Münsters Forschungscampus Ost verbindet Gehirn, Körper und Klinik
Am 8. Oktober 2026 hat NRW-Wissenschaftsministerin Ina Brandes die Forschungsneubauten MedForCe und Body & Brain Institute Münster (BBIM) der Universitätsmedizin Münster eröffnet. Heute, am 9. Oktober, ist der erste große Eröffnungstag also gerade vorbei – und am Campus Ost dürfte noch einiges nachklingen.
Das aus vier Kuben bestehende Ensemble an den neuen Adressen Domagkstraße 24 und 40 umfasst rund 16.500 Quadratmeter Nutzfläche. Fertig wurde es nach sechs Jahren Bauzeit. Für das Land Nordrhein-Westfalen belaufen sich Bau- und Ersteinrichtungskosten auf knapp 216 Millionen Euro, der Bund steuerte rund 32 Millionen Euro für das BBIM bei.
700 Menschen arbeiten bereits in den Neubauten
In den Gebäuden sind schon rund 700 Beschäftigte des Universitätsklinikums Münster und der Universität Münster tätig. Mindestens 200 weitere sollen hinzukommen. Untergebracht sind unter anderem etwa ein Dutzend Forschungsgruppen, die Institute für Medizinische Mikrobiologie, Hygiene und Virologie, das Humangenetik-Centrum sowie die Zentrale Biobank.
Nach Angaben der Ministerin sollen künftig rund 900 Forschende gemeinsam an Infektions- und Krebserkrankungen sowie an neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen arbeiten. Das BBIM wird ausschließlich für Forschung genutzt, das MedForCe überwiegend. Die Nähe zwischen Labor, Klinik und Spezialdiagnostik ist dabei kein Nebensatz, sondern der Kern des Konzepts: Medizinische Fachdisziplinen, spezielle Labordiagnostik und klinische Versorgung rücken räumlich enger zusammen.
Das BBIM ist ein sechsgeschossiges Forschungsgebäude und direkt mit dem benachbarten MedForCe verbunden. Sein Sockelgeschoss erhält eine Klinkerfassade, darüber liegen großflächige, geschosshohe Verglasungen. Geplant sind moderne Büro- und Laborflächen für rund 205 Mitarbeitende. Spezialbereiche sollen medizinische Spitzenforschung und die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Technik und klinischer Praxis ermöglichen.
Wenn Gehirn und Körper miteinander reden
Inhaltlich geht es im BBIM um die Wechselwirkungen zwischen Gehirn und Körper. Der Ansatz ist interdisziplinär und translationsorientiert – die Wege vom Krankenbett ins Labor und zurück sollen kurz bleiben. Untersucht werden unter anderem Multiple Sklerose, Autoimmunenzephalitiden und Angststörungen.
Rund 200 Mitarbeitende aus verschiedenen Disziplinen sollen dort forschen. Zur Ausstattung gehören Büro- und Laborflächen, Bereiche für Tierforschung, ein MRT, MEG, Durchflusszytometrie, Next-Generation-Sequencing und ein GMP-Bereich. Das Gebäude ist in zwei Bereiche gegliedert: In den oberen Etagen liegen Büro- und Laborcluster mit Nebenräumen, im Untergeschoss Medienzentralen und eine Bildgebungszentrale. Ein MRT-Gerät ist bereits installiert; weitere Großgeräte wie MEG, Zell-Sorter-Systeme und Prodigys sollen angeschafft werden.
Das BBIM wurde Ende April 2025 an die Medizinische Fakultät übergeben. Die ersten Institute und Kliniken bezogen ihre Räume im Mai und Juni 2025, weitere Einzüge waren für September vorgesehen. Seit April 2026 ziehen die neuen Nutzer in das MedForCe ein, der Abschluss der Umzüge wird für den Spätsommer 2026 erwartet. Rund 690 Forschende sollen dadurch eine neue berufliche Heimat auf dem Campus erhalten.
