Am 12. November ist Michael Krüger im Literaturhaus Hannover zu Gast. Der Schriftsteller, Dichter, Verleger und Übersetzer liest aus seinem neuen Gedichtband „Die Wiedereinführung der Sanduhr“ und spricht über dieses Buch sowie weitere Werke. Moderiert wird der Abend von Thomas Schaefer. Tickets gibt es über die Website des Literaturhauses Hannover.

Krüger stellt außerdem sein neues Kinderbuch „An Großvaters Hand“ vor. Dazu kommen Erinnerungen an Begegnungen mit Künstlerinnen und Künstlern, die in den Bänden „Verabredungen mit Dichtern“ und „Unter Dichtern“ versammelt sind. Ein Abend also, der zwischen Gedicht, Gespräch, Kinderbuch und literarischem Werkstattbericht hin- und herspringt.

Gedichte zwischen Tagebuch und Weltgeschehen

„Die Wiedereinführung der Sanduhr“ enthält zahlreiche datierte Gedichte, die ursprünglich aus Michael Krügers Tagebuch stammen. Für die Buchausgabe wurden die Texte in Zyklen neu geordnet und zeitlich wie thematisch miteinander verknüpft. Der dokumentierte Zeitraum reicht vom 1. November 2020 bis zum 28. Mai 2022 – von der Corona-Pandemie bis zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Es ist eine Zeit, in der politische und historische Gewissheiten ins Wanken geraten. Krügers Gedichte beobachten politische Ereignisse und ihre gesellschaftlichen Folgen: die Zerstörung von Landschaften, die tägliche Berichterstattung über politische Krisen und den Krieg in der Ukraine. Politiker spricht er teilweise direkt an. Außenminister Sergej Lawrow fragt er nach der Musik, die er hört, um nicht an die Zahl der Toten denken zu müssen. Gerhard Schröder wird mit den Bildern einer alten Frau konfrontiert, die aus dem Kriegsgebiet evakuiert wurde.

Im Zyklus „Zwölf Gedichte“ aus dem Jahr 2022 wird angesichts des Erlebten ein sprachloses Entsetzen spürbar; der Nachruf, heißt es dort, könne nur aus Schweigen bestehen. Und dann sind da die anderen Bilder, die leiser daherkommen: Vögel werfen sprechende Schatten, Ameisen bauen eine Straße bis zu einem Dach, eine Straße, die nur aus Bewegung besteht.

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Eine wiederkehrende Figur ist der Esel Nepomuk. Er ist schwerhörig und „Heide aus Gewohnheit“. Eine christliche Erlösungshoffnung braucht er nicht. Am Ende des Buches bleibt trotz aller Krisen ein vorsichtiger Hoffnungsschimmer: Die Geschichte torkelt zwar, fällt aber nicht zwangsläufig um.

Die Nachbemerkung nennt drei Erfahrungen, die Krügers Gedichte prägen: das Leben in einer ländlichen Umgebung, der Tod enger Freunde sowie die Erfahrung des Krieges und die anhaltende Bereitschaft zu groß angelegten bewaffneten Konflikten. Das klingt schwer – und ist es auch. Zugleich bleiben in diesen Texten Natur, Tiere und schräge, fast beiläufige Bilder lebendig.

Ein Leben zwischen Verlag und Vers

Michael Krüger lebt in München. Er wurde am 9. Dezember 1943 in Wittgendorf im Landkreis Zeitz geboren und wuchs in Berlin-Nikolassee in einer protestantischen Familie auf. Als Jugendlicher sang er im Kirchenchor und war Mitglied der Christlichen Jungenschaft.

Nach dem Abitur absolvierte er beim Herbig-Verlag eine Lehre zum Verlagsbuchhändler; außerdem machte er eine Ausbildung zum Buchdrucker. Nebenher hörte er Philosophievorlesungen an der Freien Universität Berlin. Von 1962 bis 1965 arbeitete er als Buchhändler in London. Später war er Literaturkritiker und Herausgeber.

