf der Linie S1 eingesetzt werden. Das ist Strukturwandel zum Einsteigen, mit Fahrplan und Sitzplatz – sofern einer frei ist.
Zum Mitteldeutschen Braunkohlerevier gehören auf sächsischer Seite vier Landkreise. In Sachsen-Anhalt zählen der Landkreis Anhalt-Bitterfeld, der Burgenlandkreis, Mansfeld-Südharz, der Saalekreis und die kreisfreie Stadt Halle (Saale) dazu. Das Revier ist ein Braunkohleabbaugebiet in der Metropolregion zwischen Halle und Leipzig und umfasst 12.200 Hektar Betriebsfläche in neun Landkreisen in Sachsen und Sachsen-Anhalt.
Eine Region mit langer Kohlegeschichte
Der Begriff „Revier“ bezeichnet eine Region, die durch ein bestimmtes Rohstoffvorkommen oder einen dominierenden Industriezweig geprägt ist. In Deutschland meint „Bergbaurevier“ Gebiete, in denen Braunkohle, Steinkohle, Kalisalz oder Metalle abgebaut werden oder wurden. Aktuell gibt es vier aktive Kohlereviere mit insgesamt zehn Tagebauen: das Helmstedter, das Lausitzer, das Rheinische und das Mitteldeutsche Revier.
Das Mitteldeutsche Revier blickt auf eine über 150-jährige Geschichte des Braunkohleabbaus zurück, der überwiegend im Tagebau erfolgte. Der Bergbau trug zum wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands und zur Urbanisierung der Region bei. In der Nähe der Abbaugebiete entstanden bedeutende Industriestandorte, darunter die chemische Industrie im Raum Halle.
Vor etwa 50 Millionen Jahren, im Tertiär, lagerten sich im Raum Leipzig in feuchten, sumpfigen Gebieten organische Materialien ab. Sedimente bedeckten sie, Druck und Temperatur stiegen. Zuerst entstand Torf, später durch weiteren Druck, Wasserverlust und zunehmenden Kohlenstoffgehalt Braunkohle.
Während der Industrialisierung wuchs die Nachfrage nach Steinkohle stark. Braunkohle spielte wegen ihres niedrigen Heizwerts und fehlender technischer Möglichkeiten bis 1919 nur eine geringe Rolle. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte Deutschland wegen Gebietsverlusten und hoher Reparationsforderungen verstärkt auf Braunkohle. Das Mitteldeutsche Revier wurde zu einem wichtigen Fördergebiet und lieferte vor dem Zweiten Weltkrieg 40 Prozent der deutschen Braunkohle.
Auch heute bleibt Kohle trotz ihres hohen Wassergehalts ein bedeutender Energieträger in Deutschland. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts deckte sie 2024 22,5 Prozent der inländischen Stromerzeugung, 2025 waren es 22,1 Prozent. Seit 1970 hat die Kohlequalität abgenommen, unter anderem wegen des hohen Wasser- und Schwefelgehalts. Das beeinflusst Verbrennungseffizienz und Kosten.
In Sachsen-Anhalt liegt mit dem Tagebau Profen einer der letzten aktiven Großtagebaue des Mitteldeutschen Reviers; dort soll bis 2035 Braunkohle gefördert werden. Westlich von Halle produziert ROMONTA Montanwachs für die Kunststoff- und Bauindustrie. Das Montanwachs wird aus bitumenreicher Braunkohle des Tagebaus Amsdorf gewonnen. Dort sollen bis 2030 mehr als fünf Millionen Tonnen Kohle gefördert werden.
Das Rheinische Revier ist das größte deutsche Braunkohlerevier und prägt die Region seit dem 19. Jahrhundert durch Industrialisierung und Energieversorgung. Das Lausitzer Revier ist das zweitgrößte; es liegt in Brandenburg und Sachsen und versorgt vor allem regionale Kraftwerke. Das Helmstedter Revier wurde 2016 mit der Schließung des Tagebaus Schöningen und des Kraftwerks Buschhaus stillgelegt. Seither konzentriert man sich dort auf Strukturwandel, erneuerbare Energien und die Renaturierung ehemaliger Abbauflächen.
Schiffseisenbahn zwischen zwei Seen
Der Landkreis Leipzig möchte zusätzlich die sogenannte „Schiffseisenbahn“ zwischen dem Cospudener und dem Zwenkauer See über Strukturmittel finanzieren. Antragsteller für die „Bootspassage Neue Harth“ ist der Zweckverband Neue Harth, dem auch Leipzig angehört.
Geplant ist ein wassergefüllter, schienengebundener Trog für muskelbetriebene, motorisierte und Segelboote sowie Fahrgastschiffe. Die Projektkosten werden mit rund 90 Millionen Euro angegeben; im Förderantrag waren 91,46 Millionen Euro veranschlagt. Gutachten, auf die sich der Antrag unter anderem stützt, erwarten erhebliche touristische Effekte. Ein Boot auf Schienen – klingt erst einmal nach einer Idee, bei der man zweimal hinschaut. Der Stadtrat stimmte der Anmeldung der beiden Leipziger Projekte sowie dem Projekt Schiffseisenbahn ohne Gegenstimmen zu.
Die Deutsche Bahn beschreibt sich als aktiven Akteur des Strukturwandels im Mitteldeutschen Revier und setzt dort zahlreiche Infrastrukturprojekte um. Die Region befindet sich seit vielen Jahren in einem sichtbaren Transformationsprozess. Ehemalige Abbaugebiete werden zunehmend durch Landschaften, Naherholungsgebiete und neue Nutzungen ersetzt; als Beispiel gilt das Leipziger Neuseenland mit seinen Seenlandschaften, neuen Flächennutzungen und Infrastrukturansiedlungen.
Der geplante Braunkohleausstieg bis 2038 stellt die Region vor große Herausforderungen. Ziel des Strukturwandels ist eine attraktive