Forschungsflächen ohne festes Themenregal
Im MedForCe gibt es keine festen thematischen Vorgaben. Die Medizinische Fakultät vergibt Forschungsflächen in internen Wettbewerbsverfahren an Arbeitsgruppen. Nach festgelegten Fristen wird geprüft, ob die angekündigten Forschungsergebnisse erreicht wurden. Davon hängt ab, ob eine Gruppe die Flächen länger nutzen kann.
Das UKM erwartet, dass wissenschaftliche Erkenntnisse dadurch schneller in die Patientenversorgung gelangen. Gebündelte Spezialdiagnostik und Expertise sollen außerdem der gesamten Versorgungsregion zugutekommen. Mit dem benachbarten Studienlabor und Servicezentrum bildet das Ensemble eine städtebauliche Weiterentwicklung am Coesfelder Kreuz. Die Neubauten verändern die Campuszufahrt sichtbar und geben dem äußeren Erscheinungsbild der Universitätsmedizin Münster ein neues Gesicht.
Das BBIM umfasst rund 4.000 Quadratmeter Forschungsinfrastruktur und bildet mit dem MedForCe einen zusammenhängenden Baukörper. Beide Gebäude sind das Zentrum des neuen Forschungscampus Ost. Die direkte Verbindung und die Nähe zum Universitätsklinikum sollen interdisziplinäre Zusammenarbeit und technologische Entwicklungen unterstützen; die Universität Münster will damit die medizinische Forschung am Standort stärken.
Vom Schotterparkplatz zum Forschungscampus
Die Geschichte des Projekts reicht zurück bis in die 1980er-Jahre. Damals blieb das neue Universitätsklinikum aus Kostengründen unvollendet: Von vier ursprünglich geplanten Türmen wurden nur zwei errichtet. Raumnot und fehlende Kapazitäten überbrückte man danach mit Umbauten, Anbauten, Containern und angemieteten Räumen – eher Stückwerk als großer Wurf.
Spätere Neubaupläne flossen in einen übergeordneten Masterplan für eine funktionale Neuordnung des Campus ein. Gegenüber der Mensa am Coesfelder Kreuz, wo zuvor ein Schotterparkplatz lag, wurde der „Forschungs-Campus Ost“ vorgesehen. Ein Grundstückstausch machte die Überplanung des Areals möglich. Im Januar 2020 begann der Bau mit dem ersten Spatenstich. Zwei Wochen später wurde in Deutschland die erste SARS-CoV-2-Infektion festgestellt.
Danach kamen Pandemie, Lieferengpässe und Preissteigerungen. Das UKM und die UKM IM GmbH hielten das Vorhaben nach eigenen Angaben dennoch mit speziellen Vertragsmodellen und Projektsteuerung im vorgesehenen Zeit- und Kostenrahmen. Ganz ohne Reibung dürfte das kaum gegangen sein.
Der Forschungscampus Ost erstreckt sich vom Coesfelder Kreuz entlang der Domagkstraße bis zur Kreuzung des Rishon-Le-Zion-Rings mit der Waldeyer Straße. Die Medizinische Fakultät und das UKM planen ihn auf dem östlichen Klinikgelände, das UKM Infrastruktur Management übernimmt die baufachliche Betreuung. Der Campus ist Teil des gemeinsamen Masterplans von UKM und Medizinischer Fakultät.
Vorgesehen sind gemeinsame Forschungsflächen, weniger extern angemietete Räume und eine stärkere räumliche Strukturierung des Medizin-Campus nach Krankenversorgung, Forschung und Lehre sowie nach kooperierenden Fachdisziplinen. Der Forschungscampus soll überwiegend der Forschung dienen. Labore aus den Bereichen Infektionsmedizin, Krebsforschung, Zell- und Regenerationstherapie sowie neuropsychiatrische Forschung sollen dort zusammenkommen.
Weitere Einrichtungen sind ein Parkhaus für Beschäftigte, ein Studienlabor, ein Verwaltungsgebäude und ein Versorgungszentrum. Das gemeinsame Eröffnungsfest für BBIM und MedForCe war für Oktober 2026 geplant – nun ist es also so weit. Auf dem Weg zur Domagkstraße sieht man davon vor allem erst einmal Fassaden, Glas und viel Bewegung hinter den Fenstern. Dahinter beginnt der Teil, der länger dauert: Forschung.