Ab 1968 arbeitete Krüger als Verlagslektor beim Carl Hanser Verlag. Reinhard Lettau vermittelte ihm die Stelle und empfahl ihm, Lars Gustafsson ins Verlagsprogramm aufzunehmen. Krüger wurde 1986 literarischer Leiter und 1995 Geschäftsführer. Von 1986 bis 2013 leitete er den Verlag; zum 31. Dezember 2013 schied er aus, sein Nachfolger wurde Jo Lendle.

1973 gründete Krüger gemeinsam mit mehreren Autoren in München die erste genossenschaftlich organisierte Autorenbuchhandlung. Seine literarische Tätigkeit begann zunächst mit Vor- und Nachwörtern zu von ihm herausgegebenen Anthologien und Sammelbänden. 1976 erschien sein erster Gedichtband „Reginapoly“, 1984 die erste Erzählung „Was tun?“. Es folgten die Novelle „Das Ende des Romans“ (1990) und mit „Der Mann im Turm“ (1991) sein erster Roman. Insgesamt erschienen laut dem genannten Artikel vier Romane.

Seit 1972 veröffentlicht Krüger Lyrik, Prosa, Editionen und Übersetzungen. Zu seinen Büchern gehören unter anderem „Diderots Katze“ (1978), „Aus der Ebene“ (1982), „Die Dronte“ (1985), „Himmelfarb“ (1993), „Die Cellospielerin“ (2000), „Das falsche Haus“ (2002), „Die Turiner Komödie“ (2005), „Unter freiem Himmel“ (2007), „Ins Reine“ (2010), „Umstellung der Zeit“ (2013), „Der Gott hinter dem Fenster“ (2015), „Das Irrenhaus“ (2016), „Einmal einfach“ und „Vorübergehende“ (beide 2018), „Mein Europa“ (2019), „Meteorologie des Herzens“ und „Im Wald, im Holzhaus“ (beide 2021), „Was in den zwei Wochen nach der Rückkehr aus Paris geschah“ und „Das Strandbad“ (beide 2022), „Verabredung mit Dichtern“ (2023), „Unter Dichtern“ (2025) sowie nun „Die Wiedereinführung der Sanduhr“ (2026). Bis 2025 waren mehr als zwölf Gedichtbände erschienen.

Herausgeber, Übersetzer, Akademiepräsident

Krüger übersetzte und bearbeitete unter anderem Bücher von Peter Sís, Madonna, Barack Obama und David Grossman. Piero Salabè schrieb 2025, Krüger habe über vier Jahrzehnte das Bild der Lyrik in Deutschland geprägt – auch als Übersetzer und Herausgeber von Werken von Joseph Brodsky, Tomas Tranströmer, Seamus Heaney und Charles Simic.

Gemeinsam mit Ursula Haeusgen und Raoul Schrott gehört Krüger zu den Gründungsherausgebern der Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, die seit 2006 erscheint. An mehreren Literaturzeitschriften, Anthologien und Editionen war er beteiligt: an „Tintenfisch“ gemeinsam mit Klaus Wagenbach, an „Akzente“ zunächst mit Hans Bender und ab 1981 als alleiniger Herausgeber, an der Edition Akzente bei Hanser seit 1983 sowie am „Jahrbuch der Lyrik“ gemeinsam mit Christoph Buchwald. Hinzu kam die Edition Lyrik Kabinett bei Hanser seit 2006 und – gemeinsam mit Federico Italiano – „Die Erschließung des Lichts“ zur italienischen Gegenwartslyrik.

Zu den weiteren herausgegebenen Hörbuch- und Literaturprojekten zählen „The Poets’ Collection“ (2018), „Klassiker! Über die Literatur und das Leben“ (2020), „Lyrikstimmen“ (2022), „Prosastimmen“ (2022) und „Jahrhundertstimmen 1900–1945